Israels Botschafter Ron Prosor „Wir haben es mit Barbaren zu tun, schlimmer als der Islamische Staat“

Interview | Berlin · Israels Botschafter Ron Prosor fordert für Juden in Deutschland mehr Schutz und Solidarität. Nach den grauenvollen Terrorattacken der Hamas wolle Israel die Terrororganisation zerstören. Scharf kritisiert er, dass Deutschland bei der Gaza-Resolution in der UN-Vollversammlung nicht mit Nein gestimmt hat.

Israel sei nicht dafür verantwortlich, wenn es im Nahen Osten einen Flächenbrand geben sollte, sagt Israels Botschafter Ron Prosor.

Israel sei nicht dafür verantwortlich, wenn es im Nahen Osten einen Flächenbrand geben sollte, sagt Israels Botschafter Ron Prosor.

Foto: dpa/Fabian Sommer

Herr Botschafter, fühlen Sie sich noch wohl in Deutschland?

Prosor Ja, ich fühle mich wohl in Deutschland. Ich bin sogar froh, hier zu sein. Für mich ist das ein berufliche und persönliche Sache.

Inwiefern?

Prosor Mein Vater ist in Berlin geboren, er hat mit seiner Schwester und meinen Großeltern hier gelebt. Mein Großvater war sogar ein preußischer Offizier. Ich habe schon ganz früh gesagt, ich möchte gerne Botschafter in Deutschland werden. Für mich ist das eine Berufung.

Ihr Land erlebt grausame Zeiten. Wird Israel ausreichend unterstützt?

Prosor Ich glaube, es gibt keinen einzigen anderen Ort in der Welt, wo ich so klar sagen kann: Freunde, der Staat Israel wurde gegründet, damit wir solche Pogrome und Massaker wie am 7. Oktober nie wieder erleben. Aus der deutschen Zivilgesellschaft erreicht uns täglich Unterstützung, auf persönlicher Ebene und mit Initiativen und öffentlichen Kundgebungen. Auf politischer Ebene bin ich mir der Unterstützung ganz sicher, vom Bundespräsidenten über den Kanzler bis in alle Parteien hinein. Worte müssen jetzt aber auch in Taten umgesetzt werden. Das ist die Aufgabe.

Wie meinen Sie das?

Prosor Die Tatsache, dass im Jahr 2023 Juden und Israelis Angst haben auf deutschen Straßen, ist beschämend. Wenn Molotowcocktails auf Synagogen geworfen und Davidsterne auf Häuser geschmiert werden wo Juden leben, dann frage ich mich, was aus der Geschichte gelernt worden ist. Ich weiß, dass viele Juden sich jetzt fürchten. Das ist völlig inakzeptabel. Ich erwarte Schutz und Solidarität.

Ist ihnen der deutsche Staat zu lasch bei pro-palästinensischen Demonstrationen, wenn dort gegen Israel gehetzt wird?

Prosor Ich widerspreche. Diese Aufmärsche sind nicht pro-palästinensisch, sondern anti Israel, anti-jüdisch und pro Hamas. Wenn sie wirklich pro-palästinensisch wären, würden sich diese Mitläufer gegen die Unterdrückung durch die Terrororganisation Hamas wenden. Das geschieht aber nicht.

Die Bundesregierung will jetzt palästinensische Organisationen verbieten. Reicht das?

Prosor Das ist längst überfällig. Organisationen wie Samidoun sind das trojanische Pferd der deutschen Demokratie. Sie missbrauchen sie. Auch warne ich davor, diese und andere Organisationen zu verharmlosen. Wer jetzt nicht handelt, wird morgen genauso weinen, wie wir es seit dem 7. Oktober tun.

In Deutschland wird viel über die Sicherheit Israels als Staatsräson gesprochen. Was heißt das für Sie?

Prosor Im politischen und militärischen Bereich bekommen wir von den USA, was wir brauchen. Was ich wirklich möchte, ist mehr deutsche Unterstützung in den internationalen Gremien. Seit Jahren reflektiert zum Beispiel das Abstimmungsverhalten Deutschlands in der Uno nicht das besondere Verhältnis unserer beider Staaten. Auch kann Deutschland uns in der EU mehr helfen. Für uns ist das unheimlich wichtig. Denn Israel wird dämonisiert und delegitimiert. Und das seit Jahren. Wir sind aber ein demokratischer Staat. Nur werden wir oft wie keiner behandelt.

Bei der Abstimmung zur Gaza-Resolution hat sich Deutschland in der UN-Vollversammlung enthalten und nicht mit Nein gestimmt. Wie bewerten Sie das?

Prosor Die Enthaltung Deutschlands bei der UN-Resolution ist mehr als enttäuschend. Seit dem 7. Oktober hat Bundeskanzler Scholz unmissverständlich seine uneingeschränkte Unterstützung für Israel zum Ausdruck gebracht, die Verantwortung der Hamas für das barbarische Massaker anerkannt und das Recht Israels auf Selbstverteidigung bekräftigt. Diese Worte fanden sowohl in Deutschland als auch in Israel großen Anklang, gingen aber auf der Reise nach New York offenbar in der Übersetzung verloren. Wahre Freundschaft zeigt sich durch Taten, nicht nur durch Worte. So wichtig sie auch sein mögen. Die Enthaltung am Freitag ist moralisch falsch und die Geschichte wird darüber urteilen. Die Staatsräson bedeutet, gerade in schwierigen Zeiten aktiv an der Seite Israels zu stehen.

