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Der künftige Bundespräsident im Porträt: So denkt Joachim Gauck

Der künftige Bundespräsident im Porträt : So denkt Joachim Gauck

Der baldige Bundespräsident Joachim Gauck ist bekannt für seine unbändige Freiheitsliebe. Die aber ist für ihn eine gestaltete Freiheit aus Verantwortung. Wen er dagegen kritisiert: politische Träumer.

Bei der komplexen Suche nach einem geeigneten Kandidaten fürs Bundespräsidentenamt hatten ausgerechnet jene ein goldenes Näschen bewiesen, die auch professionell mit dem richtigen Riecher ausgestattet sein sollten. Denn als Titelfigur ihres Kundenmagazins "alverde" hatte sich die Drogeriemarkt-Kette dm in der Januar-Ausgabe für Joachim Gauck (72) entschieden.

Dass man sein Interview an ungewohnter Stelle wie ein vorweggenommenes Bewerbungsgespräch lesen konnte, liegt vor allem am Thema — dem Kernthema des ostdeutschen Pfarrers, Bürgerrechtlers und Bundesbeauftragten: "beglückendes Freiheitserleben". Freiheit, so sagt er den Drogeristen, "sollte in ihren verschiedenen Facetten, auch ohne dass man sie verloren hat, als Glück empfunden werden".

Freiheit ist Sehnsucht

Wie oft er darüber schon gesprochen und geschrieben haben mag? Zu oft, werden sofort jene behaupten, denen Gaucks Freiheitspathos gehörig auf die Nerven geht. Aber diese mitunter staatstragende Überbetonung hat für Gauck vor allem mit der Sache zu tun: Freiheit ist und bleibt für ihn das Größte. Und sein Anspruch ist biografischer Natur: Seine unbändige und ehrfürchtige Freiheitsliebe ist keiner Theorie, sondern der leidvollen Erfahrung in der DDR geschuldet. Freiheit ist für ihn Sehnsucht, ist Emphase, nicht aber eine Phrase.

Dass seine Freiheitsliebe dennoch mehr als das bloß Gefühlte und subjektiv Erlebte ist, dafür hat er sich mit dem Geschichtsphilosophen Helmuth Plessner (1892—1985) einen "Anthropologen der Freiheit" als Paten an seine Seite gestellt. Als Freiheitsgarant gilt für Plessner vor allem die bürgerliche Gesellschaft. Sie gibt den Rahmen vor, damit wir uns entscheiden und Alternativen leben können. Die große Lehre innerhalb der Freiheit ist: Wir haben immer eine Wahl.

Eine solche Freiheit hat nichts Beliebiges an sich. Es gibt zwar durchaus ein anarchisches Antlitz von Freiheit, wie er in seinem jüngsten Büchlein schreibt, eine "wunderbare Ungebundenheit" und auch "Bindungslosigkeit". Und Gauck vergleicht das wohlwollend mit dem ungestümen Aufruhr der Pubertät. Aber es gibt auch eine Freiheit der Erwachsenen — und die ist für ihn eine Freiheit der Verantwortung.

Freund der handelnden Vernunft

Plötzlich wird der Begriff — so froh und weit seine Ausstrahlung ist — ernst, begrenzt, auf Entscheidung ausgerichtet. Der Träger von Freiheit hat demnach ein natürliches Empfinden für eine Aufgabe; und er weiß, was Hingabe ist. Wer auf diese Weise Verantwortung übernimmt, beginnt, Freiheit zu gestalten. Einfacher gesprochen: Er beginnt zu handeln.

Gauck ist ein Freund der handelnden Vernunft. Dabei ist er sich stets bewusst, dass der, der handelt, Gefahr läuft, falsch zu handeln — im schlimmsten Fall: Unrecht zu tun. Diesen Konflikt des Gewissens ist Gauck innerhalb einer vernunftgeleiteten Gesellschaft bereit zu tragen. Eigenverantwortung — sie gehört nach seinem Verständnis zum "Grundbestand des Humanen" — ist auch eine Form der Freiheit; sie ist eine Ermächtigung zum Handeln aus Vernunft.

Wie ernst Joachim Gauck das meint, wird besonders deutlich in Abgrenzung zu jenen, die lieber nur über das Gute reden. Kirchentage sind solche Orte, die viel Gemeinsamkeit stiften, die aber Gauck, den evangelischen Pfarrer, bisweilen verstört zurücklassen: So viele Menschen, die sich ganz sicher sind, schon das Bessere zu tun, wenn man sich nur aus allem fein heraushält.

Und dann kann dem großen Redner auch schon mal der Geduldsfaden reißen, auch öffentlich und selbst in der ehrwürdigen Paulskirche zu Frankfurt, in der sich Gauck im vergangenen Jahr "über das populäre Diktum einer populären Protestantin" ereiferte, die einst behauptete, nichts sei gut in Afghanistan. Wie es denn besser werde, fragt Gauck im pastoralen Fernduell Margot Käßmann. Mit guten Ratschlägen für die Taliban? Mit Gebeten?

Gauck ist mehr Denker als Visionär

Gerade diese Käßmann-Sentenz markiert für den künftigen Bundespräsidenten den Unterschied zwischen Politik und romantischer Sehnsucht: "Dort, wo wir leben, wird nicht das Endgültige, nicht das Paradiesische gestaltet, sondern das Machbare und das weniger Schlechte." Gauck ist Realist, kein Träumer, mehr Denker als Visionär. Darum nennt er die falschen Thesen von Sarrazin zumindest mutig und die realitätsfern erscheinende Occupy-Bewegung "unsäglich albern". Darum entsprach auch seine Arbeit in der Stasi-Unterlagenbehörde so sehr seinen Prinzipien.

Denn hier war nach dem Zusammenbruch des freiheitsfeindlichen SED-Regimes plötzlich ein Ort entstanden, an dem Unrecht belegbar geworden war, nach Aktenlage war zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Freiheitliches und verantwortliches Handeln hatte in der Behörde eine Heimat gefunden.

Was Gauck aus seiner Freiheitsliebe als Präsident machen wird? Es wird jetzt viel spekuliert. Nur eins dürfte sicher sein: den "Zuckungen des Zeitgeistes" wird er nicht erliegen. Im Magazin des Drogeriemarktes folgt dem Interview eine Produktanzeige mit diesem Rat: "Gepflegter Auftakt".

Hier geht es zur Infostrecke: So denkt und spricht Joachim Gauck

(RP/jre/felt)