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Porträt der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock

Porträt der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock : Sie oder er?

Annalena Baerbock könnte den grünen Sturm auf das Kanzleramt anführen. Mit Familie und Sonnenblume zur Macht – Vieles spricht für sie im Vorfeld der Entscheidung über die Kanzlerkandidatur der Grünen am kommenden Montag.

Die Kinder. Was macht sie mit den Kindern? Geht Bundeskanzlerin auch mit Familie? Ach, immer diese Fragen. Robert Habeck hat auch Kinder. Vier Söhne, aber die sind mittlerweile alle erwachsen. Annalena Baerbock kann noch nicht ausweichen. Ihre Kinder sind noch zu klein. Mutter, Macht, Karriere – wie passt das zusammen? Wenn es nervt, schickt Baerbock ihre Fragesteller mit dem Finger auf der Landkarte schon mal nach Neuseeland. Dort regiere schließlich Jacinda Ardern, die sich im Amt eine Babypause leistete, wenn auch nur eine kurze. Wenn sich in Neuseeland Familie und politische Karriere miteinander verbinden ließen, dann gehe das wohl auch in Deutschland, so die Grünen-Vorsitzende, die mit ihrem Ehemann Daniel Holefleisch zwei Töchter im Grundschulalter hat. Baerbock hat in diesem Zusammenhang sogar schon auf die Obamas verwiesen, die gezeigt hätten dass die Führung einer Regierung auch mit Familie gut funktioniere. Höher als das Weiße Haus geht es nicht. Baerbocks Blick wechselt bei solchen Fragen zwischen trotzig und entschlossen. Ich kann!

Den Probelauf hat Baerbock schon hinter sich, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, für den Bundesvorsitz der Grünen zu kandidieren. Baerbock gewann an jenem 27. Januar 2018 furios gegen die niedersächsische Parteilinke Anja Piel. Seit mehr als drei Jahren ist die heute 40 Jahre alte Völkerrechtlerin Co-Vorsitzende der Grünen – mit und neben Robert Habeck. Und er mit und neben ihr. In den mittlerweile gut vier Jahrzehnten grüner Parteigeschichte dürfte wohl keine andere Doppelspitze derart geschlossen, nach außen harmonisch und derart erfolgreich eine nach ihrer DNA eigentlich aufsässige Partei geführt haben wie Baerbock und Habeck. Aber nun müssen sie sich doch entscheiden. Sie oder er?

Die Frage, wen die Grünen in die erste Kanzlerkandidatur ihrer Geschichte schicken, beschäftigt seit beinahe einem Jahr das politische Berlin. Das Erstaunliche in einer Branche, in der früher oder später immer irgendwas nach außen durchdringt. Bislang hält die grüne Brandwand. Baerbock und Habeck haben es in all den Monaten tatsächlich geschafft, sich zu dieser grünen K-Frage nichts Entscheidendes entlocken zu lassen. Sie könnten sich auf eine gewisse Art und Weise auch zurücklehnen: Während die Unionsparteien sich gerade zerlegen, pflegt die grüne Familie ihre Sonnenblumenwiese. Ein Riesenvorteil: Weder Baerbock noch Habeck sind Vertreter von Parteiströmungen. Sie gelten als undogmatisch, sind politisch in der Mitte verortet und haben seit Amtsantritt damit begonnen, die Grünen als echte Bündnispartei umzubauen, nicht nur dem Namen nach – Bündnis 90/Die Grünen.

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Baerbock sagt gerne Sätze wie: „Ich komme aus dem Sport“. Soll heißen: Leute, ich kann kämpfen! Tatsächlich betrieb sie als Jugendliche Trampolinspringen als Leistungssport. Da habe sie gelernt, wie wichtig es ist, Balance, Spannung und Ausdauer zu behalten, hat sie einmal gesagt. Und wohl auch wie man immer wieder – selbst nach hohen Sprüngen -- wieder auf dem Boden landet. Das hilft im Leben. Wer Baerbock etwa auf ihren Sommerreisen erlebt, ahnt: Sie kann mit dem Feuerwehrmann im oberpfälzischen Amberg ebenso wie mit der Hebamme in Frankfurt/Oder oder dem Siemens-Techniker im fränkischen Erlangen. Sie kommt vom Dorf. Da kann man mit den Leuten.

Sie sagt auch: „Ich komme aus dem Völkerrecht.“ Damit nimmt sie für sich ein internationales Milieu in Anspruch, aus dem manche ableiten, Baerbock könnte sich in einer nächsten Bundesregierung, sollten die Grünen daran beteiligt sein, für das Außenamt interessieren. Auf der Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz hat sie schon vor großem Publikum gezeigt, dass sie in fließendem Englisch sicher über die Krisen dieser Welt reden kann. Aber Baerbock greift, würde sie Kanzlerkandidatin und die Mehrheit passen, im Zweifel nach mehr: nach dem Kanzleramt. Im Zeichen der Sonnenblume.

Es ist ätzend, es ist gnadenlos, es ist brutal. In der ersten Reihe der Berufspolitik werden keine Fehler verziehen, und seien sie noch so klein. Auch Baerbock, die in ihren Sachthemen als sattelfester gilt als Habeck in seinen, leistete sich schon Versprecher. „Da gibt es die ersten Batterien, die auf Kobolde verzichten können“, hatte sie in einem Fernsehinterview gesagt. Ein Kobold hat nichts mit dem Metall Kobalt zu tun. Natürlich weiß Baerbock das. Aber wer im Dauertempo permanent zwischen Themen springen muss, verspricht sich auch mal. Kobold war raus, wo Kobalt gemeint war.

Oberrealo Joschka Fischer, bislang einziger grüner Außenminister, hat über die Anforderungen an einen Bundeskanzler einmal gesagt, man bewege sich da gewissermaßen in der „Todeszone“ der Politik, so dünn sei die Luft. Er habe schon viele politische Talente „oben im Eis festfrieren sehen“. Ob Baerbock noch Talent ist – oder schon mehr? Sollte Baerbock in diesem Sommer den grünen Sturm auf das Kanzleramt als Kandidatin anführen, wird sie wissen: Sie muss sich in sehr dünner Luft bewegen. Ein falscher Tritt im Eis. Und es kann vorbei sein.