Welchen Eindruck haben Sie in diesen Tagen von der deutschen Gesellschaft?

Prosor Die Kundgebung am Brandenburger Tor neulich hat mich glücklich gemacht. Zugleich muss ich aber sagen: Seit Jahren erleben wir, wie der Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig wird. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Für mich ist immer noch unbegreiflich, wieso auf der Documenta ein klar antisemitisches Werk gezeigt werden konnte. Immer öfter wird versucht, Antisemitismus hinter der Freiheit der Kunst, der Freiheit der Meinung, aber auch hinter der Kritik am demokratischen Staat Israel zu verstecken. Ich frage mich übrigens, warum der kulturelle Betrieb in Deutschland zum 7. Oktober weitestgehend schweigt.

Haben Sie Sorge, dass die Solidarität mit Israel bröckelt? Immer öfter hört man bereits ein „Ja, aber“.

Prosor Natürlich fürchte ich das. Aber wir haben es mit Barbaren zu tun, schlimmer als der Islamische Staat. 200 Leichen konnten wir bis jetzt noch nicht einmal identifizieren. Einer Schwangeren wurde der Bauch aufgeschnitten, das Baby herausgerissen und ihm dann mit dem Messer in den Kopf gestochen; Menschen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Entsetzlich. Die deutsche Bevölkerung muss verstehen, um welche Herausforderung es gerade geht. Um in dieser Region zu überleben, müssen wir stark sein. Deswegen muss Israel die Infrastruktur der Hamas und deren Führung völlig zerstören.

Wie blicken Sie auf das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza?

Prosor Wir zielen nicht auf unschuldige Zivilisten. Aber wir haben es mit einem Gegner zu tun, der die eigene Bevölkerung ideologisch belügt und sie als menschliche Schutzschilde benutzt. Wenn wir sagen, geht in den Süden von Gaza, schießt die Hamas auf ihre eigenen Leute. Wenn schlimme Bilder aus Gaza da sind, hoffe ich, dass viele daran denken werden, worum es geht – um die Existenz Israels. Wir haben keine andere Wahl.

Die EU-Staaten fordern jetzt aber humanitäre Pausen und geschützte Korridore für Hilfslieferungen in den Gazastreifen.

Prosor. Wer humanitäre Forderungen hat, sollte sich damit an die Hamas wenden. Die Terrororganisation feuert weiter jeden Tag Raketen auf israelische Dörfer und Städte ab. Gleichzeitig haben sie in Gaza 24.000 Liter Benzin aus Krankenhäusern gestohlen. Was die Bevölkerung an Versorgung bräuchte, stiehlt die Hamas und missbraucht es für ihre Terrorzwecke.

Viele Experten sagen, die Bodenoffensive wird einen Flächenbrand in der Region auslösen. Was entgegnen Sie?

Prosor Israel ist nicht dafür verantwortlich, dass es einen Flächenbrand in der Region geben könnte. Verantwortlich für die Bodenoffensive und einen möglichen Flächenbrand ist die Hamas. Um in der Zukunft Frieden zu erzielen, müssen wir die Hamas besiegen. Dem dient die Bodenoffensive.

Schauen wir nach Israel. Es gibt offenbar eine große Unzufriedenheit mit der Regierung Netanjahu. Ist dem so?

Prosor Wir werden uns damit auseinandersetzen, warum der 7. Oktober geschehen konnte. Diese Frage treibt viele in meinem Land um. Doch im Moment rückt die israelische Gesellschaft zusammen. Israelis aus Deutschland, Südamerika oder aus den USA kommen zurück. Nicht, weil die Regierung es will. Sondern sie wollen Israel verteidigen. Und ganz sicher ist: Israel wird nie mehr so sein wie vor dem 7. Oktober.

Das Schicksal der Geiseln bewegt. Gibt es Hoffnung für diese Menschen?

Prosor Unter den Geiseln sind Kinder und Babys, Menschen aus 41 Ländern. Uns geht es nicht um Rache. Eines unserer Ziele ist es, die Geiseln zu befreien und gesund nach Hause zu bringen. Wir machen das besonnen und klar.

 31.10.2023, Israel, Sderot: Israelische Militärfahrzeuge fahren an der Grenze zwischen Gaza und Israel. Foto: Ilia Yefimovich/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

31.10.2023, Israel, Sderot: Israelische Militärfahrzeuge fahren an der Grenze zwischen Gaza und Israel. Foto: Ilia Yefimovich/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa/Ilia Yefimovich

Vielleicht ist diese Frage nicht zu beantworten angesichts der Lage, in der sich Israel derzeit befindet, aber wird irgendwann einmal Versöhnung in der Region möglich sein?

Prosor Ein gute Frage. Versöhnung ist ein großes Wort. Sie und ich hätten uns vor 70 Jahren vermutlich nicht vorstellen können, dass es jemals eine Versöhnung zwischen Juden und Deutschen geben würde. Viele, die von der Hamas abgeschlachtet worden sind, haben sich ein Leben lang für eine israelisch-palästinensische Annäherung eingesetzt. Mein Land erlebt gerade aber eine Zeitenwende. Und die wird sicherlich noch Jahre brauchen.

(has)
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