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Schauspielkünste kommen nicht mehr gut an

Über die Macht der Rede im Bundestag : Schauspielkünste kommen nicht mehr gut an

Erst seit den 20er Jahren werden Reden durch Mikrofon und Lautsprecher übertragen. Zuvor mussten Redner durch laute Stimmen, Gesten und Mimik überzeugen.

Die Ampelkoalition steht in den Startlöchern: Am Dienstag trat der neu gewählte Bundestag zu seiner ersten Sitzung zusammen. Angela Merkel (CDU) ist als Kanzlerin bald Geschichte. Sie galt als eher spröde Rednerin - ohne große Emotionen und rhetorische Mittel, mit vielen Passivkonstruktionen, Substantivierungen und Verschachtelungen.

Sollte Olaf Scholz ihr Nachfolger werden, muss sich der Bundestag, dessen Atmosphäre sich durch die AfD spürbar aufgeheizt hat, in dieser Hinsicht nicht groß umstellen. Denn auch der Sozialdemokrat gilt als wenig charismatischer Redner. Er sei "von auffälliger Unauffälligkeit"; seine Leidenschaft sei die Leidenschaftslosigkeit, charakterisierte ihn vor einiger Zeit die "Süddeutsche Zeitung".

Allerdings: Karl-Heinz Göttert, Kölner Rhetorik-Experte, ist zurückhaltend, wenn es um die Macht der Rede geht. "Die meisten politischen Entscheidungen fallen nicht in den Debatten des Bundestags, sondern zuvor in Ausschüssen und Hinterzimmern", sagt der frühere Germanistik-Professor.

Andererseits hätten Reden im Bundestag immer noch eine hohe Bedeutung. "Sie geben den Parteien und Positionen Profil, sie schaffen Zusammenhalt und haben Wirksamkeit nach außen." Göttert verweist darauf, dass sich die Erwartungen der Öffentlichkeit an Redner verändert hätten. "Seit der Antike wurden vom Prediger und politischen Redner auch Schauspielkünste erwartet." Um ohne Verstärkung überhaupt verstanden zu werden, mussten Redner nicht nur eine sehr laute Stimme haben, sondern auch sehr betont und pathetisch sprechen und das Gesagte mit Gesten und Mimik unterstreichen.

"So etwas würde heute nicht mehr gut ankommen", vermutet der Germanist. "Von Rednern heute wird Authentizität erwartet", sagt er. Allerdings achten Zuhörer und Zuschauer auf anderes: auf die Farbe der Krawatte oder die Frisur.

Seit Mitte der 20er Jahre gab es Versuche, Reden durch Lautsprecher zu verstärken. Zunächst gegen starke Widerstände: Viele Redner hatten Bedenken, dass durch die technisch übertragene Stimme Persönlichkeit verloren ginge. "Es ist bezeichnend, dass die Politiker der Weimarer Republik den Lautsprecher durchweg ablehnten. Der Reichstag erhielt bis zuletzt keine Lautsprecheranlage", so Göttert.

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Auch die Nazis waren zunächst misstrauisch. Doch dann machten sie Mikrofon und Lautsprecher zur Waffe. Hitler selber erklärte: "Ohne Kraftwagen, ohne Flugzeug und ohne Lautsprecher hätten wir Deutschland nicht erobert." Er, Goebbels und Konsorten haben bei ihren Reden trotz Mikro weiter geschrien wie vorher. Auch vielen Politikern der frühen Bundesrepublik fiel es schwer, sich an die technische Übertragung der Stimme zu gewöhnen. Der SPD-Vorsitzende und frühere KZ-Häftling Kurt Schumacher etwa brüllte bei seinen Reden, als gäbe es keine Lautsprecher. Englische Studenten fühlten sich deshalb an Goebbels erinnert.

Doch mittlerweile sorgt die moderne Lautsprecher- und Mikrofontechnik für Authentizität. "Die Stimme wirkt ganz natürlich", sagt Göttert. Deshalb gehe es auf den ersten Blick deutlich weniger aggressiv zu im Parlament. Was allerdings nicht bedeutet, dass Reden heutzutage nicht immer noch laut, aggressiv und beleidigend sein können.

Seit die AfD 2017 in den Bundestag eingezogen ist, hat die Zahl der Ordnungsrufe wieder zugenommen, haben Datenexperten von "Zeit online" für eine im vergangenen Jahr im Duden-Verlag erschienene Analyse der Bundestagsdebatten seit 1949 festgestellt. AfD-Politiker werden für eine Verrohung der Sprache verantwortlich gemacht.

Allerdings: Auch andere Phasen der Bundestagsgeschichte sind von starker Polarisierung geprägt. Von den insgesamt knapp 800 Ordnungsrufen entfällt ein großer Teil auf die ersten Legislaturperioden, als Redner wie Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner Worte wie "Lümmel", "Idiot" oder "Übelkrähe" auf die Abgeordneten schleuderten. Auch zwischen 1970 und 1985 gab es im Zuge der Ostpolitik und des Einzugs der Grünen nochmals eine Hochphase des Streits. Man denke nur an den Grünen Joschka Fischer, der 1984 Bundestagspräsident Richard Stücklen (CSU) mit den Worten beleidigte: "Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch."

(kna)