Porträt der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel: Wolf im Hosenanzug

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel: Auf dem Stuhl Petrys

Auf den ersten Blick wirkt Alice Weidel wie das gemäßigte Gesicht der AfD. Doch dieser Eindruck täuscht. Die Spitzenkandidatin der Partei für die Bundestagswahl vertritt radikale Positionen.

"Das muslimische Gemeinwesen ist einzig und allein auf die Errichtung eines Gottesstaates ausgerichtet. Ob es nun Minarette, Moscheen, Muezzinrufe, die Kleidungsordnung von Muslimen, die Einforderung von Geschlechtertrennung, das Einklagen von Kopftüchern im öffentlichen Dienst sind, ob Friedensrichter, Schariagerichtsbarkeit, Parallelgesellschaften, Ehrenmorde, Zwangsverheiratungen und die Akzeptanz von Kinderehen — all dies zielt nur auf eines: auf die Islamisierung unserer Gesellschaft." Alice Weidel in einem Gastbeitrag in der "Jungen Freiheit" vom Oktober 2016

Foto: dpa, mut fpt kno

Auf den ersten Blick ist Alice Weidel das wirtschaftsliberale, freundliche Gesicht der AfD. Bei ihren häufigen Talkshow-Auftritten besticht sie durch Eleganz und Wortgewandtheit. Anders als etwa Beatrix von Storch polemisiert sie nicht, sondern hält sich lieber zurück. Das kommt gut an. Ihre Facebook-Seite ist voller Lobesbekundungen. "Ich hoffe ihr Einfluss auf die AfD macht die Partei auch für mich wählbar!", schreibt einer.

Fast sechs Jahre lang hatte die Volkswirtin in China geforscht und gearbeitet, bevor sie 2012 zurück nach Deutschland kam und sich für ein neues Thema begeisterte: die Euro-Krise. Sie war strikt dagegen, dass die EU Kredite an Griechenland gibt, und nannte das einen "Milliarden-Euro-teuren Holzweg". Nur eine Partei war zu dieser Zeit strikt gegen die Griechenlandkredite: die AfD. Noch im Gründungsjahr 2013 trat Weidel der Partei bei und machte schnell Karriere. 2017 wird sie die AfD in Baden-Württemberg als Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf führen.

Weidels Lieblingsthema ist bis heute der Euro. Er gehöre abgeschafft, stattdessen möge man eine "D-Mark 2.0" einführen und darüber ein Referendum abhalten. Überhaupt fordert sie für Deutschland mehr direkte Demokratie, Volksentscheide nach Schweizer Vorbild. Von ihrem Wohnort Überlingen am Bodensee kann man die Schweiz sehen.

Als Ökonomin orientiert sich Weidel an dem 1992 verstorbenen Friedrich von Hayek, dem wichtigsten Vertreter der liberalen Österreichischen Schule, auf den sich schon Augusto Pinochet, Ronald Reagan und Margret Thatcher beriefen. Hayeks These: Nicht nur der Sozialismus, auch der demokratische Fürsorgestaat führt in eine Planungsspirale, an deren Ende der Staat für alles zuständig sei. Am Ende stehe auch hier die Unfreiheit. Der Weg zur Knechtschaft sei mit gut gemeinten, sozialen Zielen gepflastert. Die Lösung: Der Staat habe sich aus dem allermeisten herauszuhalten. Niedrige Steuern, niedrige Sozialausgaben, der Markt werde es schon richten.

Das führt dazu, dass Hayek-Anhänger etwa den Klimaschutz ablehnen, weil auch der eine zu große Einmischung des Staates in die Wirtschaft bedeute. Auch Weidel ist gegen die Energiewende.

Liberal ist Weidel aber nicht nur in wirtschaftspolitischen Fragen, sondern auch in gesellschaftlichen. Die ARD-Moderatorin Sandra Maischberger hatte in ihrer Sendung am 16. März 2016 Alice Weidel als lesbisch geoutet. Weidel sagte daraufhin, man müsse zwischen Privatem und Politik trennen. Ihre Lebensgefährtin, mit der sie ihre Söhne aufzieht, ist Schweizerin. Wegen ihres Lebenslaufs, ihrer Homosexualität und ihrer wirtschaftsliberalen Einstellung wird Weidel manchmal gefragt, ob sie in der falschen Partei sei. Das wehrt Weidel ab. In Bezug auf die AfD sagt sie nur: "Familienpolitische Sprecherin werde ich bestimmt nie werden."

So besonnen sie bei ihren Talkshow-Auftritten wirkt, so radikal sind viele ihrer Positionen. Auf ihrer Facebook-Seite polemisiert sie: "Ganz Deutschland ist Dank Angela Merkel zum kriminellen Hotspot geworden". Täter würden immer wieder "südländisch" aussehen. Sie spricht von einer "Asylkatastrophe". Ende Oktober 2016 schreibt sie auf Facebook, deutsche Steuerzahler würden einem "Millionenheer von ungebildeten Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika eine Rundumsorglos-Vollversorgung finanzieren". Der Islam ist für sie eine "archaische Kultur".

In einem Gastbeitrag für die "Junge Freiheit" schreibt Weidel im Oktober 2016: Es dürfe "keine prinzipielle Religionsfreiheit" für den Islam geben, weil es ein "vollständiger Lebens- und Gesellschaftsentwurf" sei. An einem Treffen der AfD-Spitze mit dem deutschen Zentralrat der Muslime nimmt sie nicht teil — aus Protest dagegen, dass Zentralratschef Mazyek die Islamfeindlichkeit der AfD mit dem Antisemitismus der Nationalsozialisten verglichen hat.

Von den völkischen Aussagen mancher Parteigenossen distanziert sich Alice Weidel aber. Über Björn Höcke sagte sie öffentlich im April 2016: "Ich kann mit diesem völkischen Gerede nichts anfangen, und das ist auch enorm schädlich für die AfD." Nach Höckes umstrittener Dresdner Rede im Januar 2017 unterstützt sie den Antrag, ihn aus der Partei auszuschließen.

Die Autorin ist Redakteurin des Recherchezentrums Correctiv, mit dem unsere Zeitung kooperiert. Correctiv hat soeben auch ein "Schwarzbuch AfD" veröffentlicht mit Fakten, Figuren und Hintergründen. Weitere Informationen und Bestellung im Internet unter correctiv.org.

Mehr von RP ONLINE