Umgang mit dem Nahost-Krieg in Deutschland Steinmeier fordert mehr Unterstützung für Schulen

Berlin · Am Runden Tisch im Schloss Bellevue diskutierten Lehrer, Schüler und der Bundespräsident, wie sich der Krieg in Nahost auf die Schulen im Land auswirkt. Dabei wurde deutlich, dass nicht nur jüdische Kinder seit dem Angriff vor Problemen stehen. Und, dass Pädagogen mehr Unterstützung brauchen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (m) sprach mit Lehrern, Schülern und Vertretern von Bildungsinititiven über die Auswirkungen des Krieges in Nahost auf Schulen in Deutschland.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (m) sprach mit Lehrern, Schülern und Vertretern von Bildungsinititiven über die Auswirkungen des Krieges in Nahost auf Schulen in Deutschland.

Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Der Krieg zwischen Israel und der Hamas strahlt längst auch in die Schulen in Deutschland. Von antisemitischen aber auch antimuslimischen Äußerungen, palästinensischen Flaggen auf dem Schulhof und dem Gefühl, nicht zur Gesellschaft zu gehören, berichteten Lehrer, Schüler und Vertreter von Bildungsinitiativen am Donnerstag im Schloss Bellevue. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte zu einem Gespräch am Runden Tisch über die Auswirkungen des Krieges auf die Schulen eingeladen.

Steinmeier forderte langfristige Unterstützung für Schulen im Umgang mit Antisemitismus, Rassismus, Hass und Gewalt. Die Schulen sollten mehr Hilfe bekommen, um den Zusammenhalt in den Schulgemeinschaften und damit auch in der Gesellschaft zu stärken. „Wir müssen uns um die Prävention von Hass und Gewalt kümmern, statt immer nur Feuerwehr zu spielen, wenn es brennt“, sagte Steinmeier. Schulen seien Orte der Demokratie, an denen Vielfalt, Meinungsfreiheit und Offenheit gelebt würden – an denen auch irritierende Aussagen erlaubt seien. Für das gemeinsame Zusammenleben in Deutschland gelte aber auch, dass jeder Schüler die deutsche Geschichte kennen muss. „Jede und jeder muss wissen, was Auschwitz bedeutet und welche Verantwortung daraus für uns erwächst“, mahnte Steinmeier.

Wie nötig diese Unterstützung für Lehrkräfte und mittelbar auch Schüler ist, zeigte sich im anschließenden Gespräch. Aimo Görne, Vorsitzender des Landesschülerausschusses Berlin, berichtete etwa, wie der Nahostkrieg seit dem Angriff der Hamas Thema in den Schulen ist. Hier eine gehisste Palästinaflagge im Unterricht, dort antisemitische Äußerungen im Klassenchat. Die Diskurse würden mittlerweile weniger im Unterricht, sondern in privaten Gesprächen, Chats und auf Social Media stattfinden.

Mehmet Can, Lehrer in Berlin-Neukölln, berichtete, dass er und seine Kollegen derzeit gefordert seien wie nie. Mit vielen Gesprächen und Maßnahmen zur Sensibilisierung würden sie den Konflikt und die Fake News, die online gestreut würden, einordnen. Die Schüler seien jedoch nicht per se fanatische Antisemiten. Sondern Jugendliche, die Orientierung in komplexen Fragen bräuchten und für judisches Leben sensibilisiert werden müssten.

Aliyeh Yegane Arani, Leiterin der Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen in Berlin, warnte in dem Zusammenhang davor, die Situation muslimischer Schüler und von Kindern mit Migrationshintergrund zu vernachlässigen. Sie berichtete von Fällen, in denen Lehrkräfte sich antimuslimisch oder antipalästinensisch geäußert hätten. „Es kommt zu einem Grundgefühl bei den Schülern, dass sie nicht dazugehören“, sagte Arani. Gerade in der Schule brauche es aber einen offenen Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven gehört werden.

Dass bei gesellschaftlichen Problemen häufig nur auf die Schulen verwiesen würde, greife zu kurz, sagte Steinmeier. Dennoch zeige die Überforderung vieler Pädagogen – die angesichts der komplexen und vielfältigen Belastung verständlich sei – Handlungsbedarf. Pädagogen bräuchten Unterstützung von außen, sagte Katharina Günther-Wünsch, Berliner Bildungssenatorin. Neben Unterrichtsmaterial brauche es konkrete und authentische Projekte, auch in Zusammenarbeit mit Bildungsinitiativen. Punktuell gebe es bereits gute Projekte, so Günther-Wünsch. Aus ihnen müsse ein ganzheitlicher Ansatz entstehen.

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