Strahlenschutzamt-Chefin Inge Paulini „Wir haben ganz andere Gefährdungslagen als Unfälle in Kernkraftwerken“

Berlin · Auch wenn in Deutschland keine Kernkraftwerke mehr in Betrieb sind: Die Zeitenwende hat ganz neue Gefahren gebracht. Das Bundesamt für Strahlenschutz beobachtet die Lage ständig. Präsidentin Paulini erklärt die Szenarien.

 Das Kernkraftwerk Saporischschja aus einer Entfernung von etwa zwanzig Kilometern.

Das Kernkraftwerk Saporischschja aus einer Entfernung von etwa zwanzig Kilometern.

Foto: dpa/Leo Correa

2023 wurden die letzten drei Atommeiler in Deutschland abgeschaltet. Sind wir jetzt sicherer, was radioaktive Strahlung angeht?

Paulini Das kann man nicht so einfach mit ja oder nein beantworten. Wir haben wegen der Zeitenwende leider ganz andere Gefährdungslagen als Unfälle in Kernkraftwerken. Gerade hatten wir den zweiten Jahrestag des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und wir haben erlebt, was davor für viele undenkbar schien: dass es Krieg in Europa gibt und Kriegshandlungen in der Nähe von Kernkraftwerken.

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986, die Angst vor der radioaktiven Wolke und daran, dass wir jahrelang keine Pilze essen sollten. Haben die Kämpfe um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja diese Ängste wieder hochkommen lassen?

Paulini Bei uns gingen viele Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern ein. Das Informationsbedürfnis war sehr groß und auch die Sorgen. Viele fühlten sich an den Unfall in Tschornobyl, so spricht man es auf Ukrainisch aus, erinnert. Auch unser unmittelbares Arbeiten hat sich geändert. Wir beobachten die Situation in der Ukraine seither laufend und überprüfen täglich die Werte von etwa 600 ukrainischen Messeinrichtungen für Radioaktivität. Wir haben außerdem unsere Rufbereitschaft verstärkt: Gruppen aus Beschäftigten des Bundesamtes für Strahlenschutz können innerhalb von einer Stunde zusammenkommen, sobald erhöhte Strahlenwerte gemessen werden, um die Daten zu analysieren.

Wie gehen Sie vor, wenn ein Notfall eintritt?

Paulini Wenn sich ein Unfall in der Ukraine ereignen würde, dann könnte Radioaktivität nur unter bestimmten Umständen nach Deutschland gelangen. Das hängt von der Menge und der Zusammensetzung der ausgetretenen radioaktiven Stoffe ab, der Höhe der Freisetzung sowie von der Richtung der Luftmassen. Wir tauschen uns daher ständig mit dem Deutschen Wetterdienst aus. Es sind nur etwa 60 Tage im Jahr, an denen die Luftmassen sich in unsere Richtung bewegen. Wir wissen, dass es dann etwa ein bis zwei Tage dauert, bis sie da sind. Aber in den letzten zwei Jahren war kein Austritt von Radioaktivität in der Ukraine zu beklagen.

Die Reaktoren des AKW Saporischschja sind inzwischen heruntergefahren. Trotzdem sind Unfälle nicht ganz ausgeschlossen. Wie schnell würden Sie die Bevölkerung im Notfall informieren?

Paulini Wir informieren immer über unsere Internetseite. Wir sind auch im engen Kontakt mit dem Bevölkerungsschutz und der Katastrophenhilfe in Bund und Ländern. Was die Ukraine angeht, gibt es nach unseren Erkenntnissen kein Szenario, bei dem Menschen in Deutschland Jodtabletten einnehmen oder evakuiert werden müssten. Das Szenario, das wir betrachten, bezieht sich auf Lebensmittel und Nahrungsmittel, also alles, was draußen auf dem Feld wächst. In den Notfallplänen ist aber sehr gut geregelt, was noch auf den Markt kommen dürfte, wenn es zu einer radioaktiven Belastung käme.

Sie verfügen mit 1700 Sonden über das dichteste Netz der Welt zur Messung von Radioaktivität. Können Sie damit auch den neuen Bedrohungen gut begegnen?

Paulini Wir brauchen nicht mehr Sonden zur Messung von Strahlenbelastung, aber wir müssen unser Netzwerk modernisieren, es widerstandsfähiger machen. Denn das sogenannte ODL-Messnetz, mit dem wir rund um die Uhr die Ortsdosisleistung messen, ist die Grundlage für jede Lagebewertung. Die geopolitische Lage ist fragiler geworden und wir müssen etwa auf Cyberangriffe vorbereitet sein. Solche Angriffe könnten unsere Fähigkeit beeinträchtigen, die Lagen richtig einzuschätzen. Deshalb sollte übrigens auch dieser Teil des Bundesamtes für Strahlenschutz unter das aktuell politisch diskutierte KRITIS-Dachgesetz fallen, mit dem kritische Infrastrukturen besser geschützt werden sollen. Wir müssen in einer Krise handlungsfähig bleiben.

 ARCHIV - 01.05.2022, Ukraine, Enerhodar: Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto, bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine. Nach dem Beschuss des südukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja wächst die Gefahr einer weiteren Eskalation des Krieges. (zu dpa "Heikle Lage an ukrainischem AKW - Weitere Getreide-Frachter unterwegs") Foto: -/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 01.05.2022, Ukraine, Enerhodar: Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto, bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine. Nach dem Beschuss des südukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja wächst die Gefahr einer weiteren Eskalation des Krieges. (zu dpa "Heikle Lage an ukrainischem AKW - Weitere Getreide-Frachter unterwegs") Foto: -/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa/-
  Foto: dpa

Foto: dpa

Foto: Carsten Koall /dpa

Noch einmal zurück zur ersten Frage: Wir haben zwar keine laufenden Kernkraftwerke mehr in Deutschland, aber in Nachbarländern gibt es die schon. Wie gefährdet sind wir dadurch?

Paulini Radioaktivität macht natürlich an den Grenzen nicht halt. Es gibt sieben Kernkraftwerke, die weniger als 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt sind. Insgesamt sind es 17, also zusätzlich zehn, die weniger als 300 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt liegen. Daher ist die mögliche Freisetzung von Radioaktivität bei Kernkraftwerks-Unfällen in Nachbarstaaten auch ein Szenario, das wir uns laufend anschauen. Der Bund hat Jodtabletten für die komplette Bevölkerung in Deutschland besorgt und an die Länder verteilt. Die sorgen für die Verteilung im Notfall. Menschen sollten in einem solchen Fall zu Hause bleiben, sofern keine Evakuierung angeordnet ist. Denn die eigenen vier Wände bieten einen gewissen Schutz, das Auto nicht. Es hat aber bisher in Deutschland noch nie eine solche Situation gegeben.

(mdu)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort