Klima-Blockaden in Berlin „Wir machen unseren Protest nicht, um zu stören“

Berlin · Die Proteste der Letzten Generation weiten sich aus: Mit zahlreichen Straßenblockaden sorgten die Aktivisten am Montag für mehr als 30 Kilometer Stau in Berlin – und spalten damit die Gesellschaft. Ein Bericht aus den Straßen der Hauptstadt.

Klimakleber: Letzte Generation behindert Verkehr in Berlin
12 Bilder

Klimaaktivisten behindern den Verkehr in Berlin

12 Bilder
Foto: dpa/Hannes P Albert

Lautes, konstantes Hupen dröhnt von der Straße, auf der Gegenspur ruft ein Mann „Scheiß Aktivisten!“ aus dem fahrenden Auto. Dutzende Fahrzeuge stehen am Mittag am Berliner Hohenzollerndamm im Stau. Stadteinwärts ist der Verkehr dicht. Der Grund: Auf der Straße sitzen fünf Aktivisten der Letzten Generation im Schneidersitz, ihre Hände teils auf dem Boden festgeklebt. Drumherum Kamera-Teams, Schaulustige und Polizisten. Und ein Mann, der wütend und wild gestikulierend auf die Aktivisten einredet.

Szenen wie diese sind nicht neu, doch am Montag nahmen die Proteste neue Dimensionen an: An rund 40 Orten im Berliner Stadtgebiet besetzten die Aktivisten Straßen, wie die Berliner Polizei berichtet. Auch die Stadtautobahn A100 war zwischenzeitlich für mehrere Stunden blockiert. Autos standen bis zu zwei Stunden im Stau. Der ADAC zählte in den frühen Morgenstunden eine Gesamtstaulänge von bis zu 30 Kilometern.

Mit diesen Aktionen verfolgt die Klimagruppe ein Ziel: Sie will ganz Berlin lahmlegen – und zwar auf unbestimmte Zeit. Der Protest soll erst enden, wenn die Bundesregierung auf die Bedingungen der Gruppe eingeht. Sie fordert die Einsetzung eines Gesellschaftsrats mit gelosten Mitgliedern. Dieser soll Maßnahmen erarbeiten, wie Deutschland bis 2030 die Nutzung fossiler Rohstoffe beendet. „Wir machen unseren Protest nicht, um zu stören. Wir machen unseren Protest, damit wir diese Regierung zum Handeln bewegen“, sagt Carla Hinrichs, Sprecherin der Letzten Generation, unserer Redaktion. Nach Angaben der Letzten Generation sind seit Mittwoch 800 Aktivisten und Aktivistinnen angereist, um sich an den Blockaden zu beteiligen. Schon früh am Morgen gegen 7.30 Uhr klebten sie sich an zahlreiche Straßen.

Viele Aktionen der Aktivisten konnte die Polizei bereits am Mittag auflösen, darunter Straßenblockaden am Ernst-Reuter-Platz und der Siegessäule. Und auch am Hohenzollerndamm kommt Bewegung rein: Innerhalb weniger Minuten trägt die Polizei alle fünf Aktivisten von der Straße und auf den Gehweg. Die Autofahrer setzen ihre Fahrt fort. Doch schon wenige Minuten später sprinten vier der Aktivisten wieder los. Die Polizei reagiert schnell, trägt die Personen erneut weg und legt ihnen diesmal Handschellen an. Für die vier Wiederholungstäter bedeutet das nun die Festnahme und Vorführung vor einem Richter, wie eine Sprecherin der Polizei vor Ort mitteilt.

Andernorts spielen sich gewaltsame Szenen ab. Videos im Internet zeigen, wie Mitglieder der Letzten Generationen von Autofahrern an den Haaren von der Straße gezogen oder sogar angefahren werden. Laut Berliner Staatsanwaltschaft hat die Polizei bislang acht Vorfälle geprüft, bei denen Autofahrer Klimademonstranten angegriffen haben sollen. „Die Straßenblockaden der Letzten Generation spalten die Gesellschaft, anstatt die Akzeptanz für den Klimaschutz zu erhöhen – wie man nicht zuletzt an den Reaktionen der blockierten Verkehrsteilnehmer ablesen kann“, sagt FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai unserer Redaktion. Ihn ärgere besonders, dass durch solche künstlich herbeigeführten Gefahrensituationen nun hunderte Polizisten und andere Sicherheitskräfte gebunden seien, die anderswo dringender gebraucht werden.

Die Berliner Feuerwehr zieht am Nachmittag eine Zwischenbilanz und spricht von 15 Einsatzfahrzeugen, die durch Blockaden von Klimaaktivisten behindert worden seien – „sieben davon waren auf einer Alarmfahrt oder mussten zu einem dringlichen Notfall“, so ein Sprecher gegenüber unserer Redaktion. In einigen Situationen seien Ersatzfahrzeuge losgeschickt worden. Laut Polizei waren am Nachmittag 40 Personen in Polizeigewahrsam.

Völlig „lahmgelegt“, wie die Letzte Generation es angekündigt hatte, war Berlin aber nicht. Im Großteil der Stadt verlief der Verkehr gewohnt flüssig. Ein Misserfolg? „Erfolgreich sind wir, wenn wir nicht mehr in eine Katastrophe rasen. Erfolgreich sind wir, wenn ich sichergehen kann, dass diese Regierung einen Plan hat, wie sie uns aus dieser Krise rausholen will. Das hat sie gerade nicht. Sie befeuert eine Katastrophe, die mein Leben maßgeblich beeinflussen wird, die dafür sorgen wird, dass wir uns um Wasser und Lebensmittel streiten werden. Deswegen bin ich hier und wir sind erfolgreich, wenn wir das abgewendet haben und solange werden wir das weitermachen“, sagt Hinrichs.

Weitermachen – darauf stellt sich auch die Berliner Polizei ein. „Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass weitere Blockaden folgen“, so eine Sprecherin vor Ort. Am Montag seien bereits 500 Polizisten im Einsatz gewesen. „Wir werden gucken, ob das heute ausreichend war oder ob wir morgen mehr Kräfte in den Einsatz bringen und unsere Maßnahmen nochmal überdenken, um schneller vor Ort und noch konsequenter zu sein.“

(mit dpa-Material)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort