"Bürgersause" zum 150. Geburtstag der Sozialdemokratie: SPD feiert sich und ihren Kanzlerkandidaten

"Bürgersause" zum 150. Geburtstag der Sozialdemokratie : SPD feiert sich und ihren Kanzlerkandidaten

Wann kann ein Politiker schon mal vor Zehntausenden sprechen? Peer Steinbrück hat nichts mehr zu verlieren. So nutzt er die Bürgersause am Brandenburger Tor zum 150-jährigen Bestehen der Sozialdemokratie für eine staatstragende Skizzierung seines Regierungsprogramms.

Zum Schluss nimmt Peer Steinbrück einen kräftigen Schluck Pils. Auf Rat seiner Frau hatte er sich ein Gelübde auferlegt und erklärt, im Wahlkampf auf Alkohol zu verzichten. Doch als ihm auf der riesigen Bühne am Brandenburger Tor der Erfinder der Comic-Figur Werner, Rötger "Brösel" Feldmann, plötzlich das Glas reicht, kann der SPD-Kanzlerkandidat nicht widerstehen. Steinbrücks Umfeld versucht zu versichern, es sei alkoholfreies Bier gewesen.

Hinter dem 66-Jährigen liegen anstrengende 50 Minuten, in denen er die Bürger beim SPD-Deutschlandfest von seinem Kanzleranspruch zu überzeugen versucht hat. SPD-Chef Sigmar Gabriel spricht von 200 000 Leuten, später erhöht die Partei die Zahl auf 300 000, Eingänge zur Festmeile auf der Straße des 17. Juni seien geschlossen worden. "Beim Wahlkampfauftakt von Angela Merkel waren es knapp 1000", kann sich Gabriel einen Seitenhieb nicht verkneifen.

Allerdings ist nicht zu ermitteln, wie viele Menschen wegen dutzender Gratis-Konzerte - unter anderem Nena - hier sind und wie viele der SPD wegen. Eigentlicher Anlass ist das 150-jährige Bestehen der Sozialdemokratie, das nach dem Festakt im Mai hier noch einmal mit den Bürgern gefeiert wird.

Steinbrück blickt während seiner Rede von der opulenten Bühne, die das Brandenburger Tor komplett verdeckt, auf ein Menschenmeer. Er breitet die Arme aus, ballt die Hände zur Faust - aber die Jubelgesten eines Gerhard Schröder sind nicht sein Ding. Der Mann, der noch keine Wahl gewonnen hat, ist ungelenker im Umgang mit dem Volk. Galt es bei seinen zwei wichtigsten Reden zuvor - auf dem Nominierungsparteitag in Hannover und beim Wahlprogrammparteitag in Augsburg -, die SPD nach diversen Pannen um ihn zu scharen, so ist die Herausforderung am Samstag in Berlin eine Nummer größer.

Steinbrück schlägt einen weiten Bogen. Es ist eine Bewerbungsrede an das Volk, eine Art Regierungserklärung. Zu erleben ist der Staatsmann Steinbrück. Da hinter den Bäumen, im Reichstag, habe der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs die Weimarer Republik ausgerufen.

Und wenige Meter entfernt habe der Sozialdemokrat Otto Wels nach dem Reichstagsbrand 1933 in der Kroll-Oper Adolf Hitler die Stirn geboten, als er das Nein der SPD zum Ermächtigungsgesetz begründete.

"Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht", zitiert Steinbrück. Und hier am Brandenburger Tor hätten sich im November 1989 die Menschen nach dem Mauerfall freudig in den Armen gelegen.

Dann kommt der Kandidat zur Gretchenfrage: Was ist heute die historische Aufgabe der SPD? Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Solidarität - das seien die Grundlagen, auf denen er sich um die Kanzlerschaft bewerbe. Heute gebe es zwar eine stabile Demokratie , aber auch Neonazis - daher müsse ein Verbot der NPD her.
Der Kapitalismus sei außer Kontrolle - also will Steinbrück die Banken stärker an die Kette legen. Und fast sieben Millionen Menschen arbeiteten heute für unter 8,50 Euro die Stunde. "Mit der SPD gibt es kein Vertun: Wir werden einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einführen", macht Steinbrück klar.

Mit jedem Applaus wird er sicherer. Reiche sollen höhere Steuern zahlen, damit bis zu 20 Milliarden Euro in den Bildungsbereich fließen können. "Ich will ein Land, wo es nicht wichtig ist, wo Du herkommst, sondern wo Du hinwillst." Und er verspricht unter großem Jubel: "Ich werde als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland mit aller Härte gegen Steuerbetrüger vorgehen." Er wolle ein Deutschland, "das stark ist, weil es gerecht zugeht". Er spricht von einem neuen Aufbruch für mehr Gemeinsinn - doch es ist auch sein eigener Aufbruch für einen achtbaren Endspurt.

Steinbrück ist jetzt im persönlichen Tunnel. Er hat nichts mehr zu verlieren. Schlechte Umfragewerte, die die SPD bei 25 Prozent und eine rot-grüne Mehrheit in weiter Ferne sehen, blendet er aus. Er blickt nicht mehr in den Rückspiegel. Das hatte zuletzt Ex-SPD-Chef Franz Müntefering getan ("Mir standen die Haare zu Berge"), was führende Genossen als Selbstbespiegelung geißeln. Steinbrück streicht wie selten zuvor heraus, warum er Kanzler werden will - und verzichtet weitgehend auf direkte Attacken gegen Merkel. Wegweisend dürfte für ihn das TV-Duell am 1. September werden.

Zum Schluss steigen rote Luftballons hoch, "Brösel" wird für ein Werner-Plakat mit rot-grüner Nase gefeiert (Slogan: "Die Welt ist schwarz genug"). Steinbrück ist umringt von der SPD-Spitze und den Mitgliedern seines Kompetenzteams, die wie im US-Wahlkampf während der gesamten Rede auf der Bühne hinter ihm gestanden haben. Noch einmal geht die zuletzt nicht mehr ganz so innige Troika nach vorne an den Bühnenrand und winkt den Massen zu. In der SPD zweifeln viele, dass es auch nach dem 22. September solche Harmoniebilder von Steinbrück, dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier geben wird.

(dpa)