Porträt einer Gescheiterten: Andrea Nahles zieht sich aus der Politik zurück

Andrea Nahles im Porträt : Eine Kämpferin gibt auf

Andrea Nahles wusste immer, was besser laufen könnte in der SPD. Doch als sie die Partei als Vorsitzende selbst führte, versagten ihre Instinkte. Ein Porträt einer Gescheiterten.

Am Ende hat sich Nahles nur noch mit wenigen Vertrauten über ihren für die Partei und für sie persönlich so weitreichenden Schritt abgestimmt. Für die Mehrheit der SPD-Führung und die Bundestagsabgeordneten kam Nahles‘ Erklärung am Sonntagmorgen überraschend. In nüchternem Tonfall wünschte sie ihrer Partei, was sie nicht mehr bekam: „Ich hoffe sehr, dass es Euch gelingt, Vertrauen und gegenseitigen Respekt wieder zu stärken und so Personen zu finden, die ihr aus ganzer Kraft unterstützen könnt.“

Mit Andrea Nahles gibt eine Kämpferin auf. Eine, die das Image Nervensäge mit einem lauten Lachen quittierte, zieht sich selbst den Stecker. Der ersten Frau an der Spitze der traditionsreichen SPD geht es nicht besser als einigen ihrer Vorgänger, die mitunter auch nach ihrer tatkräftigen Mithilfe – verzweifelt, rückhaltlos, fertig gemacht – hinwarfen.

Nahles wusste um das Risiko Schleudersitz des Chefsessels im Willy-Brandt-Haus, als sie vor gut einem Jahr mit nur 66 Prozent zur Vorsitzenden gewählt wurde. Und kaum ein anderer kennt die Mechanismen der SPD so gut wie sie. Als Juso-Chefin, als junge Bundestagsabgeordnete, als Generalsekretärin, als Arbeitsministerin – sie benannte die Schwächen ihrer Partei stets in klaren Botschaften und trug damit auch zur Demontage ihrer Vorsitzenden bei. Dank ihr ging Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 als „Abrissbirne des Sozialstaats“ in die Geschichte ein. „Das war mir zu viel Lirum Larum Löffelstiel“, sagte sie über die Rede von Rudolf Scharping 1995 beim legendären Mannheimer Parteitag, den dieser daraufhin als SPD-Chef nicht überstand.

Eine kämpferische Rede hält die Juso-Vorsitzende Andrea Nahles am 25.11.1996 auf dem außerordentlichen SPD-Jugendparteitag in Köln. Die SPD beschloß auf dem Treffen eine Ausbildungsabgabe für Betriebe und die Senkung des Wahlalters. Foto: picture-alliance / dpa/dpa/Michael Jung

Vor den Kameras trat Nahles stets hemdsärmelig auf. In einer Talkshow tat sie mal kund, dass sie nicht in die Politik gegangen sei, um mit Wattebäuschchen zu werfen. Sie präsentierte sich stets laut, offensiv und mitunter auch peinlich. Unvergessen ihr schief gesungenes Pippi-Langstrumpf-Lied im Bundestag oder auch ihr verunglückter Scherz, dem Koalitionspartner „in die Fresse“ zu geben. Dabei konnte sie hinter verschlossenen Türen die Defizite ihrer Parteiführung klar, klug und ruhig entlarven. Sie hatte auch immer eine Strategie parat, wie es besser gehen könnte.

Nur als sie dann selbst das Amt in Händen hielt, das sie so viele Jahre angestrebt hatte, versagten ihre guten Instinkte und ihr analytischer Blick auf das Geschehen. Sie igelte sich ein mit ihrem Küchenkabinett, einem Stab aus Mitarbeitern, die sie vom Willy-Brandt-Haus ins Arbeitsministerium und zur Spitze in Partei und Fraktion mitgenommen hatte. In der Fraktion machte sie sich unbeliebt mit autoritärem Auftreten und Basta-Stil, was sie an früheren SPD-Partei- und Fraktionschefs immer kritisiert hatte. Wer nicht auf ihrer Linie war, musste mit ihrem persönlichen Zorn und mit Sanktionen rechnen.

Andrea Nahles und der damalige SPD-Parteivorsitzende Martin Schulz (21.Januar 2018) beim SPD-Sonderparteitag in Bonn. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Noch als Arbeitsministerin hatte sie einen guten Job gemacht. Sie drückte in der großen Koalition den Mindestlohn und die Rente mit 63 durch – Prestigeprojekte für ihre Partei. Von Union und Arbeitgebern, die inhaltlich zwar konträr zu ihr standen, wurde sie indes für ihre Verlässlichkeit gelobt. Zu dieser Zeit erarbeitete sie sich den Ruf, in Verhandlungen ein harter Brocken zu sein, aber zu ihrem Wort zu stehen und dieses auch in den eigenen Reihen durchzusetzen. Mehr Lob geht nicht von der politischen Gegenseite.

Die heimatverbundene, katholisch gläubige Nahles opferte viel für die Politik. Ihre Ehe ist zerbrochen. Ihre 2011 geborene Tochter Ella lebt in ihrem Heimatdort in der Eifel und wurde von der Großmutter betreut, wenn Nahles zum Regieren und zu Krisensitzungen nach Berlin eilen musste. Ihren Friesen-Wallach „Siebke“ konnte sie nur selten reiten. Nahles ist der Ganz-oder-gar-nicht-Typ: Sie will nicht nur Partei- und Fraktionsvorsitz abgeben, auch ihr Bundestagsmandat will sie niederlegen. Damit ist sie raus aus der Politik – nach 30 Jahren für die Politik und einem Berufsleben, das keine anderen Stationen als politische aufweist.

Als Nahles im April 2018 zur Parteichefin gewählt wurde, geschah dies unter ungünstigen Vorzeichen. Ihrer Wahl war ein ungeschicktes Agieren gemeinsam mit ihrem Vorgänger, Martin Schulz, vorausgegangen. Beide hatten geglaubt, Schulz könne nach der verlorenen Bundestagswahl noch Außenminister werden. Erst der Proteststurm vor allem in der Partei und auch in der Öffentlichkeit zeigte Nahles, dass der Wahlverlierer nicht mit dem Prestige-Job ausgestattet werden kann. Abermals versagten ihre Instinkte der von der Union angezettelten Regierungskrise um den früheren Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen. Auch sie erkannte nicht, dass es für die Bürger unbegreiflich ist, den Chef eines Sicherheitsdienstes, der sich der Regierung gegenüber illoyal gezeigt hat, mit Gehaltserhöhung an eine andere zentrale Stelle zu befördern.

Schwerwiegend für den schwindenden Rückhalt war am Ende auch, dass Nahles in der Öffentlichkeit nie gut ankam. Bei den Politiker-Rankings landete sie meist auf hinteren Plätzen. Ihr wurde es nicht mehr zugetraut, den freien Fall der SPD zu stoppen.

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