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Bundestag berät über umstrittenes Thema: Stammzellenforschung - das große Dilemma

Bundestag berät über umstrittenes Thema : Stammzellenforschung - das große Dilemma

Düsseldorf (RP). Heute berät der Bundestag in erster Lesung über eine Verschiebung des Stichtags zur Einfuhr embryonaler Stammzellen. Der Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe (CDU) und die Forscher Wolfgang-Michael Franz und Bodo-Eckehard Strauer erläutern ihre Positionen.

Frage: Nehmen sich Politiker und Forscher in der Stammzelldebatte gegenseitig überhaupt ernst?

Hüppe: Ich denke, wir nehmen die Forscher ernst. Man muss nur beachten, dass jeder gewisse Interessen vertritt. Wir sollten alle Seiten anhören, aber nicht alles glauben.

Strauer: Die Politik tut immer gut daran, die Forscher ernst zu nehmen und umgekehrt.

Franz: Das beste Beispiel dafür, dass wir die Politik ernst nehmen, ist das Jahr 2001, als embryonale Stammzellen importiert waren, ohne dass es eine Gesetzesregelung gab. Einige Forscher haben damals gesagt: Wir legen die Arbeit so lange auf Eis. Erst danach konnten wir die Forschung beim Robert-Koch-Institut genehmigen lassen. Es ist wichtig, mit der Gesellschaft in Einklang zu sein, da wir unsere Erkenntnisse auch mit Steuergeldern gewinnen.

Frage: Welche neuen Möglichkeiten hätten Sie durch die Stichtags-Verschiebung?

Franz: Wir könnten neue Stammzelllinien einführen, die leichter zu züchten sind und die dem internationalen Standard entsprechen. Die derzeitig verfügbaren 27 Linien in Deutschland sind verunreinigt oder genetisch verändert. Es ist wie im Tennis: Wenn man in Wimbledon mitspielen möchte, dann braucht man auch einen vernünftigen Schläger, einen neuen Schläger.

Frage: Sehen Sie das auch so? Sind die alten Zelllinien nicht mehr brauchbar?

Hüppe: Für Politiker ist immer wichtig, was messbar ist. Wenn Sie sagen, dass es weltweit 500 Zelllinien gibt, ist davon nur ein kleiner Teil überhaupt verfügbar. Selbst wenn man den Stichtag verschiebt, dürfen gewisse Linien hier nicht verwendet werden, weil sie genetisch verändert oder mit Präimplantationsdiagnostik hergestellt sind.

Frage: Soll das heißen, dass man auch Präimplantationsdiagnostik (PID) und Klonen zulassen sollte?

Franz: Ich möchte ganz klar betonen, dass ich keine Debatte über PID und Klonen führen will. Es geht uns hier nur um den Stichtag, und wir brauchen die humanen embryonalen Stammzellen als Vergleichsmöglichkeit und können in diesem ganzen Forschungszweig nicht weiterkommen, wenn wir nicht beide Wege komplementär verfolgen.

Frage: Welchen Nutzen kann die embryonale Stammzellforschung vorweisen?

Franz: Die Forschung ist so jung, maximal sechs Jahre alt. Es geht bei uns noch um Grundlagenforschung, um die Erkenntnis: Wie entwickelt sich ein Herz? Wie programmiere ich eine frühe Zelle?

Strauer: Die Frage ist ja, ob Sie in Anbetracht des hohen Tumorpotenzials der embryonalen Stammzellen überhaupt erwarten, dass Ihre Forschung irgendwann klinisch relevant wird, oder forschen Sie nur um der Stammzelle willen?

Franz: Natürlich wollen wir die Forschung übertragbar machen. Das tun wir, indem wir die Programmierung von Stammzellen zur Herzzelle verfolgen. Der weitere Forschungsbedarf ist enorm hoch.

Frage: Wer in der Forschung erfolgreich sein will, muss möglichst viele menschliche Embryonen verbrauchen?

Franz: Nein, diese These finde ich nicht tragbar. Diese Frage stellt sich nicht. Momentan entstehen vier von 100 Kindern durch künstliche Befruchtung. Gleichzeitig schließt die Gesellschaft die Augen davor, dass bei der Erfüllung des Kinderwunsches "überzählige" Embryonen in Form von Zellhaufen entstehen. Aus meiner Sicht ist es moralisch vertretbar, dass diese Embryonen freiwillig für Forschungszwecke gespendet werden. Und nur um solche Embryonen geht es bei der Liberalisierung des Stichtags.

