Rückzieher von Sigmar Gabriel Ein letzter Dienst an der Partei

Meinung | Berlin · Sigmar Gabriel legt den Parteivorsitz nieder und wird nicht Kanzlerkandidat. Diese Nachricht überrascht viele. Seine Entscheidung ist aber konsequent - und eine Chance für die SPD.

 Sigmar Gabriel (rechts) am Dienstagabend in der Berliner Parteizentrale. Die Teilnehmer sehen sich offenbar aktuelle Umfragen an.

Sigmar Gabriel (rechts) am Dienstagabend in der Berliner Parteizentrale. Die Teilnehmer sehen sich offenbar aktuelle Umfragen an.

Foto: rtr, PK/

Das Ruder konnte Sigmar Gabriel nicht herumreißen. Die SPD steckt acht Jahre nach ihrer historischen Niederlage bei der Bundestagswahl erneut bei 20 Prozent fest. Wie betoniert. Gabriels Verzicht auf die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz ist überraschend, aber konsequent. Wenn man geht, dann richtig.

Erst das Land, dann die Partei, dann erst ich, mag Gabriel gedacht haben. Seine Umfragewerte sind seit Jahren unterirdisch, in der Partei wie im Rest der Republik. Martin Schulz dagegen steht etwas besser da. Und er segelt unter dem Wind des Neulings auf der Berliner Bühne.

Gabriel hat sich stets gefragt, warum er nicht ankommt. Er hat es erkannt und seine Schlüsse daraus gezogen, was im politischen Berlin selten ist. Selbst die SPD hat ihn geduldet, nie geliebt. Dankbarkeit ist kein Kriterium bei Genossen.

Immerhin hatte sich der Lehrer aus Goslar in die Pflicht nehmen lassen. Er einte die Partei, verhandelte mit der Merkel-Union, die fast eine absolute Mehrheit erreicht hatte, hart und erfolgreich. Merkels zweite große Koalition war ein Linksbündnis. Mindestlohn, Rente mit 63, Lohngleichheit, Kita-Ausbau. Nie war eine 20-Prozent-Partei so mächtig wie unter Gabriel. Aber an seinen eigenen Führungsansprüchen ist er immer wieder gescheitert.

Politik ist Führen und Sammeln, hat er selbst mal gesagt. Gabriel vergaß das Sammeln und führte in viele Richtungen, nicht in eine. Etwa in der Flüchtlingspolitik.

Schon 2015 wollte Gabriel hinwerfen

Die Partei wollte dem kommunikativ unberechenbaren Gabriel nicht folgen. Sie strafte ihn beim Parteitag 2015 mit seinem schlechtesten Ergebnis ab. Schon damals wollte Gabriel hinwerfen. Nun geht er zwei Jahre später. Und er hat einen weiteren Grund: Es gibt Wichtigeres als Politik. Familie zum Beispiel. Der junge Vater will öfter zuhause sein. Das ist respektabel. Man muss es ihm abnehmen.

Und der Neue? Der kann der Union durchaus gefährlich werden. Entsprechend gedämpft waren die Reaktionen bei CDU und CSU. Martin Schulz ist in jeder Faser seines Körpers Politiker. Eine Rampensau, ein leidenschaftlicher Streiter. Schon als Linksverteidiger bei Rhenania 05 Würselen war er der Spieler, der mit dem schmutzigsten Trikot vom Feld ging. So einer ist eine Chance für die SPD.

Schulz kann reden, seine Aufsteigervita - zweiter Bildungsweg, Verletzungen, Alkoholprobleme, Buchhändlerlehre, EU-Parlamentspräsident - ist eine Geschichte wie aus dem sozialdemokratischen Lehrbuch. Der Mann der zweiten Chancen.

Was will Schulz in der Innenpolitik?

Mit Schulz' Nominierung hat die SPD für eine Überraschung gesorgt. Der Rheinländer wird dieses Momentum nutzen wollen. Dass er nicht in den Kulissen der Berliner Republik agierte, muss nicht entscheidend sein. Das Brüsseler Parkett ist auch rutschig. Sein Narrativ wird Europa sein, das große Thema in einem Brexit-Trump-Le-Pen-Jahr. Damit hätte die SPD schon mal mehr zu bieten als im Wahlkampf 2009 und 2013.

Was Schulz in der Innenpolitik will, weiß indes keiner. Wie soll der Wohlstand gesichert werden? Digitale Bildung, Innovationskultur, nachhaltige Finanzpolitik. Dazu gibt es von Schulz selten ein Wort.

Gabriel wollte die Deutungshoheit über eine starke, aber solidarische Gesellschaft zurückgewinnen, und ist doch im Regierungsalltag in der Rolle des Klempners für den angestaubten Sozialstaat hängengeblieben. Verantwortung und Freiheit sind Begriffe, die kaum einer mit der SPD verbindet. Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen reicht da aus.

Martin Schulz muss sich zu all dem erstmal positionieren. Auch zur Causa Rot-Rot-Grün natürlich. Paradox: Hannelore Kraft wollte ihn nicht, aber am Ende könnte die Wahlkämpferin doch von der Wende profitieren. Ein Aachener als Kanzlerkandidat gibt der beladenen SPD an Rhein und Ruhr neuen Auftrieb.

(brö)