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"Stern"-Reporterin beim Pressefrühstück: So lief Brüderles Wiedersehen mit Himmelreich

"Stern"-Reporterin beim Pressefrühstück : So lief Brüderles Wiedersehen mit Himmelreich

Der FDP-Fraktionschef versucht, bei seiner traditionellen Hintergrund-Runde Normalität zu suggerieren. Aber die Aufregung bekommt er nicht in den Griff, zumal er auch auf die anwesende Auslöserin der Debatte nicht reagiert.

Es ist die 45. Minute des "ganz gewöhnlichen" Pressefrühstücks mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle, die beweist, dass im Leben des Spitzen-Liberalen nichts mehr normal ist — nicht in Zeiten der um ihn herum tobenden Sexismus-Debatte. Brüderle will eigentlich hinüber in den Plenarsaal. Deshalb werden keine weiteren Fragen mehr zugelassen.

Schon bei der Begrüßung war angekündigt worden, dass der Vorsitzende dann zügig weg müsse. Doch statt nun forsch loszueilen, bleibt er sitzen, blättert noch einmal in den Unterlagen, trinkt noch einen Kaffee. Denn wenn er jetzt aufbrechen würde, müsste er sich im Gedränge an "ihr" vorbeischieben. An Laura Himmelreich, der "Stern"-Korrespondentin, die mit ihrem Bericht über angeblich oder tatsächlich anzügliche Äußerungen Brüderles vor einem Jahr nun die Sexismus-Debatte in Gang gebracht hat.

Sie hat im schönsten Sitzungssaal des bundestagseigenen Jakob-Kaiser-Hauses unweit von ihm Platz genommen. An der Wand, nahe am Fenster, dort wo gewöhnlich Brüderles Mitarbeiterinnen sitzen. Aber auch sie sagt nichts. Schaut eher scheu in die Runde. "Stern"-Kollegen haben sie begleitet. Auch dies ein wenig überzeugender Versuch, "Normalität" zu zeigen.

Die Einladung kam spät

Es ist genau eine Woche her, dass aus dem vermeintlich kleinen Wirbel um Brüderle als "Altherrenwitz" ein Tsunami wurde, der über den "Aufschrei" im Internet die gesamte Gesellschaft erfasste, der Tag für Tag die Sachthemen unter sich begräbt und neue Kontroversen aufwirft. Und der Brüderle Tag für Tag aufs Neue schweigen lässt. Erst um 7.22 Uhr hat er zum Hintergrund eingeladen. Statt wie gewöhnlich ein oder zwei Tage zuvor.

Er muss lange mit sich gerungen haben, in dieser Stimmung, in der seine Person eine Sogwirkung entwickelt, so zu tun, als könne er ganz normal weitermachen. Als gäbe es eine Politik mit Klammer. Kann ein Politiker in der Öffentlichkeit sein und alles, was die Öffentlichkeit von ihm wissen will, in Klammern setzen? Gerade für einen, der die klare Aussprache zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Der keine Mittwochsrunde hinbekommt, ohne seine politische Analyse mit beißender Ironie oder krachendem Witz zu würzen.

Und jetzt beginnt er mit todernster Miene mit dem Hinweis, dass er auch weiterhin nichts sagen werde zu dem, für das sich alle besonders interessieren. Auch das übliche Händeschütteln vor Beginn hat er erstmals ausfallen lassen. Vielleicht, weil es dieses Mal zu viele gewesen wären. Vielleicht auch, weil dieses Mal die Hand von Laura Himmelreich darunter gewesen wäre.

Im Stakkato spult er seine Bemerkungen herunter. Zum Holocaust-Gedenktag, zum Mursi-Besuch, zum Bundeswehr-Zustand, zur Zypern-Hilfe. Mit der "Fehlsteuerung gigantischen Ausmaßes" meint er nicht die Auswüchse der Sexismus-Debatte, sondern die Solarförderung. Und gleich darauf nimmt er es tatsächlich in den Mund, das Wort "unisex". Aber er kommt damit auf die Blockade geschlechtsneutraler Versicherungsverträge zu sprechen. Husch geht es weiter zum Rentenkompromiss, zur Geldwertstabilität, und er beschwört abschließend den Erfolg dieser Regierung. So als versuche er, sich auf bekanntem Terrain wieder vorzutasten.

Die ersten Nachfragen gelten der Sachpolitik

Dankbar registriert er, dass die ersten Nachfragen der Sachpolitik gelten. Mit Fassung trägt er die Frage, ob er als "Gesicht" der FDP und der Sexismus-Debatte überhaupt noch von Nutzen für die FDP sein könne. Das bejaht er, eine weitere Äußerung lehnt er ab. Mal abgesehen von seiner Einlassung, dass diese Debatte eine "gesellschaftliche Relevanz" habe, und dass das "Phänomen" der Debatte zur Demokratie gehöre. Er versucht es zweisprachig: "Ich sage dazu: kein Kommentar, ich kann auch sagen: no comment." Dabei bleibt er auch bei der Nachfrage, warum er die Gelegenheit nicht nutze, sich bei Himmelreich zu entschuldigen.

Kalt zieht es der Runde in die Rücken, die Klimaanlage läuft oder die Fenster sind auf, jedenfalls ist das keine Atmosphäre für ein entspanntes Gespräch. Als das ein Journalist beklagt, greift Brüderle verbal zu, verweist auf die Verantwortung der Verwaltung und weist jede Schuld von Mitarbeitern der FDP-Fraktion brüsk zurück. Es soll wie ein Scherz klingen. Aber er gelingt nicht.

Aus. Keine Fragen mehr. Der Gastgeber muss weg. Fast flehentlich ruft seine Sprecherin: "Bitte gehen Sie doch!" So als könnte sie damit die Debatte verscheuchen. Vergeblich.

Hier geht es zur Bilderstrecke: FDP-Neujahrsempfang : Brüderle im Blickpunkt

(may-)