1. Politik
  2. Deutschland

Kommentar zur Sonntagsarbeit: Sonntagsruhe schützen!

Kommentar zur Sonntagsarbeit : Sonntagsruhe schützen!

Mehr als ein Viertel der Angestellten arbeitet auch an Sonn- und Feiertagen. Dabei ist die Sonntagsruhe ein hohes Gut, das zu schützen ist. Nicht nur aus religiösen Gründen.

Auch aus sozialen, familiären und psychischen Gründen ist es wichtig, an einem Tag in der Woche zur Ruhe zu kommen. Der Mensch muss die Seele baumeln lassen können. Weil das die Mütter und Väter des Grundgesetzes wussten, hat die Sonntagsruhe in Deutschland Verfassungsrang. In vielen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass Arbeitnehmer, die häufiger sonn- und feiertags arbeiten müssen als andere, psychischen und körperlichen Arbeits- und sonstigen Belastungen weniger standhalten. Soziale Kontakte bringen Entspannung und Entschleunigung. Sie helfen, dem Arbeitsstress gewachsen zu sein. Das Berufsbildungsinstitut des Bundes hat nachgewiesen, dass ein freier Sonntag zudem wertvoller ist als irgendein anderer freier Wochentag, weil sich gerade sonntags Freunde und Familie treffen.

Der Gesetzgeber hat jedoch viele Ausnahmen von der Regel zugelassen. Wenn es etwa um die Abwehr von Gefahren für die Bevölkerung geht oder um Gesundheits- und Pflegedienste, kann die Sonntagsruhe nicht gelten. Deshalb gibt es für Polizisten, Krankenschwestern oder Feuerwehrleute auch keinen generell freien Sonntag. Die Bundesländer dürfen aber per Verordnung weitere Branchen und Betriebe von der Sonntagsruhe ausnehmen, wenn diese Betriebe tägliche Bedürfnisse der Bürger erfüllen, die diese auch am Sonntag nachfragen. Die Länder machen von dieser sehr weit gefassten, lockeren Regel auch reichlich Gebrauch. Zum Beispiel darf in den meisten Bundesländern in Videotheken, Büchereien, Callcentern, Blumenläden, Brauereien oder im Immobiliengewerbe und vielen anderen Servicebetrieben sonntags gearbeitet werden.

Im November hatte das Bundesverwaltungsgericht den Ländern hier nun Grenzen aufgezeigt: In Callcentern, Videotheken, Büchereien und Lotto-Annahmestellen dürfe sonntags künftig nicht mehr gearbeitet werden. Begründung: Die Bürger könnten diese Bedürfnisse auch an anderen Tagen als am Sonntag befriedigen.

Richtig so. Doch bislang haben die Länder auf dieses Urteil nicht reagiert. Sie lassen sich Zeit und wollen erst die schriftliche Urteilsbegründung abwarten. Überdies wollen sie dann gemeinsam vorgehen. Das kann dauern. Schließlich geht es den Ländern darum, sich keine wirtschaftlichen Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Ländern einzubrocken. Ein Callcenter in NRW etwa hatte bereits angedroht, er werde sein Geschäft ins Ausland verlegen, sollte bei ihm sonntags nicht mehr gearbeitet werden dürfen. Das allerdings kann kein Argument sein, mit der Umsetzung des richterlichen Beschlusses zu lange zu warten. Wenn heute bereits 26 Prozent der Angestellten sonntags arbeiten, ist das schon viel. Es müssen nicht noch mehr werden.

(mar )