Vor 30 Jahren: RAF ermordet Jürgen Ponto

Vor 30 Jahren: RAF ermordet Jürgen Ponto

Frankfurt/Main (RPO). Als es am 30. Juli 1977 bei Bankier Jürgen Ponto an der Tür klingelt, ahnt keiner etwas Schlimmes. Das Patenkind kommt, bringt Blumen mit. Minuten später wird Jürgen Ponto von mehrere Kugeln getrofffen. Das Patenkind ist Susanne Albrecht und sie bringt die Mörder von RAF mit.

Pontos Chauffeur bedient die Sprechanlage, das Ehepaar Ponto sitzt an diesem Samstagnachmittag auf der Terrasse. "Hier ist die Susanne", meldet sich die Besucherin. Ihr Kommen ist angekündigt. Susanne Albrecht ist Hamburgerin, ihr Vater ein Freund Pontos. Sie ist das Patenkind des Bankiers, hat Blumen mitgebracht und wird eingelassen. Minuten später liegt Jürgen Ponto von mehreren Kugeln getroffen am Boden. Der 53-Jährige stirbt noch am Abend.

Susanne Albrecht kam nicht allein. In ihrer Begleitung betraten auch Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt das Haus am Waldrand Oberursels, das Paar war den Pontos nicht bekannt. Die drei Besucher sind Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF). 1985 wird das Stuttgarter Oberlandesgericht feststellen, dass Klar und Mohnhaupt den Bankier töteten, weil er sich der geplanten Entführung widersetzte. Erst 14 Jahre nach dem Mord sagte Albrecht bei ihrer eigenen Gerichtsverhandlung, eine Gegenwehr Pontos habe es an jenem Samstag nicht gegeben.

Der im hessischen Bad Nauheim geborene Ponto war 1969 als 45-Jähriger zum Vorstandssprecher der Dresdner Bank gewählt worden und galt als eine herausragende Persönlichkeit der deutschen und europäischen Kreditwirtschaft. Um an ihn als Förderer der Kunst und Kultur zu erinnern, gründete seine Witwe Ignes Ponto noch im Jahr seiner Ermordung die Jürgen-Ponto-Stiftung, die bis heute vor allem junge Musiker, aber auch Nachwuchsschriftsteller und bildende Künstler unterstützt. Die Stiftung vermittelt Konzerte, vergibt Preise und Stipendien.

  • Hintergrund : Chronik der RAF-Attentate

Nachdem sie Pontos Leben ausgelöscht hatten, flüchteten die drei RAF-Terroristen aus dem Haus. Sie entkamen zusammen mit Peter-Jürgen Boock, der im Fluchtauto gewartet hatte. Klar, Mohnhaupt und Boock wurden Jahre später nicht nur wegen ihrer Beteiligung an dem Oberurseler Mord zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Albrecht tauchte 1980 in der DDR unter, erhielt eine neue Identität und heiratete einen Wissenschaftler. 1990 wurde auch sie festgenommen und im nachfolgenden Gerichtsprozess zu zwölf Jahren Haft wegen Beihilfe an der Ermordung Pontos verurteilt.

1996 auf Bewährung entlassen, arbeitete sie danach unter anderem Namen als Deutschlehrerin in Bremen. Als ihre Identität im Mai 2007 während des Bremer Wahlkampfs bekannt wurde, bezeichnete die CDU die Anstellung als "untragbar". Der Elternbeirat ihrer Grundschule setzte sich für ihre Weiterbeschäftigung ein. Brigitte Mohnhaupt war wenige Wochen zuvor nach 24 Jahren Haft auf Bewährung entlassen worden, Christian Klar erhielt erstmals Freigang und wird voraussichtlich 2009 aus dem Gefängnis kommen. Peter-Jürgen Boock verbüßt seit 1998 keine Strafe mehr.

Der "Deutsche Herbst" 1977 ging in die Geschichte ein. Die RAF ermordete in diesem Jahr mindestens sieben Menschen, im Oktober erhängten sich dann in Stammheim Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Die Ereignisse dokumentierten den "Verzicht auf die Auseinandersetzung mit humanen Mitteln", formulierte vor fünf Jahren der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann. Corinna Ponto, die Tochter des ermordeten Bankiers, sagte Anfang des Jahres in einem Interview, sie habe das Gefühl, mit wachsender Distanz werde die RAF zu einer Art "Pop-Mythos". Sie befürchte weiteren Polit-Kitsch in Wort und Film.

Hier geht es zur Infostrecke: Brigitte Mohnhaupt - ihre Geschichte

(afp)
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