Serie - Die Geschichte der Deutschen:: Romantik - ein deutsches Schicksal

Serie - Die Geschichte der Deutschen: : Romantik - ein deutsches Schicksal

(RP). Weimarer Klassik mit Goethe und Schiller sowie die Romantik - das sind die beiden großen Geisteshaltungen der Deutschen am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. So ungestüm, aber auch so phantasievoll ist zuvor in Deutschland nie gedacht worden. Diese Epochen haben Auswirkungen bis in die Gegenwart.

Es war einmal ein Deutschland, das hatte seine Romantik wieder entdeckt. Als eine Art Affäre. Das war erst Mitte des vergangenen Jahres, als Rüdiger Safranski mit seinem Romantik-Buch die Fieberkurve weit nach oben trieb. Plötzlich war vieles Romantik, von dem wir im Traum nicht daran dachten. Die frechen 68er gehörten dazu und sogar die Nationalsozialisten.

Eine solche Zuordnung zu Dichtern und Denkern des 19. Jahrhunderts wie Fichte und Schelling, wie Hölderlin, Eichendorff, Brentano, Tieck, Hauff und Heine war neu und ungewohnt und schmeckte ein wenig bitter. Sollten jene Träumer tatsächlich die geistigen Väter der braunen Machthaber und der roten Protest-Studenten gewesen sein? Kaum zu glauben, aber ganz unwahr ist diese These nicht. Schließlich wäre die studentische Forderung, "Phantasie an die Macht", auch von etlichen "alten" Romantikern ohne Bedenken unterschrieben worden.

Was die so unterschiedlichen Deutschen einte - den träumenden Dichter, den menschenverachtenden Nazi und den sozialistisch gestimmten Studenten -, war die Lust am Experiment und daran, eine neue Welt zu schaffen und diese an die Stelle der Wirklichkeit zu setzen. Und begleitet wurde dieser Wille zum Träumen jeweils von dem Gefühl, hier und jetzt Teil und Mitwirkender eines Epochenumbruchs zu sein.

Diese Geisteshaltung ist ungefährlich, wenn sie - wie im 19. Jahrhundert - die neue Welt mit und in der Poesie erfindet. Und sie bleibt als Vision ein Ort der Sehnsucht, wenn sie in Demonstrationen und in Vorlesungssälen tätig wird. Politische Romantik aber wird gefährlich, wenn sich Metaphysik zur germanischen Mythologie und der romantische Universalismus zum radikalen Nationalismus wandelt. Spätestens am so genannten Dritten Reich wird ablesbar, warum Thomas Mann die Romantik auch als "deutsches Schicksal" verstand.

Die Geburt der deutschen Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist die Antwort auf eine Welt voller Defizite. Die beginnende Industrialisierung und eine nur der Vernunft zugewandte Aufklärung wecken plötzlich die Sehnsucht nach Mythen und Träumen, der Volkspoesie und den Märchen. Als die Welt mit Macht nach vorn zu streben beginnt, zeigen die Romantiker zurück - auf unsere Herkunft und unsere Ursprünge.

Nicht alles ist romantisch, aber das Romantische ist alles

Dennoch kommt keine tumbe Deutschtümelei dabei heraus. Was ist schon eine Nation?, fragt Herder und antwortet: Doch wohl nur ein großer, ungejäteter Garten voll Kraut und Unkraut. So dürfe "sich auch kein Volk Europas vom andern abschließen, und töricht sagen: bei mir allein, bei mir wohnt alle Weisheit".

Freilich: Nicht alles ist romantisch, aber das Romantische ist alles. Wie sein Symbol, die erträumte Blaue Blume aus dem Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen" von Novalis. Eine kleine Blume bloß, aber ein Sinnbild für das große Sehnen nach einer heilen und ungebrochenen Welt. Die Romantik - eine Schule auch für Sinnsuche; und Rüdiger Safranski nennt sie eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln. Zwar haben viele romantische Illusionen mit dem Scheitern der Revolution von 1848/49 ein Ende gefunden, das Gefühl des Aufbruchs unter den Romantikern aber war enorm: "Eine Schar junger Männer und Frauen stürmt erobernd über die breite, träge Masse Deutschlands. Sie kommen wie vor Jahrhunderten die blonden germanischen Stämme der Wanderung: abenteuerlich, siegesgewiß, heilig erfüllt von ihrer Sitte und ihrem Leben, mit übermütiger Verachtung die alte, morsche Kultur über den Haufen werfend". So zumindest beschreibt Ricarda Huch das Gefühl dieser Epoche.

