Robert Habeck - der grüne Charmeur beim Live-Talk der „Brigitte“

Beobachtungen beim Live-Talk der „Brigitte“ : Robert Habeck gibt den grünen Charmeur

Wie der grüne Polit-Shootingstar Robert Habeck beim Live-Talk der Frauenzeitschrift „Brigitte“ im Maxim-Gorki-Theater an der Kanzlerfrage knapp vorbei antwortete.

Da sitzt er. Deutschlands derzeit beliebtester Politiker. Gut ausgeleuchtet auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters. Tatsächlich dunkelblauer Anzug, die Jeans hat er weg gelassen, weißes Hemd, selbstredend keine Krawatte, Stiefel in grauem Veloursleder. Im weichen Kreuzverhör der Frauenzeitschrift „Brigitte Live“. Der Politiker als Mensch. Nebenan im kleinen „Studio R“ steht derzeit auf dem Spielplan: „Papa hat Euch lieb.“ Hier auf der Hauptbühne geben sie gleich für gut 90 Minuten das Stück: „Robert hat Euch noch viel lieber.“ Draußen ist gerade Sommer im April. Drinnen hebt Robert Habeck grünes Potenzial: Frauen, in diesem Fall halbwegs modeinteressiert, halbwegs Livestyle orientiert, halbwegs kritisch.

Der Bundesvorsitzende der Grünen hat etwa alle fünf Minuten die Wahl zwischen zwei Themen, so sieht es das Gesprächs-Konzept des Abends vor. Zum Beispiel: AKK oder AKW? „Weil ich ahne, was passiert, wenn ich AKK sage, nehme ich AKW.“ Gelächter im Saal. „Brigitte“-Chefredakteurin Brigitte (ja, das ist tatsächlich ihr Vorname) Huber und Kollegin Meike Dinklage kommen trotzdem gleich zum Thema. Kann Habeck Kanzler, will Habeck Kanzler? Denn nach 14 Jahren mit einer Bundeskanzlerin wäre die Zeit doch wieder reif für einen Mann im höchsten Regierungsamt, oder? Habeck lächelt. Gerade hat er noch erzählt, dass bei ihm inzwischen auch das frühe Aufstehen klappe. Die langen Tage im Leben eines Berufspolitikers „so bis 22, 23 Uhr“, auch das bekomme er hin. Ein paar solcher Tage hintereinander seien in Ordnung, aber nicht drei Wochen am Stück, dann werde er „missgelaunter“ und „unleidlich“. Doch Berufspolitik ist hartes Brot. Erst recht als Bundeskanzler. Als Politiker sei man nie fertig. Er kenne Politikerinnen und Politiker, die sich fragen: „Ist es das wert?“ Tägliche Terminjagd, kein Privatleben, immer Öffentlichkeit.

Aber jetzt ist auf er auf gefährlichem Pflaster. Frauen verstehen, erst recht bei einem solchen Format, das kann er. Den Robin Hood geben, das kann er auch, wo er doch eben noch so wunderschön erzählt hat, dass er früher als Kind im Zeichentrickfilm jenen Robin Hood verehrt habe, der da von einem Fuchs dargestellt worden sei. Ein Fuchs im Einsatz für die Armen. Aber nun Kanzler? Habeck weicht aus. Er sagt nicht: Nein, natürlich nicht. Er sagt nicht: Ja, auch klar. Er sagt: „Ich glaube, dass wir dringend wieder ein starkes Verständnis von Regierung brauchen. Wir brauchen eine starke Regierung und, ja, meine Partei versucht, diese Stärke zu entwickeln.“ Und: „Im Moment habe ich nicht den Eindruck, dass wir eine aktive Regierung haben.“ Weiter: „Aber die Frage, wer auf welchen Posten sitzt, lenkt nur ab“. Wenn eines Tages doch wieder ein Mann Kanzler würde – man darf ja in einem dieser Schöner-Wohnen-Sessel auf der Bühne mal laut darüber nachdenken –, dann bitte nicht in jenem Ton, wie ihn einst „die rot-grüne Männerriege“ um Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder Otto Schily verkörpert und vorgelebt habe. Wieder Applaus im Saal.

Habeck gibt den grünen Charmeur. Er ist gerne Menschenversteher. An diesem Abend der Frauenzeitschrift versteht er Frauen besonders gut, obwohl etwa die Hälfte der Besucher im nicht ganz ausverkauften Haus Männer sind. Das nächste Themenpaar: Selbstkritik oder Selbstzweifel? Habeck wählt Selbstkritik. Wann er das letzte Mal Anlass zur Selbstkritik gehabt habe? Er kratzt sich an der Nase: „Ähm, ich nehme Selbstzweifel.“ Dann weiter im Drehbuch. Am 2. September wird Habeck, Philosophiestudium, Schriftsteller, verheiratet, vier Söhne, 50 Jahre alt. Definitiv Mitte des Lebens. Er war Landesminister in Schleswig-Holstein. Seit Januar 2018 führt er die Grünen gemeinsam mit der Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock zu einem bislang in der Parteigeschichte beispiellosen Höhenflug. Höhenflüge sind gefährlich, weil es von dort oft wieder nach unten geht. Nächste Frage: 30 oder 50? „Ich nehme 30, da kenne ich mich aus. 50 bin ich noch nicht.“ Bald ist er 50. Er darf noch träumen. Auch vom Kanzleramt beispielsweise.

Mehr von RP ONLINE