SPD-Parteitag Der Mann für die Mitte: Lars Klingbeil

Analyse | Berlin · Lars Klingbeil ist der jüngste Parteichef der SPD und stellt sich den Delegierten nun zur Wiederwahl. Er hat die SPD in Fragen der Außen- und Verteidigungspolitik neu aufgestellt und gilt als Garant für eine SPD, die loyal zum Kanzleramt steht.

 Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil.

Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil.

Foto: dpa/Kay Nietfeld

Lars Klingbeil wird tief durchgeatmet haben. Am Freitag wird der jüngste Parteichef in der Geschichte der SPD wiedergewählt. Mit 85,6 Prozent war das Ergebnis einen Tick schlechter als vor zwei Jahren. Aber eine Abstrafung des Mannes, der die SPD hinter SPD-Kanzler Olaf Scholz versammelt, ist ausgeblieben. Klingbeils Rede am Freitag ist gut angekommen in den Reihen der Delegierten. Und das ist nicht selbstverständlich, denn Klingbeil macht es seiner linken Partei nicht immer einfach.

Es ist ein grauer Tag im Oktober in Berlin. Ein Raum im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz ist völlig überfüllt. Anlass ist eine Buchvorstellung: „Bedingt abwehrbereit“ von Militärexperte Carlo Masala. Der Professor der Bundeswehr-Universität diskutiert mit Klingbeil über die deutsche Politik nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine.

Masalas Kernthese: Die Abwehrbereitschaft eines Landes bemisst sich nicht ausschließlich an den Fähigkeiten seines Militärs, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – verbunden mit einer sehr viel besseren Ausstattung der Bundeswehr. Darüber mit dem Vorsitzenden der Friedenspartei SPD zu diskutieren, hätte noch vor ein paar Jahren keine überraschenden Einsichten gebracht. Doch der 45 Jahre alte Parteichef aus dem niedersächsischen Soltau – in seinem Wahlkreis liegt der größte Heeresstandort der Bundeswehr - ist mit der Truppe groß geworden, sein Vater war Berufssoldat. Seine Einschätzung dieser Themen interessiert.

Klingbeil hat in seinen zwei Jahren als Parteichef die SPD in außen- und sicherheitspolitischen Themen breiter aufgestellt: Er hielt im Sommer 2022 eine Rede, in der er Fehler seiner Partei in der Russlandpolitik einräumte und eine breite Debatte über Deutschlands neue Rolle einforderte. „Deutschland muss den Anspruch einer Führungsmacht haben“, sagte er und sprach sich dafür aus, „militärische Gewalt als ein legitimes Mittel der Politik zu sehen". Es waren völlig neue Töne bei den Sozialdemokraten, die längst nicht allen Genossen gefielen.

Lars Klingbeil – vom SPD-Generalsekretär zum Parteivorsitzenden
21 Bilder

Lars Klingbeil – vom SPD-Generalsekretär zum Parteivorsitzenden

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Foto: dpa/Christoph Schmidt

Vor zwei Jahren trat Klingbeil beim Parteitag als erfolgreicher Manager des Bundestagswahlkampfs an. Das Rennen um das Kanzleramt startete mit bitteren Umfragewerten – und endete mit einem spektakulären Comeback der SPD. Nach der gewonnenen Bundestagswahl, ebenso wie nach dem Rücktritt von Christine Lambrecht im Januar 2022, war er im Gespräch für das Amt des Verteidigungsministers. Doch er blieb im Willy-Brandt-Haus als jüngster Vorsitzender in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie.

„Man wird in seinem Leben wahrscheinlich nur einmal gefragt, SPD-Vorsitzender zu werden“, sagte er unserer Redaktion am Tag seiner Nominierung. 2021 erhielt er beim Parteitag 86,3 Prozent. Klingbeil hatte sich vorgenommen, einen neuen Führungsstil zu prägen, der auf lautstarke Ansagen verzichtet. „Führung und gute Führung macht nicht aus, dass man Maulheld ist“, sagte er damals. „Politik muss doch nicht andauernd Krawall sein.“ So ganz ohne kam er in den zwei Jahren dann doch nicht aus, aber das Ziehen roter Linien etwa hat er immer vermieden.

Mit Pragmatismus und einer fast konservativen Erdung sowie einer belastbaren Loyalität zu Olaf Scholz hat Klingbeil die Partei gemeinsam mit Esken durch viele Krisen gesteuert, darunter auch viele hausgemachte der eigenen Regierung. Sowohl die missglückte Kommunikation beim Heizungsgesetz als auch der Eklat bei der Kindergrundsicherung haben Klingbeil genervt, der von Parteimitgliedern auch für die derzeit schlechten SPD-Umfragewerte und das Erstarken der AfD verantwortlich gemacht wird. Steht die Regierung schlecht da, dann fällt das auch auf die größte Regierungspartei zurück. Handwerkliche Fehler sind dabei besonders ärgerlich, denn diese könnten verhindert werden. Außenpolitische Krisen dagegen muss man einfach bestehen, so sieht Klingbeil das.

Und so wird das Verhältnis zwischen Kanzleramt und Willy-Brandt-Haus in den nächsten Jahren sicher angespannter werden. Denn wie drückte es der SPD-Vorsitzende gerade so schön aus: „Ich erwarte von einem Kanzler, dass er erst mal die tatsächlichen Probleme löst und dann die großen Reden hält.“ Und legt damit die Latte für den eigenen Kanzler vor dem Parteitag ein Stückchen höher.

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