Serie Migration: Warum uns die Integration und der Umgang mit Fremden gelingen kann

Serie Migration (9) : Warum wir es schaffen können

Die einzige Konstante in der Geschichte der Menschheit ist der Wandel, heißt es. Ihn selbst zu gestalten, auch bei der Integration, kann anstrengend sein. Doch der Umgang mit Fremden macht uns menschlich.

Wenn wir im Sommer im Park grillen, ist seit zwei Jahren auch Saeid dabei. Er bringt eine Aluschale mit, auf der er sein Rindfleisch grillt – denn wenn es geht, sagt der Muslim, soll es nicht mit Schweinefleisch in Berührung kommen. Man mag das befremdlich finden. Aber am Ende macht er es nicht anders als die Vegetarier in unserem Freundeskreis.

Integration verlangt beiden Seiten etwas ab: Den Fremden das Anpassen, den Einheimischen ein gewisses Maß an Gelassenheit. Es ist nicht die Mitte, in der man sich trifft – aber ohne dass auch wir einen Schritt auf die neuen Mitbürger zugehen, wird es nicht klappen. Die gute Nachricht: Die Mehrheit der Deutschen steht dem Großprojekt Integration gelassen gegenüber. Im kürzlich veröffentlichten „Integrationsbarometer“ – einer groß angelegten Erhebung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) – schrieben die Forscher: „Das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft wird überwiegend positiv wahrgenommen.“ Und diese Sichtweise hat sich seit 2015 kaum verändert.

Die Ankunft einer großen Zahl Migranten und Flüchtlinge, wie Deutschland sie vor allem 2015 und 2016 erlebt hat, ist wahrscheinlich die größte Veränderung der deutschen Gesellschaft seit der Wiedervereinigung. Dass die Welt sich ständig wandelt, ist eine Binsenweisheit. Doch dass die Jahrhundertaufgabe Integration in eine Zeit fällt, in der die Welt durch Internet und Globalisierung immer komplexer wird, macht es zumindest nicht einfacher. So viel Neues gibt es zu bewältigen: Der Arbeitgeber etwa verordnet eine komplizierte, neue Software für das Unternehmen. Das Wissen um den Klimawandel legt nahe, mehr Bahn und Fahrrad zu fahren. Weniger Fleisch essen wäre auch gut, weil die Tiere in der Massenhaltung leiden. Und überhaupt, was darf man nun als Mann noch zu einer Frau sagen? Wie kriegt man als Frau Karriere, Kind und Kegel unter einen Hut? Dafür braucht es Bereitschaft zum Lernen (Software), zur Unbequemlichkeit (Bahn), zum Verzicht (Fleisch), zur Selbstreflexion (Rollenbilder). Das ist wahnsinnig anstrengend.

Auch deshalb ist der Mensch oft lieber ein Gewohnheitstier. Routinen sind bequem, geben Halt in dieser komplexen Welt. Begegnen wir nun Fremden, müssen wir uns auf Neues einlassen. Ausloten, wie wir ihm oder ihr begegnen. Wie begrüßt man sich? Was gilt für den anderen als witzig, was als anstößig? Welche gemeinsamen Themen kann man finden? Das ist mühevoll. Zumindest, wenn man stattdessen einfach unter sich bleiben kann. Doch diesen Fehler hat die deutsche Gesellschaft schon einmal begangen – etwa bei den türkischen Mitbürgern. Das Ergebnis? Weil sie sich nie angenommen fühlten, wählen sie zumindest zum Teil nun lieber Erdogan.

Wenn Menschen verschiedener Gruppen zusammentreffen, rät uns unser Innerstes oft zur Vorsicht. Das gilt nicht nur für die Begegnung mit Flüchtlingen. Es gilt für die neuen Nachbarn in der Siedlung oder im Haus, für die Fans eines anderen Fußballclubs, für die Familie des neuen Partners. „Skepsis gegenüber Fremden ist der Normalfall in der Natur“, sagt Religionspsychologe Michael Blume, der auch Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus ist. Wir haben die Skepsis mit Tieren gemein. Was uns aber menschlich macht: Wir können sie überwinden.

Zwar sind Vorurteile erst einmal nützlich, weil sie unserer Psyche erlauben, komplexe Situationen schnell einzuschätzen. Doch in der Evolution hat sich laut Blume die Kooperationsbereitschaft und Neugier auf Fremdes durchgesetzt und zu besseren Überlebenschancen geführt. So konnten Gewalt und Inzucht reduziert werden. Verschiedene Gruppen konnten voneinander lernen. Und dass es heute Staaten gibt, wurde auch erst durch die Kooperationsbereitschaft mit vermeintlich Fremden möglich, sagt Blume.

Allerdings, und das zeigt auch das Integrationsbarometer deutlich, muss Vielfalt immer wieder neu gelernt werden. Gerade in den ostdeutschen Bundesländern, in denen der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund – mit Ausnahme von Berlin – unter acht Prozent liegt, wird das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft eher mittelmäßig bewertet. In westdeutschen Bundesländern mit bis zu 32 Prozent Migrantenanteil (Bremen) wird das Zusammenleben deutlich positiver bewertet. Das Unbehagen gegenüber Fremden ist also dort am größten, wo es die wenigsten Fremden gibt.

Wir brauchen also: Begegnung, Begegnung, Begegnung. Eine Ende 2017 veröffentliche Studie des SVR mit dem Titel „Wie gelingt Integration?“ zeigt, dass das auch die meisten der seit 2015 zugewanderten Flüchtlinge wollen. Arbeit und neue Freunde finden ist für sie demnach das Wichtigste. Als Merkel sagte: „Wir schaffen das“, entgegenete AfD-Chef Gauland wenig später: „Wir wollen das gar nicht schaffen!“ Doch die Wahrheit ist: Wir müssen das schaffen. Und wir können es auch. Gerade im Rheinland würden wir sonst unser Selbstverständnis verraten: Wir gelten als gelassen, offen, tolerant.

Saeid hat schon von dieser Offenheit profitiert: Von der Erstaufnahme konnte er in eine Studenten-WG in Köln ziehen, lernte schnell Deutsch und feierte Karneval. Inzwischen profitiert nicht nur sein Arbeitgeber von ihm, der eine IT-Kraft gefunden hat. Auch sein Freundeskreis schätzt Saeid für seine Freundlichkeit, sein Vertrauen, seine Geschichten. Wir horchen auf, wenn er beim Grillen erzählt, wie er vor Jahren fast zwangsverheiratet wurde. Dann sind wir froh, dass er nun hier frei leben kann. Und dass wir das Glück hatten, in einem freien Land geboren worden zu sein. Warum sollten wir dieses Glück nicht teilen?

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