Sachsen & Pegida - ein ostdeutsches Phänomen?

Analyse : Ist "Pegida" ein ostdeutsches Phänomen?

In Ostdeutschland tätige Politikwissenschaftler und Kirchenleute diagnostizieren dort ein bestimmtes Verlierergefühl der unteren bürgerlichen Mittelschichten - und zudem jahrzehntelang fehlenden religiösen Halt.

Zugegeben, das war in der Heiligabend-Christmette von Sankt Agnes im "heiligen Köln" eine kleine, wenn auch bezeichnende Begebenheit während der Predigt: Der Pfarrer sprach über Papst Franziskus, der bei Christen und Nicht-Christen auf viel Zustimmung trifft. Da gab es im großen Gotteshaus keinen Widerspruch, wahrscheinlich nicht einmal inneren. Als der Geistliche jedoch die hauptsächlich im sächsischen Dresden merkwürdig anschwellende bürgerliche Protestbewegung "Pegida" (Patrioten Europas gegen die Islamisierung des Abendlandes) feindlicher, also unchristlicher Gesinnung gegenüber Flüchtlingen zieh, legte sich vernehmbar widerständiges Grummeln und Murren über einige Kirchenbänke.

Solcherlei Unmutsbezeugungen sind ungewöhnlich für einen Gottesdienst, zumal für einen feierlichen in der Nacht der Nächte vor dem Hochfest der Geburt Christi. Die Widerstandsgeräusche in Sankt Agnes durften als Indiz dafür gewertet werden, dass eine undifferenzierte Etikettierung von "Pegida" als anti-christlich, anti-bürgerlich, als inhuman oder rechtsextrem in der normalen Bevölkerung nicht überzeugt.

Neulich überschrieb die dezidiert linke, libertäre Zeitung "taz" einen Kommentar zum neuen politischen Phänomen "Pegida" mit der Zeile: "Dresden ist überall". Das mag stimmen, wenn man hinter der Bewegung mehr vermutet als die ja in der Realität nicht wirklich spürbare echte Bedrohung des Abendlandes durch den Islam. Abgesehen davon, dass angesichts der Verdunstung religiösen Wissens und von Glaubensüberzeugungen von einem "Christlichen Abendland" nur sprechen wird, der über die Gabe des Verdrängens verfügt oder naiv ist, ließe sich fragen: Zeugen diejenigen, die montags in "Elb-Florenz" zehn- bis zwanzigtausendfach grimmig schweigend durch die Straßen ziehen, wirklich von christlich-abendländischem Überlebenswillen? Oder steht "Pegida" nicht vielmehr für eine spezifisch ostdeutsche Unzufriedenheit vieler Menschen, die sich nicht arrangiert haben mit den politisch liberalen Zuständen, die sie zur Wende 1989/1990 zwar gewollt haben, die dann aber doch über sie gekommen und in ihren desorientierten Gefühlshaushalt eingebrochen sind?

Die ostdeutschen Politikwissenschaftler Werner Patzelt (TU Dresden) und Eckhard Jesse (TU Chemnitz) machen seit geraumer Zeit darauf aufmerksam, dass sich gerade in dem bereits vor der Wende widerständigen Sachsen (Stichwort: Montagsdemos gegen die SED-Clique) eine neue Heimatlosigkeit ausgebreitet habe. Jesse betont, dass es sich beim Großteil der "Pegida"-Marschierer von Dresden, die mehr Spaziergänger sind, um Angehörige der unteren Mittelschicht handelt. Nicht Intellektuelle oder wie zur Wendezeit politisch aktive evangelische Pastoren gäben den Ton an, sondern politisch empfindsame kleine Leute. In Dresden mehr als anderswo im Osten vorhandene Bildungsbürgerschichten halten sich von den "Pegida"-Aktivitäten fern, wohl auch deshalb, weil sie den Vorwurf fürchten, sie machten sich mit vorurteilsbehafteten, rechtslastigen Kleinbürgern gemein.

Die "Pegida"-Gegner lassen keine Gelegenheit aus, gerade den Sachsen eine latente oder offen zur Schau gestellte Anti-Ausländer-Gesinnung bis hin zu Neonazi-Sympathien zu unterstellen. Laut Jesse und Patzelt möchten die kleinen Leute der "Pegida"-Bewegung ihre Frustration darüber ausdrücken, dass sie im Zuge von ungeregelter Einwanderung wie einst zu unseligen DDR-Zeiten wieder zu den Verlierern der vermeintlich modernen Zeiten werden könnten. Manche Protestler fühlten sich zunehmend fremd im eigenen Land. Für die Wissenschaftler ist klar, dass die politisch Verantwortlichen eine an den Interessen des Einwanderungslandes Deutschland orientierte, gesteuerte Zuwanderung organisieren sollten. Im Übrigen müsse nachdrücklich das bestehende Defizit beim Vollzug bestehender Gesetze im Asylrecht beseitigt werden. Wenn der Gesetzgeber aktiv wird, hält es Jesse für wahrscheinlich, dass sich "Pegida" im kommenden Jahr zahlenmäßig abschwächt.

Auch der Rheinländer Heiner Koch, Bischof der katholischen Diözese Dresden-Meißen, diagnostiziert ostdeutsche Verlustängste, was gewachsene Heimat, Kultur und Traditionen angeht. Zudem fehle in den neuen Bundesländern, die aufgrund der Nazi- und DDR-Zeit über Generationen kaum mit Religion in Berührung gekommen sind, ausreichender geistiger Halt, den christlicher Glaube zu geben vermöge. Wenn die Kirchen den "Pegida"-Demonstranten deutlich zu machen versuchten, dass es zum christlichen Gebot gehöre, Flüchtlingen und anderen Menschen in Not beizustehen, falle das wegen besagter Ängste nebst ausreichendem Halt durch Religion nicht sofort auf fruchtbaren Boden.

Bischof Koch erinnerte gegenüber unserer Zeitung an die gute ostdeutsche Tradition zur Wende-Zeit vor 25 Jahren, so genannte Runde Tische für Politiker und gesellschaftlich relevante Gruppen einzurichten. So etwas müsste nach Auffassung Kochs erneut geschehen, damit bestehende oder auch nur eingebildete politische Mängel ernsthaft besprochen werden könnten.

Einige aus dem linken und grün-alternativen politischen Milieu lästern mit ärgerlichem Blick auf die "Pegida"-Veranstaltungen so wie seinerzeit über "Dunkeldeutschland", neuerdings gerne über "Dunkeldresden"; so als sei in der für ostdeutsche Verhältnisse vergleichsweise bürgerlich-gediegenen Barock- und Touristenstadt an der Elbe die politische Ahnungslosigkeit zu Hause. Kann man es derart unter die Dunkelmänner Sortierten verdenken, dass sie ihre seltsame Sprachlosigkeit aufgeben und entgegnen: Ihr Kritiker seid in eben jenen Vorurteilen gegen Fremdes verhaftet, was ihr uns stets vorwerft?

Hier geht es zur Infostrecke: Fragen und Antworten zu "Pegida"

(RP)