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Serie zum Thema Migration: Wäre Jesus für eine Obergrenze?

Christliches Menschenbild : Wäre Jesus für eine Obergrenze?

Wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht, reden viele von unserem christlichen Menschenbild? Was ist das? Vor allem: Was bedeutet es? Zweiter Teil unserer Serie zum Thema Migration.

Predigen kann man fast alles. Vor allem im geschützten Raum der Kirche, vom Ambo oder von der Kanzel herab. Doch hilft das, wenn es um gesellschaftsrelevante Fragen geht? Wie dringt das nach außen, was wir so großsprecherisch und bisweilen auch pathetisch das christliche Menschenbild nennen? Noch dazu in säkularen Zeiten: Der Anteil an getauften Christen liegt in Deutschland bei weniger als 60 Prozent; wobei bestenfalls jeder zehnte Gläubige auch den Gottesdienst besucht.

Wenn die christliche Botschaft flächendeckend nicht mehr dominiert, stellt sich die Frage, welche Wirkung man christlichen Worten noch zutrauen darf? Aber auch: Woher beziehen alle Ungetauften ihre Werte?

In keiner gesellschaftspolitischen Debatte der vergangenen Jahre ist die Kirche derart gefordert worden wie jetzt in der Flüchtlingsfrage. Denn da stoßen scheinbar zwei Welten aufeinander: die profane, das heißt die politische, mit der sakralen. Die Konfrontation ist unausweichlich, da zum einen die „Fluchtgründe nicht gottgegeben sind“ (Präses Annette Kurschus); und zum anderen die Würde des Menschen darin gründet, „dass er ein Abbild Gottes ist“, so Rainer Maria Kardinal Woelki. Streng genommen hat die Kirche aus ihrem Selbstverständnis heraus gar keine andere Wahl als einzugreifen, mit Nachdruck tätig zu werden und zu helfen.

Am sichtbarsten wird der Konflikt beim Kirchenasyl. Wer das gewährt, verstößt gegen geltendes Recht. So wäre es statthaft, Flüchtlinge aus Kirchen herauszuholen. Dass dies nicht geschieht, liegt am Fingerspitzengefühl des Staates. Zudem ist die Zahl der Schutzsuchenden überschaubar: Etwa 860 von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge leben derzeit in Kirchen. Ein solches Asyl ist keine Art christliches „Tagesgeschäft“, sondern ein Akt zivilen Ungehorsams – als letzte Möglichkeit.

Asyl zu geben, undramatischer formuliert: Gastfreundschaft zu gewähren, ist eine urchristliche Haltung. Sie schöpft ihre Notwendigkeit aus der existentiellen Grunderfahrung, dass Flucht, Migration und Vertreibung in vielen Formen und zu allen Zeiten ein Menschheitsthema ist – auch ein Menschheitsschicksal. Denn schon unsere Schöpfungsgeschichte beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies. Wir müssen den Garten verlassen, das bekannte, behütete Terrain

Danach will es in den biblischen Geschichten kein Ende nehmen mit Flucht und Wanderschaft. Noah ist der erste Bootsflüchtling, der Mensch und Tier vor der Sintflut rettet; Abraham – Urvater aller drei monotheistischer Religionen – führt ein Nomadendasein, der Apostel Paulus strandet während seiner Seefahrt nach Rom auf Malta und wird dort (anders als heute) herzlich aufgenommen; selbst Maria und Josef müssen sich mit dem gerade erst geborenen Jesus-Kind nach Ägypten absetzen, um mit dieser Flucht der Todesgefahr durch König Herodes zu entkommen.

Auch Moses gehört zu den Flüchtenden, der mit den Israeliten aus Ägypten ins Gelobte Land zieht. Besonders diese Fluchterfahrung ist es, die christliches Denken und Handeln bis heute bestimmt durch Gottes Wort: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“

Jedes Lamentieren über sichere Grenzen und jedes Diskutieren etwa über Obergrenzen wird unter dieser Vorgabe biblischer Gastfreundschaft erst einmal zweitrangig. Dies ist der Kontext, in dem auch die Worte von Papst Franziskus stehen: „Die Migranten stellen für mich eine besondere Herausforderung dar, weil ich Hirte einer Kirche ohne Grenzen bin, die sich als Mutter aller fühlt.“

Durch Gottes Gebot ist die Gastlichkeit mehr als ein Zeichen von Offenheit, eine Haltung guten Willens. Theologisch ist diese Art der schützenden Gastfreundschaft ein Teil der Offenbarung. Die Aufnahme des vermeintlich Fremden rückt zwangsläufig ins Zentrum in der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Eine Ethik der Gastlichkeit schließt das unbedingte Recht auf Asyl ein. Dazu gehört dann nicht nur das Flüchtlingsboot als Altar und der Geistliche mit Schwimmweste. Die humanitäre Hilfe wird zur politischen Aktion, wenn sie über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hinausgeht.

Wer sich bemüht, aus christlicher Überzeugung Politik zu machen, dem wird gerne attestiert, naiv zu sein. In gleicher Weise könnte politisch Verantwortlichen unterstellt werden, die Evangelien und deren politische Sprengkraft nicht zu kennen. „Kirche muss nicht neutral sein, Kirche muss Haltung zeigen“, sagt die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, die auch Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland war.

Vielleicht entscheidet sich auch in der Flüchtlingsfrage, was es heißt, Christ zu sein – mit allen Konsequenzen. Dazu gehört aber in gleicher Weise, dass trotz der weiten Herzen „die Möglichkeiten begrenzt sind“, wie der sich dezidiert als Christ fühlende frühere Bundespräsident Joachim Gauck es ausdrückt. Perfekt die Botschaft Jesu zu erfüllen, ist auf Erden nach christlicher Auffassung nicht möglich. Wir bleiben immer beschränkt – auch im Willen, den Fremden absolute Gastfreundschaft zu gewähren. Würde Jesus eine Obergrenze akzeptieren? Im Zweifel nein. Ein Staat kommt aber ohne Beschränkungen nicht zurecht, will er Chaos vermeiden und den Zusammenhalt in einer Gesellschaft bewahren.

Trotzdem bleibt die Vermittlung eines christlichen Menschenbildes weiterhin ein wichtiger Navigator unserer Gesellschaft. Die Flüchtlingskrise ist dafür ein Indiz.