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Bildung in Deutschland: Schulpolitik ohne Linie

Bildung in Deutschland : Schulpolitik ohne Linie

Zwölf Jahre nach dem "Pisa-Schock" bestimmen die Elternwünsche mehr denn je die Bildungspolitik in Deutschland. Ergebnis: Vieles wird anders, nur manches besser. Und die Zahl der Schulformen wächst.

Die Schullandschaft in Deutschland wird immer bunter, aber nicht unbedingt besser. Die jahrelangen ideologischen Auseinandersetzungen darüber, welche Schulformen die besten sind, münden nun darin, dass alle machen, was sie gerade für richtig halten. Konzeption sieht anders aus.

Das Feuer in der Strukturdiskussion ist weitgehend erloschen. Immer mehr Wissenschaftler, Politiker und Lehrer kommen zu der Erkenntnis, dass es vor allem auf die individuelle Förderung der Kinder ankommt. Mit gut ausgebildeten, motivierten Lehrern in ausreichender Anzahl lässt sich das im Grunde genommen an jeder Schulform umsetzen.

Auch bei den Bildungspolitikern hat sich herumgesprochen, dass man mit der Schulpolitik zwar keine Landtagswahlen gewinnen, sie aber sehr wohl verlieren kann. Dass Olaf Scholz in Hamburg für seine SPD die absolute Mehrheit erringen konnte, lag auch an seinem Versprechen an die Wähler, nach dem quälenden schwarz-grünen Schulstreit in der Hansestadt keine weitere Bildungsreform zu starten.
Die Bildungspolitiker sind dazu übergegangen, Eltern und Schüler mit den Füßen abstimmen zu lassen. Dies führt beispielsweise dazu, dass immer mehr Länder neben dem Abitur nach der zwölften Klasse auch das Abitur in 13 Schuljahren wieder zulassen.

Gut gedacht, schlecht gemacht

Die Idee, die Schüler nach zwölf Jahren Abi machen zu lassen, war per se nicht schlecht, aber typisch für die deutsche Bildungslandschaft umgesetzt: Statt ein Konzept zu schreiben, die Lehrpläne zu entrümpeln und den zusätzlichen Unterricht auf Vor- und Nachmittag zu verteilen, wurde der Stoff von drei Jahren Ober- oder Mittelstufe in zwei Jahre gepfropft und wird nun Tag für Tag in sechs bis acht Schulstunden durchgebimst, viel zu oft ohne Mittagspause.

Wer darüber nicht zusammenbricht oder an eine Gesamtschule ausweicht, hat sein Abitur dann eben nach zwölf Schuljahren. Klar, dass einen solch gestrafften Stundenplan nur die Jugendlichen bewältigen, die entweder sehr begabt sind oder sehr viel Unterstützung aus dem Elternhaus haben. Der Bildungshintergrund und das Engagement der Eltern sind für den Schulerfolg in Deutschland immer noch sehr wichtig. Obwohl alle Studien, angefangen bei der ersten Pisa-Untersuchung 2000, belegen, dass unser Schulsystem soziale Ungleichheit nicht ausgleicht, ist auf diesem Feld bislang kaum etwas geschehen.

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Im Gegenteil: Bildungsexperten führen die gestiegenen Leistungen der Schüler nach den schlechten Ergebnissen der ersten Pisa-Studie darauf zurück, dass die Eltern mit ihren Kindern zu Hause noch mehr arbeiten. Wer daheim nicht gefördert wird, gerät also umso mehr ins Hintertreffen.

Auch der Schulfrieden in NRW 2011 ist für einen hohen Preis erkauft worden. Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) ist es zwar gelungen, die destruktiven Debatten um die Schulformen zu beenden — dafür blickt sie nun auf einen bunten Flickenteppich an Schulformen: die neuen Gemeinschafts- und Sekundarschulen, dazu weiterhin Gymnasien, Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Alles vorhanden.
Während Politiker vorgeben, sie müssten sich angesichts des demografischen Wandels auf sinkende Schülerzahlen einstellen, erleben wir eine muntere Vermehrung der Schularten. Es fehlt der Mut zur Konsequenz — etwa indem die Hauptschule wirklich abgeschafft wird, wie es alle für richtig halten.

Hier geht es zur Infostrecke: NRWs Schulsystem 10/11 in Zahlen

(Qua)