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Projekt Julia Klöckner: Was das Siegel für mehr Tierwohl bringt

Projekt der Agrarministerin Julia Klöckner : Was das Siegel für mehr Tierwohl bringt

Auf die Verbraucher wartet in Zukunft noch ein Logo im Supermarkt. Geht es nach Bundesagrarministerin Julia Klöckner, soll es aber ein besonderes sein: Ein staatlich verbürgtes Siegel, dass es die Tiere einmal besser hatten, als es die Gesetze verlangen.

Nach jahrelangen Diskussionen und einem versandeten ersten Plan in der vorigen großen Koalition hat die CDU-Politikerin am Mittwoch konkrete Details auf den Tisch gelegt. Daran sollen Verbraucher ermessen können, ob ihnen Verbesserungen im Stall glaubwürdig erscheinen und mehr Geld beim Einkauf wert sind. Auch genügend Bauern müssen noch mit an Bord.

Wie soll das Tierwohl-Logo funktionieren?

„Verbraucher sollen schnell erkennen können, wo mehr Tierwohl drinsteckt“, lautet Klöckners erstes Ziel. „Tierhalter sollen für ihre Mehrinvestitionen honoriert werden“, das zweite. Dafür soll im nächsten Jahr ein staatlich vergebenes „Tierwohlkennzeichen“ zunächst für Fleisch und Wurst von Schweinen in die Läden kommen. Vorgesehen sind drei Kennzeichnungsstufen mit jeweils steigenden Anforderungen - und also auch jeweils höheren Preisen. Bauern können freiwillig mitmachen. Wollen sie mit dem Logo werben, müssen sie die Kriterien einhalten und sich auch regelmäßig von außen kontrollieren lassen.

Was genau heißt mehr Tierwohl?

Höhere Standards sollen über die „gesamte Lebensspanne“ gelten. Dafür gibt es 13 Kriterien vom Leben der Ferkel über Bedingungen im Stall und Tiertransporte bis zum Betäuben und Entbluten im Schlachthof. Beispiel Platz: Statt der verpflichtenden 0,75 Quadratmeter müssen Schweine von 50 bis 110 Kilogramm für Stufe 1 des Siegels 20 Prozent mehr Platz im Stall haben, also 0,9 Quadratmeter. Für Stufe 2 sind es 1,1 Quadratmeter und für Stufe 3 dann 1,5 Quadratmeter samt Auslauf ins Freie. Tierschützer reagieren gelinde gesagt enttäuscht. Stufe 1 habe PR-Charakter, wettert der Tierschutzbund. Mindestens 40 Prozent mehr Platz müssten da bereits her, verlangt der Umweltverband BUND.

Welche Anforderungen gibt es noch?

Weitere Logo-Kriterien legen fest, dass es Beschäftigungsmaterial aus Heu, Stroh und Sägespäne geben muss. Gesetzliche Vorschriften zum Material gibt es laut Ministerium bisher nicht, üblich sind aber oft Ketten oder Plastikbälle. Beschäftigung soll Stress und Langeweile verringern und wiederum ermöglichen, öfter aufs Schwänzekürzen zu verzichten, das nur noch im Einzelfall überhaupt zulässig ist. Beim Tierwohl-Logo komplett tabu ist dies aber erst in Stufe 2. Das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln soll beim Logo generell unzulässig sein, und zwar schon bevor 2021 ohnehin ein gesetzliches Verbot greift. Vorgesehen sind auch Fach-Fortbildungen.

Warum ist das Logo nicht verpflichtend?

Dass Bauern freiwillig mitmachen können, oder eben nicht, stößt auf breiten Protest. Klöckner müsse sich für strengere Gesetzesvorgaben einsetzen, damit alle und nicht nur wenige Tiere tiergerecht gehalten werden, fordert die Verbraucherorganisation Foodwatch. Die Ministerin argumentiert, man könne niemanden verpflichten, mehr zu tun als gesetzlich verlangt. Das sei beim ebenfalls freiwilligen Biosiegel ähnlich. Eine verpflichtende Kennzeichnung müsse zudem auf EU-Ebene geregelt werden, was aber lange dauere. „Man kann gerne die Taube auf dem Dach anbeten“, sagt Klöckner. Das helfe den Tieren aber nicht.

Wie geht es weiter?

Das neue Logo soll kein Nischenprodukt sein. Dafür soll auch eine Werbekampagne sorgen. Mit Prognosen zu erreichbaren Marktanteilen hält sich das Ministerium zurück. In anderen Ländern ergaben sich etwa 20 Prozent. Wie viel teurer Fleisch mit Tierwohlkennzeichen wird und wie viel davon verlässlich bei den Bauern ankommt, muss sich erst zeigen. Unabhängig von der Politik wollen mehrere Handelsketten schon im April mit einer eigenen Haltungsform-Kennzeichnung starten - deren Stufe 1 beginnt allerdings schon mit dem gesetzlichen Standard.

(felt/dpa)