Selenskyj im Bundestag „Ich danke Dir, Deutschland“

Berlin · In einer emotionalen Rede hat der ukrainische Präsident Selenskyj den Deutschen für ihre Hilfe im Verteidigungskampf gegen Russland gedankt. Die Abgeordneten fast aller Fraktionen würdigen seinen Besuch – AfD und BSW hingegen nicht.

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Selenskyj spricht im Bundestag – „Ich danke dir, Deutschland“

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Als Wolodymyr Selenskyj den Plenarsaal des Bundestages betritt, geht er an einigen leeren Abgeordnetenplätzen vorbei. Es sind die Stühle vom linken Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Und auch die Plätze der AfD-Fraktion sind leer geblieben. Nur vier Abgeordnete der in weiten Teilen rechtsextremen Partei sind an diesem Dienstag ins Reichstagsgebäude gekommen, um die Rede des ukrainischen Präsidenten zu verfolgen. Dass AfD und BSW nicht da sind, wird später von den Fraktionschefs der SPD und der Union mit scharfen Worten kritisiert.

Doch abgesehen von diesen Lücken ist der Plenarsaal rappelvoll. Die Fraktionen sind nahezu vollständig besetzt, die Regierungsbank und die Plätze der Vertreter der Bundesländer ebenso. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Bundesratspräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und die Verfassungsrichterin Christine Langenfeld sitzen im Halbrund vor dem Rednerpult.

Bas dankt in ihrer kurzen Willkommensrede dem ukrainischen Präsidenten für seinen Besuch. Sie versichert dem von Russland angegriffenen Land die Solidarität Deutschlands. „Ich bin sicher, die russischen Kriegsverbrechen werden geahndet“, sagt Bas. Die Zukunft der Ukraine liege in der EU und der Nato. Bas erinnert daran, dass ukrainische Soldaten einen wichtigen Anteil an der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus hatten. Jetzt ist es an Deutschland, der von Russland angegriffenen und in Teilen besetzten Ukraine zu helfen.

Dann tritt Selenskyj ans Rednerpult. Er ruft in seiner etwa 15-minütigen Rede dazu auf, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gemeinsam erfolgreich zu beenden. Man dürfe Russland nicht einen weiteren Marsch durch Europa erlauben, sagt Selenskyj. „Es ist unser gemeinsames Interesse, dass Putin diesen Krieg persönlich verliert“, ruft er den Abgeordneten entgegen. Der russische Präsident Wladimir Putin sei es gewohnt, andere zu unterwerfen.

Immer wieder spenden die Abgeordneten dem ukrainischen Präsidenten lang anhaltenden Applaus. Der Krieg müsse so beendet werden, dass kein Zweifel bestehe, wer gesiegt habe, sagt Selenskyj. Russland müsse für die Entfesselung des Krieges die volle Verantwortung übernehmen. „Russland muss für den ganzen Schaden zahlen, der durch diese Aggression verursacht wurde“, sagt er.

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Selenskyj würdigt immer wieder Deutschlands Hilfe für sein Land. „Ich danke Dir, Deutschland“, sagt er mehrfach. Insbesondere die Lieferung von Patriot-Luftabwehrsystemen erwähnt er, diese hätten Tausende Menschenleben gerettet.

Und dann erinnert er an die Erfahrungen der Deutschen mit der Teilung ihres eigenen Landes. „Das geteilte Europa war niemals friedlich. Und das geteilte Deutschland war niemals glücklich“, sagt er. „Und daher können Sie uns, die Ukrainer verstehen. Sie können verstehen, warum wir so gegen die Versuche Russlands kämpfen uns zu teilen und die Ukraine zu teilen. Warum wir alles, einfach alles tun, um keine Mauer zwischen den Teilen unseres Landes zuzulassen. Kein Land sollte dazu verurteilt sein, dass Stacheldraht für Jahrzehnte seinen Leib zerreißt“, ruft er.

Doch der ukrainische Präsident gibt sich in seiner Rede auch hoffnungsfroh – trotz des russischen Kriegsterrors. Mit Blick auf die bevorstehende Ukraine-Friedenskonferenz in der Schweiz sagt er: „Wir wollen der Diplomatie eine Chance geben. Die Ukraine hat niemals nur auf die Stärke der Waffen gesetzt.“

Es sei die Aufgabe der Ukraine und ihrer Verbündeten, dafür zu sorgen, dass Russland sich ändere. Das sei möglich, so Selenskyj. Genauso, wie die Berliner Mauer nicht für die Ewigkeit war, sei auch Putin und seine Aggression nicht für die Ewigkeit. Man werde den Krieg nicht vererben an nachfolgende Generationen, ruft Selenskyj.

Die Abgeordneten applaudieren lange nach seiner Rede. Auf den Besuchertribünen sitzen ukrainische Abgeordnete, sie verfolgen die Reden, zeigen sich ebenso dankbar bei Gesprächen auf den Fluren des Reichstags. Der ist an diesem Tag besonders gut gesichert. Überall in Berlin sind Straßen gesperrt für die Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine, die der Anlass für Selenskyjs Besuch ist.

Dass sie die Rede boykottieren, erklärten AfD und BSW im Vorfeld damit, dass Selenskyj einen Eskalationskurs verfolge. „Wir lehnen es ab, einen Redner im Tarnanzug anzuhören“, teilten etwa die AfD-Fraktionschefs Alice Weidel und Tino Chrupalla mit. „Die Bundesregierung sollte ihm keine Bühne für Wiederaufbaubettelei geben. Die Bürger zahlen mehr als genug für Militärhilfe, EU-Hilfe und Bürgergeld für Ukrainer.“

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, winkt nach seiner Rede im Deutschen Bundestag.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, winkt nach seiner Rede im Deutschen Bundestag.

Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Scharfe Kritik am Fernbleiben von AfD und BSW üben im Nachgang SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich und Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU). Er sei entsetzt, sagt Merz. Mützenich spricht von mangelndem Respekt. Und der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Thorsten Frei (CDU), kommentiert: „Damit unterstreichen AfD und BSW einmal mehr ihre Verachtung für die Opfer des russischen Angriffskriegs.“

(jd/dpa)
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