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Posten im Bundeskabinett: Karl Lauterbach muss nicht Gesundheitsminister werden

SPD-Personalien im Kabinett : Warum Karl Lauterbach nicht Minister werden muss

Fachkenntnis kann helfen – ist aber nicht das wichtigste Argument für SPD-Politiker Lauterbach als Gesundheitsminister oder gegen Grünen-Politikerin Annalena Baerbock im Außenamt. Worauf es tatsächlich ankommt.

Zum Nikolaustag, so scheint es, haben viele Deutschen nur einen Wunsch: Dass der Name Karl Lauterbach fällt, wenn es um das Gesundheitsministerium geht. Am Montag, dem 6. Dezember, nämlich will der angehende Bundeskanzler Olaf Scholz die Ministerriege der SPD bekanntgeben: Neben Innen und Heimat, Arbeit und Soziales, Verteidigung, Bauen, Wirtschaft und Klimaschutz sowie Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wird die Personalie für das Ressort Gesundheit wohl mit am meisten Spannung erwartet.

Obwohl, oder gerade weil seit einigen Tagen über ein politisches Comeback von Andrea Nahles als Gesundheitsministerin spekuliert wird, sind die Rufe nach Karl Lauterbach noch einmal lauter geworden. So trendet am Freitag auf Twitter der Hashtag #WirbrauchenKarl samt Argumenten, die vermeintlich für ihn sprechen und alles schlagen: „Mut statt Machtgehabe, Verantwortung statt Vertuschung, Kompetenz statt keine Ahnung, Ehrlichkeit statt Eigensinn, Wissenschaft statt Wirtschaft, Fakten statt Fakes“ sind die Schlagworte, die Bilder von ihm zieren.

All diese Punkt mögen zutreffen. Und Lauterbachs Lebenslauf allein macht ihn per se schon zum Gesundheitsexperten: Medizinstudium samt Promotion in Aachen und Düsseldorf, Studium der Epidemiologie und Gesundheitsökonomie in Harvard, ebenfalls samt Promotion, später Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln. Auch schon vor seinem Einzug in den Bundestag 2005 galt er als wichtigster Berater und Einflüsterer von SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Aber muss der einstige Schattenminister und passionierte Gesundheitsökonom zwingend auch den Ministerposten bekommen? Nein. Selbst die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert eine SPD-Abgeordnete so: Die einen in der Partei seien absolute Lauterbach-Fans, „die anderen sagen: Um Gottes willen."

Es gibt tatsächlich einiges, was gegen Lauterbach als Person spricht und einiges, was grundsätzlich für andere auf diesem Posten spricht – zum Beispiel für Andrea Nahles. Auch wenn die gerade als neue Chefin der Bundesagentur für Arbeit gehandelt wird. Lauterbach als Gesundheitsminister könnte die falsche Wahl sein, weil er inzwischen so stark polarisiert wie kein anderer Bundespolitiker in diesen Zeiten. Zwar hat er durch sein stetes Informieren, Kritisieren und Positionieren überhaupt erst diesen Bekanntheitsgrad erlangt. Doch der allein verhilft einem Gesundheitsminister noch nicht zu einer erfolgreichen Regierungszeit. Vielmehr hat Lauterbachs Dauerpräsenz in den Talkshows (und auch in der „Heute Show“) wie auf Twitter bei manchen längst zu einem (Gesundheits)Politikverdruss geführt oder sogar zu persönlicher Abneigung, was an Kleinigkeiten liegen kann: Stimme, Tonlage, Kleidungsstil, Frisur, seine fehlende Fliege, die lange Zeit Lauterbachs Markenzeichen war.

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Zum anderen sind es nicht zwingend fachliche Kompetenzen, die ein Ministeramt erfordert. Sogenannte Soft Skills spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle: Kommunikationstalent, Planungsstärke, Kritik- und Konfliktfähigkeit sind ebenso wichtig wie auch Empathie und Teamfähigkeit – nicht nur, aber vor allem in der immer noch andauernden Corona-Krise. Führungskompetenz und Akzeptanz im eigenen Team zählen genauso dazu. Ein Ministerium wird nämlich ganz und gar nicht allein geführt. Seine Mitarbeitenden fachgerecht einzusetzen, sie zu schätzen, zu motivieren und den Laden schlicht zusammen zu halten – auch das muss der Mann oder die Frau an der Spitze können.

Andrea Nahles brächte dafür mindestens genauso gute Voraussetzungen mit. Sie ist innerhalb der SPD akzeptiert und respektiert, sie ist ehrgeizig, durchsetzungstark und führungserfahren. Sie war die erste Frau als Vorsitzende der Partei sowie der Fraktion, als Arbeiterkind und Mutter ist sie vielen ein Vorbild. Fachlich ist ihr Ministeramt für Arbeit und Soziales (2013 bis 2017) immerhin nicht ganz wesensfremd vom Bereich der Gesundheit. Erringen konnte sie in dieser Zeit immerhin die Mütterrente, eine Steigerung der Erwerbsminderungsrente und das Tarifeinheitsgesetz – daran werden Bundesminister und -ministerinnen letztlich gemessen.

Es kommt eben darauf an, wie viel sie im Sinne der Wählerschaft, vielleicht sogar im Sinne der deutschen Bevölkerung insgesamt erreichen können. Ob das letztlich aus eigener Fachexpertise heraus passiert, oder durch einen kompetentes Team, Beratungswillen und Engagement, ist am Ende zweitrangig. Wichtig ist, gerade in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung und der Herausforderungen einer Regierung aus drei Parteien eine Person, die es schafft zu einen statt zu polarisieren. Insofern kann Andrea Nahles eine gute Gesundheitsministerin werden – mit Karl Lauterbach im engsten Beraterkreis.