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Hartz-IV-Debatte: Sarrazin legt nach

Hartz-IV-Debatte : Sarrazin legt nach

Düsseldorf (RP). Wann und wo immer Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD) die aus seiner Sicht verquere Lebensführung vieler Hartz-IV-Empfänger geißelt, sind dem Mann zwei Reaktionen sicher: "Hosianna!" und "Kreuzigt ihn!"

Sarrazin, der jetzt aus Frankfurt am Main in seine alte Heimat Berlin gereist war, legte wieder politisches Feuer. Er, der Bedürftigen schon einmal kaltes Duschen und warme Pullover zwecks Senkung der Energiekosten empfohlen hatte, sagte, es gebe keine materielle Armut im Land, vielmehr eine Bildungs-, Bewegungs- und Verhaltensarmut.

Der Leistungsethiker aus einer Hugenottenfamilie, die sich gesellschaftlich empor gerackert hat, fuhr fort: "Menschen können es vielleicht nicht ändern, dass sie keine Arbeit haben, aber sie können entscheiden, ob sie morgens im Bett liegen bleiben oder aufstehen und ihren Kindern ein Schulbrot machen." Rumms —­ ein "echter Sarrazin".

In Fahrt geraten, knöpfte er sich den Appetit der Sprösslinge aus Hartz-IV-Kreisen auf TV-Berieselung vor. In knapp der Hälfte der Kinderzimmer im sozial schwachen Berliner Bezirk Wedding stünden Fernseher; die Vergleichszahl aus dem bürgerlichen Berlin-Charlottenburg laute: fünf Prozent.

Die Reaktionen fielen deutlich unterschiedlich aus. Der Kölner Politik- und Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge bezeichnete die Art, wie sich Sarrazin über die Armen erhebe, als elitär, ignorant und widerlich. Butterwegge, der in seinem Buch "Armut in einem reichen Land" kritisiert, dass Armut bei uns verdrängt werde, sagte: "Sarrazin verwechselt Ursache mit Wirkung. Er wirft den Armen vor, ihre Not durch Fehlverhalten selbst verursacht zu haben. In Wahrheit ist materielle Not der Grund für bestimmte Verhaltensweisen in Hartz-IV-Familien."

Experten uneinig

Der Chemnitzer Politikwissenschaftler Eckhard Jesse urteilte anders: Sarrazin spreche oft Dinge aus, welche andere sich nicht trauten auszusprechen, obwohl sie Sarrazins Meinung teilten. Tatsächlich gebe es in Deutschland keine materielle Armut, wohl jedoch bestimmte Verhaltensauffälligkeiten im Hartz-IV-Milieu. Jesse sieht bei bestimmten Unterstützungs-Beziehern die Gefahr, dass sich Demotivation und Passivität verstärken, wenn Hartz-IV-Sätze angehoben würden.

Jesse: "Sarrazin hat recht, aber Appelle zur Verhaltsänderung helfen nicht, solange die Leute materiell so abgesichert sind." Würde man die Hartz-IV-Bezüge aufstocken, würde sich das Fehlverhalten der Unterstützten verfestigen." Butterwegge zufolge blendet Sarrazin die krass unterschiedlichen Vermögensverhältnisse aus. Auch die Kritik Sarrazins an der Bildungsarmut von Hartz-IV-Beziehern verkenne die Tatsache, dass Bildungsarmut aus materieller Armut hervorgehe. Bildung könne zu besseren Arbeitsplatz-Chancen führen. Das müsse aber nicht so sein, schließlich arbeiteten viele gut Gebildete im Niedriglohnsektor.

Hier geht es zur Infostrecke: Thilo Sarrazin liebt klare Worte