„Sie haben darauf ‚ja, ja‘ gesagt“ Wie Strack-Zimmermann Lanz mit seinem Verhalten konfrontiert

Meinung | Hamburg · Beim Thema Antisemitismus sagt Strack-Zimmermann: „Herr Lanz, eigentlich müssten wir jetzt mal für zwei Minuten den Platz tauschen.“ Zeigt sich nun, wie sich Lanz als Gesprächspartner macht?

Moderator Markus Lanz im Gespräch mit der FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann in der Talkshow „Markus Lanz“ am 19. Oktober 2023.

Moderator Markus Lanz im Gespräch mit der FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann in der Talkshow „Markus Lanz“ am 19. Oktober 2023.

Foto: ZDF

Bei „Markus Lanz“ geht es am Donnerstagabend einmal mehr um die Lage im Nahen Osten. Dabei beschreibt zunächst die aus Tel Aviv zugeschaltete Reporterin Katrin Eigendorf die Stimmung im Westjordanland. „Es ist ein paar gemäßigten Leuten gelungen, die Leute bei den Demos zumindest tagsüber einzufangen, aber die Wut, der Zorn, ist sehr, sehr groß.“ Damit habe die Hamas erreicht, was sie wollte.

Die von einem Besuch in Tunesien zurückgekehrte FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann bestätigt das Bild mit den vollmundigen Formulierungen, für die sie bekannt ist. Als Kontext erklärt sie zunächst, ihre Gesprächspartner in Tunis seien zwar Abgeordnete gewesen, aber im Gegensatz zu den demokratischen Regeln in Deutschland könnten diese ihrem Staatschef gegenüber keine Kritik äußern. Sie hätten die Hamas gelobt. „Ich habe den vier Herren gesagt: Sie sind vier Männer, ich gehe mal davon aus, wenn Sie kämpfen würden, dann würden Sie sich nicht hinter Frauen, Kranken und Kindern verschanzen, sondern mit offenem Visier.“

Doch Strack-Zimmermann richtet ihre Kritik nicht nur an Männer jenseits des Mittelmeers, sondern auch an einen Anwesenden. Zunächst verweist sie darauf, dass sich der „Hass gegen Israel“ und Antisemitismus auch in Deutschland zeige, und die Talkshow-Redaktion blendet Bilder von einer Demo mit palästinensischen Fahnen ein. Aber dann sagt die FDP-Politikerin an den Moderator gewandt: „Herr Lanz, eigentlich müssten wir jetzt mal für zwei Minuten den Platz tauschen.“

Nun spricht Strack-Zimmermann von Lanz‘ Podcast mit dem Philosophen Richard David Precht, bei dem die beiden sich über orthodoxe Juden unterhielten und „Tage, an denen man seiner Arbeit nicht nachgehen kann“. Precht hatte dabei unter anderem eine unter Antisemiten, Rechtsextremen und Verschwörungsgläubigen beliebte Berufszuschreibung mit Juden verbunden.

Dazu sagt Strack-Zimmermann nun, Precht habe „völlig ohne rot zu werden solche antisemitische Platitüde rausgehauen“ und zitiert den Philosophen, bis Lanz unterbricht: Das habe jener so nicht gesagt. „Herr Lanz, ich habe es gehört“, erwidert die FDP-Politikerin ungerührt.

Lanz versucht, das Thema abzuschließen und führt eine „ausführliche“ Entschuldigung Prechts ins Feld. Doch Strack-Zimmermann setzt sich damit durch, dass sie ihren Gedanken zu Ende führen wolle. Offenbar geht es ihr – im Gegensatz zu Talkshow-Gepflogenheiten – gar nicht darum, nicht anwesende Dritte zu kritisieren, sondern um das Verhalten von Lanz. Abermals wendet sich die Düsseldorfer Politikerin an den Moderator: „Sie haben darauf ‚ja, ja‘ gesagt, und dann ging das Thema weiter.“

Nach dieser Kritik wird Strack-Zimmermann grundsätzlich. „Wenn auf der einen Seite der Mob auf der Straße tobt, auf der anderen Seite aber die bürgerliche Mitte, oder ich sage mal, die Intellektuellen, in diesem Land anfangen, mit solchen Stereotypen zu arbeiten, was knallharter Antisemitismus ist, den ich Ihnen persönlich nicht unterstelle. Aber wenn man nicht mal mehr das Gespür dafür hat, was geht und was nicht, dann, finde ich, sollten wir alle schauen, nicht nur, was auf der Straße ist, sondern auch in den Salons dieser Gesellschaft.“

Damit baut Strack-Zimmermann Lanz eine Brücke. Er könnte ihr zustimmen, dass antisemitische Äußerungen überall, also auch in Talkshows oder Podcasts sofort entlarvt und kritisiert werden müssten. Oder er könnte sich dafür entschuldigen, dass dies in seinem eigenen „Salon“ nicht geschah. Oder er könnte versuchen, das kritisierte Verhalten seinerseits zu erklären. Aber keine dieser Chancen nimmt der Moderator wahr.

Markus Lanz: Das ist der Talkshow-Moderator – Fotos
16 Bilder

Das ist Markus Lanz

16 Bilder
Foto: dpa/Georg Wendt

Stattdessen wehrt sich Lanz gegen die Verbindung, die Strack-Zimmermann aufgezeigt hat, und relativiert nicht nur sein fehlendes Einschreiten während des Podcasts, sondern auch die Äußerungen selbst. „Ich finde es schwierig, von meiner Person, von der Person Richard David Prechts eine direkte Linie zu ziehen zu dem, was auf deutschen Straßen zum Teil stattfindet“, sagt der Moderator. Dann spricht er von Kontext und führt die Einladung von Holocaust-Überlebenden in seine Talkshow als Beweis für seine Unantastbarkeit in Fragen des Antisemitismus an.

Wer sich gründlich mit Antisemitismus, mit dem Holocaust und seinen Opfern befasst hat, müsste eigentlich geharnischt und vehement auf Äußerungen wie jene von Precht reagieren. Doch genau das hat Lanz in dem Podcast nicht getan.

Sein Argument hat noch eine andere Schwäche. In der Vergangenheit musste zum Beispiel ein peinlich berührter Cem Özdemir den Moderator Lanz während der Sendung mit der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer daran erinnern, was Respekt bedeutet.

Das scheint auch Strack-Zimmermann zu versuchen, als sie Lanz auf den aktuellen Moment zurücklenkt. „Jetzt ist nicht die Zeit für Zweideutigkeiten“, räumt Lanz ein. Dann lobt er Prechts Charakter. Einen Anlass, sich für sein eigenes Verhalten zu entschuldigen, sieht Lanz offenbar nicht. Er weicht auf Themen weit von Antisemitismus entfernt aus und bricht einen verwirrenden Streit mit Strack-Zimmermann vom Zaun, den ein Zwischenruf der Politikerin gut zusammenfasst: „Kein Whataboutism“, sagt sie. Schön wär’s.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort