Politologe: "Auflösung von Pegida wäre Wunschdenken"

Nach Rücktritt von Gründer Lutz Bachmann : Politologe: "Auflösung von 'Pegida' wäre Wunschdenken"

"Pegida"-Gründer Lutz Bachmann ist zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts von Volksverhetzung. Dabei war es Bachmann, der neben Sprecherin Kathrin Oertel das Gesicht der Anti-Islam-Bewegung war. Ist mit seinem Rücktritt also auch "Pegida" am Ende?

Viele "Pegida"-Anhänger dürften froh über den Rückzug von Lutz Bachmann sein, sagt der Dresdner Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt im Interview der Deutschen Presse-Agentur dpa. Denn nun könne die Bewegung an einem neuen Image feilen — ohne die belastende Biografie ihres Gründers.

Was bedeutet der Rücktritt von Frontmann Lutz Bachmann für die Pegida-Bewegung?

Patzelt Wenn "Pegida" eine Bewegung wäre, die um einen charismatisch-genialen Führer herum entstand, dann wäre der Rücktritt das Ende. Lutz Bachmann war aber nur der Kristallisationspunkt einer eher zufällig um ihn herum entstandenen Bewegung. An seine Stelle werden nun andere treten. Im Grunde werden viele sogar erleichtert sein, dass sie sich nun nicht mehr mit der peinlichen Biografie Bachmanns und seinen unerträglichen Äußerungen im Internet auseinandersetzen müssen. Es wäre also Wunschdenken, zu erwarten, dass sich mit dem Rückzug nun auch "Pegida" auflösen würde.

Werner Patzelt in der Talkshow von "Anne Will". Foto: dpa, ks aen fux

Ermittlungen wegen Volksverhetzung, ausländerfeindliche Kommentare — bestätigen die Vorwürfe gegen Bachmann nicht den Eindruck, dass "Pegida" im Kern rechtspopulistisch ist?

Patzelt Dass unter den "Pegida"-Leuten auch Rechtsradikale und Rechtsextremisten sind, war doch von Anfang an bekannt. Wenn man auf die Webseiten von "Pegida" und deren Anhängern geht, findet man jede Menge unsäglicher Aussagen. Der Streit ging aber darum, ob die Mehrheit der "Pegida"-Demonstranten solche "Stinkstiefel" sind, oder ob das nur eine Minderheit ist. Nach meiner Beurteilung sind die meisten aber normale Leute — wenngleich ziemlich weit rechts von der Mitte.
Viele werden sich von einem peinlich gewordenen Frontmann befreit empfinden. Eine Minderheit wird zu trotziger Solidarisierung neigen.

Schwächen die Machtkämpfe zwischen "Legida", dem Leipziger Ableger, und "Pegida" die islamkritische Bewegung?

Patzelt Die Ableger von "Pegida" wurden ja in der Regel nicht von Dresden aus organisiert. Vielmehr hat man andernorts den Mobilisierungserfolg nachzuahmen versucht — mit unterschiedlichen Programmen. Dabei war "Legida" mit seinen zum Teil rechtsextremistischen Forderungen von Anfang an klar rechter als "Pegida". Und nachdem die Dresdner Organisatoren nun anscheinend versuchen, gegen ihr Bild als islamfeindliche und xenophobe Faschistengruppe anzugehen, sieht man ganz besonders rechtsgerichtete Bewegungen wie "Legida" mit großer Sorge. Anscheinend entbrennt nun ein Macht- und Deutungskampf darum, wer tatsächlich für "Pegida" als system- und politikerkritische Bewegung stehen darf.

Das Interview führte die Nachrichtenagentur dpa.

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(dpa)
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