Wem das Herz voll ist, der hebt zu singen an. Besonders im Lied bricht sich das Romantische seine Bahn. In ihm wird die Sprache Leidenschaft, gewinnt mit Vehemenz tiefen, oft melancholischen Ausdruck. Sagen und Mythen fließen dabei ineinander - und Heines Loreley-Gedicht wird in der Vertonung von Friedrich Silcher 1838 so etwas wie eine heimliche Nationalhymne des 19. Jahrhunderts. Heine, der kritische Romantiker, ist ein gefundenes Fressen für die Komponisten dieser Zeit - von Schumann bis Brahms. Fast 7000 Vertonungen seiner Verse gibt es.

Eine Erfahrung wird geboren, dass etwas entstehen könnte, was immer gilt

Die Romantik ist voller Aufruhr und Bewegung, eine Geisteshaltung, die auf das antwortete, was vorausgegangen war: eine Epoche nämlich, die ihren Namen dem Städtchen eines überschaubaren Fürstentums verdankt, die Weimarer Klassik. Alles hier ist klein, vieles gleich um die Ecke. Gerade einmal 64000 Einwohner zählt das Fürstentum. Und dennoch: Hier weht ein großer Geist, eine Erfahrung wird geboren, dass etwas entstehen könnte, was für immer gilt. Dafür scheint Weimar eine glückliche Insel der Neutralität im politisch zerrissenen Europa zu sein.

Im Gegensatz zur bewegten Romantik ist in der deutschen Klassik alles geordnet. Vier "Helden" gibt es: Wieland, Goethe, Herder und Schiller. Doch oft denkt man nur an jene beiden, die - gemeinsam den Lorbeerkranz haltend - den Sockel vor dem Theater zu Weimar zieren.

Mit Goethe und Schiller bricht das Klassische an, und dieses "Weimarische Wunder" (Richard Wagner) lässt sich exakt datieren: Am 20. Juli 1794 hält Goethe bei der "Naturforschenden Gesellschaft" in Jena einen Vortrag, und als er endet, tritt Schiller zu ihm. Ein Disput unter vier Augen folgt, ein philosophisches Gespräch über Idee und Erfahrung der Urpflanze.

Ein paar Wochen später feiert Goethe seinen 45. Geburtstag. Schiller schreibt ihm und nennt ihn darin gar einen "griechischen Geist". Das ist der Freundschaft förderlich. Und: Dieser Geburtstagsbrief gilt als eine Art Gründungsdokument der Weimarer Klassik. Jahre später wird Goethe schreiben, dass beide einen Bund besiegelt hätten, "der ununterbrochen gedauert und manches Gute gewirkt hat". Auch darum endet die Klassik erst, als einer der beiden stirbt. Es ist der jüngere, es ist Schiller, der am 9. Mai 1805 in Weimar der Tuberkulose erliegt.

Die Freundschaft ist für Schiller und Goethe ein Glücksfall. Denn von einer künstlerisch glänzenden Phase kann zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung bei beiden keine Rede sein. Und früh sind sie sich ihrer Größe und ihrer Bedeutung für Zeitgeschichte und Zeitgenossen bewusst: für das Streben nach Harmonie und Vollkommenheit, für das Erziehungsideal der schönen Seele und für ihr Bemühen, in der Natur und der Geschichte das Räderwerk der Welt zu verstehen.

Das war nicht weltfremd gedacht. Schließlich sollte die ästhetische Erziehung auch als politische Idee verstanden werden und als eine Reaktion auf das viele Blut der Französischen Revolution. Die "Schönheit ist es, durch welche man zur Freiheit wandert", schreibt Schiller.

Die passenden Stichworte hatte zuvor Johann Joachim Winckelmann geliefert, unter anderem mit seiner "Geschichte der Kunst des Alterthums" 1764. Jetzt schmeckte man in Weimar den Worten nach von stiller Einfalt und edler Größe.

Und die deutsche Nation? Im staatsrechtlichen Sinne war daran kaum zu denken; in Weimar wurde stärker an das aufklärerische Ideal der Gesellschaft gedacht. Aber ohne die spätere Nation hätte ihr Werk diesen Rang kaum bekommen. Es gibt viel an Weltliteratur, wie Martin Walser einst bemerkte. Aber ein Klassiker wird "zuerst ein Klassiker seiner Nation".

Zwei große Epochen, zwei Geisteshaltungen, die im Sprachgebrauch der Gegenwart nicht nur positive Spuren hinterlassen haben: Wie der Romantiker heute als Träumer belächelt wird, so gilt die Klassik mitunter als ein leicht verstaubtes, geistiges Turngerät mit einprägsamer und für manche abschreckender Farbgebung: Es ist das Reclam-Gelb aus dem Deutschunterricht.

Die Mutter Goethes, klug und weise, hat alles schon geahnt. An Weihnachten 1807 schrieb Catharina Elisabeth Goethe an ihren Sohn Johann Wolfgang: "Und du und Schiller ihr seid hernach Classische Schriftsteller - wie Horaz - Lifius - Ovid u. wie sie alle heißen ... was werden alsdann die Professoren Euch zergliedern - auslegen - und der Jugend einpleuen."

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