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Nach Rücktritt bei Bilfinger: Spekulationen um Kochs politisches Comeback

Nach Rücktritt bei Bilfinger : Spekulationen um Kochs politisches Comeback

Nach dem Rücktritt als Chef des Baukonzerns Bilfinger ist die Zukunft des früheren CDU-Ministerpräsidenten ungewiss. Ein konservativer Wirtschaftsexperte mit Ausstrahlung wird in der Partei zwar vermisst - aber nicht als Gescheiterter.

Politik sei zwar ein faszinierender Teil in seinem Leben, aber Politik sei nicht sein Leben. Mit diesen Worten hatte Roland Koch im Mai 2010 seinen überraschenden Rücktritt als Ministerpräsident Hessens begründet. Nun tritt er nach drei Jahren vom Chefposten des Baukonzerns Bilfinger vorzeitig zurück - wechselt er jetzt wieder in die Politik?

Das könne er nur selbst entscheiden, lautet die offizielle Antwort aller befragten Politiker. Im weiteren Gespräch erinnern sie sich nur zu gerne und mit Wehmut, wie Koch lange Jahre sowohl die konservative Flanke besetzte als auch das wirtschaftspolitische Profil der CDU prägte. Aus der Riege der Ministerpräsidenten galt er schon früh als kanzlertauglich. Sein Ausscheiden aus der Politik wurde auch darauf zurückgeführt, dass es für den langjährigen Ministerpräsidenten und CDU-Vize mit 52 Jahren auf längere Sicht keine Aufstiegschancen und Herausforderungen mehr gebe, solange Angela Merkel so erfolgreich und fest im Sattel sitzt.

Dabei war es Koch, der noch in der Wahlnacht 2005 den klarsten Macht-Instinkt gezeigt und sich kompromisslos hinter Merkel gestellt und ihr damit den Weg ins Kanzleramt geebnet hatte. Wegen seiner Loyalität wurde er deshalb auch lange Zeit als Kronprinz gehandelt. Das Prinz-Charles-Syndrom des ewig Wartenden lag dem Dynamiker jedoch nicht.

Von seinem neuerlichen Rücktritt zeigten sich selbst enge politische Freunde überrascht. Er habe zwar Probleme mit dem Aufsichtsrat angedeutet, aber ob es richtig gewesen sei, wegen zweier Gewinnwarnungen das Handtuch zu schmeißen, wagte ein enger politischer Begleiter zu bezweifeln: "Vielleicht steckt etwas anderes dahinter, mal sehen", lautete sein Verdacht. Aufmerksam registrierten Koch-Freunde die Nachricht des Aufsichtsrates, wonach die von Koch initiierten strategischen Initiativen "alle richtig" gewesen seien und der Konzern daher an seinem Kurs festhalten werde.

Als Hessens CDU in seinen frühen Zeiten als Ministerpräsident in undurchsichtige Spenden verstrickt war, hatte Koch "brutalstmögliche" Aufklärung versprochen. Mit harter Hand ging er auch bei Bilfinger daran, den Konzern zum Dienstleister umzubauen. Ausgerechnet Merkels Energiewende war für die Kraftwerkssparte aber problematisch geworden.

Derweil ist die von Koch in der CDU hinterlassene Lücke des kräftig mitmischenden konservativen Wirtschaftsexperten mit bundesweiter Ausstrahlung immer noch nicht geschlossen.

Viele in der Partei sehnen auch ein Comeback von Friedrich Merz (58) herbei. Der ehemalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wolle in seiner Kanzlei Ende des Jahres kürzertreten. Und so beflügeln Spekulationen über ein Doppelcomeback zurzeit den Wirtschaftsflügel der CDU.

Nicht wenige erinnern sich auch an Kochs Talent, mit leidenschaftlichen Redebeiträgen für klare Mehrheiten zu sorgen. Als Merkels Kandidat für das höchste Staatsamt bereits in zwei Wahlgängen gescheitert war, ging Koch Ende Juni 2010 in den internen Beratungen ans Mikro und schwor die unionsnahen Wahlmänner und- frauen auf Christian Wulff ein - und besorgte seinem Parteifreund daraufhin sogar mehr als die einfache Mehrheit bei der Wahl zum Bundespräsidenten.

Einige führende CDU-Politiker tun sich beim Gedanken an Kochs Zukunft schwer damit, "diese Debatte jetzt schon zu eröffnen". Andere denken sofort daran, dass der CDU "ausgewiesene Wirtschaftspolitiker guttun würden". Allerdings wog ein Präsidiumsmitglied gestern auch ab, was ein profilierter Mann wie Koch jetzt noch für die CDU wert sein kann, wenn er ausgerechnet an herausragender Position in der Wirtschaft erst einmal als "gescheitert" gebrandmarkt werde. Zunächst müsse man die gesamten Hintergründe der jüngsten Vorgänge kennen, um neue personelle Perspektiven für Koch zu durchdenken. So wie Koch nach seinem Amtsverzicht zum 31. August 2010 erst einmal "ein paar Monate durchatmen" wollte, wird ihm nun zu seinem Ausscheiden am 8. August vier Jahre später Zeit zum Überdenken eingeräumt.

(may-)