SPD-Chefin Saskia Esken im Porträt Zäh und unerschrocken

Berlin · An diesem wurde Saskia Esken als Parteivorsitzende wiedergewählt. Einst kannte sie niemand in der SPD, sie war manchem Genossen peinlich. Heute ist sie eine wichtige Stütze im Gefüge der Kanzlerpartei. Über eine Ausnahmepolitikerin.

 Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken.

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken.

Foto: dpa/Michael Kappeler

Saskia wer? Selbst Fraktionskollegen hatten die Hinterbänklerin kaum auf dem Schirm, als Saskia Esken 2019 wie aus dem Nichts für den SPD-Parteivorsitz kandidierte. Damals saß sie bereits seit sechs Jahren im Bundestag, doch als Fachpolitikerin für Digitales und Bildung war sie bis dato kaum in Erscheinung getreten. Ihre Bewerbung um das „schönste Amt neben dem Papst“, wie Franz Müntefering den SPD-Chefposten mal nannte, war nichts anderes als eine Kampfansage an SPD-Stars und Mitbewerber wie Olaf Scholz oder Boris Pistorius. Gemeinsam mit dem früheren NRW-Finanzminister und damaligen Politrentner Norbert Walter-Borjans tourte sie monatelang durch die Republik und machte sich – getragen von einer breiten Unterstützungswelle der Groko-frustrierten Jusos – einen Namen.

Als Esken und Walter-Borjans in der Stichwahl gegen Scholz und die heutige Bauministerin Klara Geywitz es dann tatsächlich als erste Doppelspitze der SPD-Geschichte in die Vorsitzendenetage im Willy-Brandt-Haus schafften, war es eine Sensation. Und weil es so unglaublich war, blieb Esken lange unterschätzt.

Dabei trat Esken damals schon genauso auf, wie sie heute noch ist. Unerschrocken und stramm links, ausgestattet mit einer extrem harten Rüstung. So scheint es jedenfalls, begegnet Esken selbst persönlichen Angriffen doch gern mit einem Schulterzucken und einstudierten Lächeln. Es ist ihr egal, das sollen jedenfalls die Menschen denken. Sie weiß, dass sie polarisiert. Sie weiß, dass man sich für sie schämte, ihre Auftritte in Talkshows vielen Sozialdemokraten mitunter peinlich waren. Weil sie sich hin und wieder in Ecken drängen lässt, nicht immer dieselben Standardsätze sagt, sich auch mal verrennt in problematischen Formulierungen, die sie manchmal hinterher wieder kassieren muss.

Doch einen Wandel hat Esken durchgemacht, der heute von enormer Bedeutung für die SPD ist: Sie hat sich eine andere, eine bessere Meinung von Olaf Scholz gebildet. Niemand glaubte an sie, als sie SPD-Chefin werden wollte. Und niemand glaubte an Olaf Scholz, als er Kanzler werden wollte. Zumal nach seiner Niederlage gegen Esken im Rennen um den Parteivorsitz. Heute aber erklärt sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass sie froh sei, dass Scholz das Land regiere.

Und Esken kommt in der Kanzlerpartei eine wichtige Stützfunktion zu. Jeder, der sich dem linken SPD-Spektrum zugehörig fühlt, findet sich in ihren Aussagen wieder. Sie pocht seit jeher auf eine notfalls mit Schulden finanzierte Investitionspolitik in Bildung und Infrastruktur. Sie fordert eine Reform der Schuldenbremse, auch bei dem Parteitag. Esken hat starken Rückhalt bei den Jusos, bei den vielen Parteilinken unter den 600 Delegierten an diesem Wochenende und so erreicht sie bei der Wiederwahl ein besseres Ergebnis als beim letzten Mal: 82,6 Prozent der Delegierten stimmten für sie, trotz einer nicht glanzvollen Rede. 2021 waren es noch 76,7 Prozent.

Die alte und neue Vorsitzende wird auch deswegen immer mehr respektiert, weil sie mit ihrer Biografie selbst für das Aufstiegsversprechen der Sozialdemokraten steht. Esken, 1961 geboren, wuchs in einfachen Verhältnissen im Schwarzwald auf, hatte es schon als Kind wegen eines Gehörverlusts auf dem linken Ohr nicht immer leicht. Sie machte ihr Abitur, verdiente sich mit Kellnern und Paketzustellen Geld dazu, brach ein Studium der Germanistik und Politikwissenschaft aber ab. Sie schloss stattdessen eine Ausbildung zur Informatikerin ab, arbeitete in der Softwareentwicklung und wurde dann Mutter von drei Kindern. Ihre Berufstätigkeit gab sie damals auf, engagierte sich aber im Elternbeirat und kam so zur Politik. Esken hat keine Juso-Laufbahn hinter sich gebracht, sie trat erst 1990 in die SPD ein und verfügte über keinerlei Parteinetzwerke. In ihrer schwäbischen Heimat Calw war sie als SPD-Kandidatin immer Einzelkämpferin. Und schaffte dennoch 2013 über die Landesliste erstmals den Sprung in den Bundestag. Nur sechs Jahre später bezog sie das Vorsitzendenbüro im Willy-Brandt-Haus.

Heute wird Esken weiterhin von den Jusos gefeiert, während ihr Co-Vorsitzender Lars Klingbeil von den Parteilinken mitunter beschimpft wird. Große Reden hält sie so gut wie nie, drängt sich nicht in den Vordergrund, macht gern Termine in der Provinz. Mit Klingbeil kommt sie jedoch gut aus und mit Generalsekretär Kevin Kühnert, der sie einst als Juso-Chef an die Parteispitze mittrug, in der Regel auch.

Doch Esken weiß auch: Sollte sie als SPD-Chefin das Ruder für die Partei bis zur nächsten Bundestagswahl nicht noch herumreißen können, dürfte die Luft auch für sie dünner werden.

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