Frage: Sind die Erkenntnisse der embryonalen Forschung unverzichtbar für die Nutzbarmachung der adulten?

Franz: In dieser Absolutheit würde ich sagen: Nein. Aus meiner Sicht sind das zwei verschiedene Richtungen. Die eine ist etwa, nach einem Herzinfarkt Knochenmarks-Stammzellen zu geben. Der therapeutische Nutzen des Verfahrens ist jedoch bisher nicht erwiesen. Auf der anderen Seite ist das Grundlagenverständnis bzw. das Herstellen von Herzmuskelgewebe außerhalb des Körpers nur möglich, wenn ich eine zuverlässige Quelle habe - und die bestmögliche sind für uns embryonale Stammzellen. Derzeit gibt es dazu keine Alternative.

Strauer: Da muss ich Ihnen widersprechen. Es sind zwei Wege, die sich nicht befruchten. Es ist natürlich interessant zu wissen, was die embryonale Stammzellforschung ergibt. Sie zeigt jedoch noch keine klinischen Ergebnisse.

Franz: Es ist absurd, dass Sie die nicht vorhandenen klinischen Erfolge als Gegenargument bringen. Für einen klinischen Test haben wir keine Erlaubnis. Das Gesetz verbietet es.

Frage: Was ist mit fetalen Stammzellen von abgetriebenen Föten? Könnten sie die embryonalen ersetzen?

Franz: Das ist eine absolute Schieflage in unserer Gesellschaft. Rein rechtlich gesehen könnten Sie aus abgetriebenen Embryonen Herzmuskelzellen herstellen. Ich hätte aber ein Riesenproblem damit, an fetalen Stammzellen zu forschen, wesentlich mehr als an importierten embryonalen Stammzellen, die freiwillig gespendet wurden.

Frage: Herr Hüppe, was denken Sie über die liberal-forschungsfreundliche Position Ihrer Parteikollegin und Bundesbildungsministerin Annette Schavan?

Hüppe: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich enttäuscht bin von Frau Schavan. Sie hat sehr oft damit argumentiert, dass sie im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist. Für mich hat das nichts mit Katholischsein zu tun. Ihre Argumente sind nicht stichhaltig. Sie hat gesagt, die verfügbaren Zelllinien würden knapper. Meine Nachfrage hat gezeigt, dass es 2001 eine Linie gab, 16 Ende 2002, heute 21.

Frage: Wäre die Diskussion ohne Frau Schavans Positionierung anders verlaufen?

Hüppe: Da bin ich mir sicher. Sie hatte immer gesagt, sie wolle sich bewusst nicht positionieren, hat aber sehr früh eine Richtung vorgegeben, weil sie sich mit den Forschern gut stellen will. Die Mehrheit der Union ist aber gegen die Verschiebung, und ohne Frau Schavan würde es sie wohl nicht geben.

Frage: Könnte sich Deutschland allein mit adulten Stammzellen profilieren?

Strauer: Gewaltig! Es wird zu wenig für die Forschung mit der Vielfalt adulter Stammzellen getan. Es ist ein gewaltiger Bereich, z.B. bei neurologischen und Herzkrankheiten.

Franz: Das sehe ich anders. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die adulte Forschung zu 90 und die embryonale zu zehn Prozent mit 1,5 Millionen Euro pro Jahr. Das ist ein extremes Ungleichgewicht.

Hüppe: Das sind aber längst nicht die einzigen öffentlichen Földergelder.

Frage: Was geht denn nun vor: Embryonenschutz oder Forschungsfreiheit?

Hüppe: Es hat schon seinen Sinn, dass die Menschenwürde im Artikel eins des Grundgesetzes steht und die Forschungfreiheit in Artikel fünf.

Franz: Das sehe ich genau so.

Frage: Wenn der Stichtag heute geändert wird - führen wir dann nicht bald wieder dieselbe Diskussion wie heute?

Hüppe: Ich glaube nicht, dass es bei einer Verschiebung bleibt - und dann bietet der deutsche Markt einen Anreiz fürs Ausland, neue Zelllinien zu schaffen und Embryonen zu töten. Daher kommt eine Verschiebung nicht in Frage. Konsequent wäre ein Verbot der embryonalen Stammzellforschung.

Franz: Dem widerspreche ich absolut. Wenn es keine Liberalisierung gibt, ist es das Aus für ganze Forschungsrichtungen.

Dirke Köpp und Stefanie Winkelnkemper führten das Gespräch.