SPD-Spargelfahrt 2019: Erstaunlich gute Stimmung

Genossen in der Krise : SPD, Spargel und erstaunlich gute Stimmung

Die sturmreif geschossene SPD schippert über den Wannsee. Bei der traditionellen Spargelfahrt klammern die Genossen sich an das Prinzip Hoffnung. Vizekanzler Olaf Scholz will sich nach dem Abgang von Andrea Nahles unterhaken, der kommissarische Fraktionschef Rolf Mützenich bekommt den meisten Applaus.

Das Timing für diese Spargelfahrt könnte kaum dramatischer sein. Wie jedes Jahr sind wieder rund 500 Sozialdemokraten an Bord der MS Havel Queen gegangen. Auf Einladung des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD-Fraktion geht es mit dem Ausflugsdampfer für eine gemütliche Runde über den Wannsee. Dass es in den Gesprächen bei Spargel, Wein und Bier um schlechte Umfragewerte und Wahlschlappen geht, sind die leidgeprüften Sozialdemokraten aus den vergangenen Jahren schon gewohnt. Doch dieses Mal ist es schlimmer:  Die SPD ist auf Grund gelaufen.

Als das Boot ablegt, ist es erst etwas mehr als 30 Stunden her, dass Andrea Nahles wegen mangelnden Rückhalts der eigenen Leute vom Parteivorsitz zurücktrat, vor sechs Stunden gab sie auch den Fraktionsvorsitz ab. Zum desaströsen Ergebnis bei der Europawahl mit nur 15,8 Prozent der Stimmen und der Schmach, in Bremen zum ersten Mal in mehr als 70 Jahren lediglich zweitstärkste Kraft geworden zu sein, kommt jetzt noch die personelle Krise. Wer wird die SPD künftig führen? Wer tritt an die Spitze der Fraktion? Wie, verdammt nochmal, lässt sich der Niedergang dieser Partei noch aufhalten? Alles im Fluss, Machtkämpfe stehen bevor, das eigene Profil unklar, Wahlen im für die SPD schwierigen Osten. Schlechte Laune also an Bord des Schiffes? Naja, so eindeutig ist das auch wieder nicht.

„In den letzten Tagen war es stürmisch, es hat geregnet, der Himmel war dunkel“, ruft der Hamburger Abgeordnete und Chef der Seeheimer, Johannes Kahrs, den versammelten Spitzengenossen an Bord entgegen. Aber jetzt scheine die Sonne, der Himmel sei blau, das Wasser spiegelglatt. „Willkommen bei den Seeheimern“, schmettert Kahrs und bezeichnet die konservative Strömung als „nicht natürliche Verbündete“ von Nahles. Nicht jeder habe ihren Humor geteilt. Dennoch bedaure er ihren Schritt.

Und jetzt? Mit einer „guten Zwischenlösung“ nach vorne. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, ist als kommissarische Co-Vorsitzende Teil davon. Sie sagt, man sei weiterhin in schwierigem Fahrwasser. Aber wenn die Mannschaft zusammenhalte, komme man gut durch den Sturm. Rolf Mützenich, der als dienstältester Fraktionsvize jetzt die Abgeordneten kommissarisch anführt, bekommt an diesem Abend den meisten Applaus. Er muss die Mannschaft zusammenhalten, die zuletzt gegen Nahles aufbegehrte. „Jeder kann mir etwas sagen, jeder kann mir etwas schreiben. Aber wenn Ihr das bei Twitter tut, erreicht mich das nicht“, sagt Mützenich. Er arbeite nicht mit Twitter. Applaus.

Er macht sich, dieser Mützenich, er ist der Richtige, das denken viele. Nicht aus Eigennutz oder Machtstrategie, das ist seine große Stärke. Ob er sich jetzt für höhere Ämter qualifiziert, Außenminister in spe? Wer weiß.

Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz, der bisher am engsten mit Nahles zusammenarbeitete und zuletzt durch manchen Alleingang auffiel, will sich jetzt unterhaken. Die SPD werde gebraucht, ruft er in der längsten Rede des Abends. Ihm hören wichtige Sozialdemokraten zu, Arbeitsminister Hubertus Heil, Familienministerin Franziska Giffey, Umweltministerin Svenja Schulze, Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, NRW-Landeschef Sebastian Hartmann und viele andere.

Sie alle diskutieren auch die Urwahl des Parteivorsitzes. Kahrs kann sich gar vorstellen, das Verfahren für Nicht-SPD-Mitglieder zu öffnen, wie es etwa in Frankreich und den USA Praxis sei.

Aber gibt es nun Freude über Nahles Abgang? Bei einigen Seeheimern schon. Sie legen ihre Hoffnung in einen personellen Neuanfang. Wünschen sich Kampfkandidaturen von Zweierteams um eine künftige Doppelspitze in der Partei. Viele an Bord wollten Nahles nicht mehr. Mit der Parteilinken aus der Eifel konnten sie eigentlich noch nie viel anfangen, auch wenn Seeheimer sich selbst auf die Fahnen schreiben, man stütze den jeweiligen Vorsitzenden in der Regel.

Das hat historische Wurzeln. Mitte der 70er Jahre schlossen sich jüngere, regierungstreue Abgeordnete als Nachfolger der berüchtigten „Kanalarbeiter“ zusammen, die sich als Prätorianergarde von SPD-Kanzler Helmut Schmidt verstanden. Sie wollten die Regierungsfähigkeit gegen den aufbegehrenden linken Parteiflügel sicherstellen. Im Schulungszentrum der Lufthansa in Seeheim gründeten sie ihren Kreis und luden schon in Bonn jedes Jahr zur Spargelfahrt rheinaufwärts. Diesmal war es 58. Spargelfahrt. Und Kahrs gibt das Ziel für SPD und Koalition aus: Auch die 60. Fahrt werde noch in dieser Legislatur stattfinden, Neuwahlen sind nicht eingepreist. Aber wie gesagt: alles ungewiss.

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