Politischer Aschermittwoch Von „wilden Männern“ und wütenden Bauern

Passau/Landshut · Das Ende der Faschingszeit begehen die Parteien traditionell gerne in Bayern. Denn hier wird beim politischen Aschermittwoch immer kräftig ausgeteilt. An Streitthemen mangelt es nun nicht. Über einen Karnevalsausklang in schweren Zeiten.

Politischer Aschermittwoch: Die besten Sprüche
14 Bilder

Die besten Sprüche vom politischen Aschermittwoch

14 Bilder
Foto: dpa/Peter Kneffel

Es ist jedes Jahr ein Polit-Spektakel der besonderen Art: Der politische Aschermittwoch geht auf einen Viehmarkt im 19. Jahrhundert im niederbayerischen Vilshofen zurück. CSU-Patriarch Franz Josef Strauß begann dann 1975 in der Passauer Nibelungenhalle aufzutreten, nachdem er zuvor in Wirtshäusern Reden gehalten hatte. Im Laufe der Jahre kopierten auch andere Parteien das Format. In diesem Jahr ging es besonders zur Sache. Ein Überblick.

CSU: Mittlerweile trifft sich die Partei in der riesigen Passauer Dreiländerhalle im Gewerbegebiet. Eigentlich kommt da am Vormittag nur mäßig Stimmung auf. Doch die Söder-Show in Passau beginnt bereits kurz nach halb elf. Der bayerische Ministerpräsident braucht keine Warmlauf-Phase, hat sich Strauß als Anstecker ans Revers geheftet. Und fackelt nicht lange: „Achtung, Achtung, hier ist die CSU, hier ist Bayern!“, ruft der CSU-Chef Richtung Berlin. Die dortige Ampelkoalition habe ihre Chance gehabt, doch jetzt sei die Zeit für Neuwahlen. „Die Ampel muss weg!“, fordert Söder. Sie sei die unbeliebteste Bundesregierung aller Zeiten, in den Sympathiewerten liege sie irgendwo „zwischen Strafzettel, Steuererklärung und Zahnwurzelbehandlung“. Söder arbeitet sich besonders an den Grünen ab. „Die Grünen sind out“, sagt Söder. „Wir als CSU wollen keine Grünen in der nächsten Bundesregierung, kein Schwarz-Grün“, sagt Bayerns Ministerpräsident und stellt sich damit klar gegen die Position von CDU-Chef Friedrich Merz, der kürzlich eine Zusammenarbeit mit den Grünen nicht kategorisch ausschließen wollte. Auch an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) lässt er kein gutes Haar. „Schönen Dank für die Frage, aber ich erinnere mich an nichts. Das bleibt von Olaf Scholz!“, ruft Söder. Söder grenzt sich zugleich klar von der AfD ab. „Höcke und die AfD, sie wollen uns an Putin ausliefern.“ Die AfD sei die fünfte Kolonne Moskaus. „Die wirklich vaterlandslosen Gesellen, die hocken bei denen. Die reden über Deportationen von Millionen Deutschen mit ausländischen Wurzeln.“ Das seien Gastronomen, Krankenpfleger, Unternehmer. „Wir sind dankbar dafür, was sie leisten für unser Land“, sagt Söder an die Adresse der Einwanderer. „Jeder und jede ist uns lieber als Höcke. Wenn jemand ausreisen soll, dann doch Höcke zu Putin. Gute Reise nach Moskau, Herr Höcke!“

SPD: Für den norddeutschen SPD-Vorsitzenden ist es eine Premiere: Lars Klingbeil hält zum ersten Mal die zentrale Aschermittwochsrede der Sozialdemokraten in Vilshofen. Klingbeil wird vor der Halle von protestierenden Bauern, im Wolferstetter Keller aber mit viel Applaus begrüßt. Auch er liefert eine kämpferische Rede ab, in der er vor allem die AfD scharf angreift, aber auch die eigenen Positionen etwa mit Blick auf die Schuldenbremse oder Kritik an der Union darlegt. „Wer meint, AfD wählen zu müssen aus Protest gegen die Regierung, der irrt. Rechtsextreme zu wählen, ist niemals eine Lösung eines demokratischen Problems“, betont er und hat eine Botschaft im Gepäck: „Kommt zu unseren Veranstaltungen, meckert mit uns, seid frustriert, geht mit uns in den Dialog – aber wählt keine Nazis.“ Es brauche keine Alternative zum Grundgesetz, zur Demokratie und zur Freiheit. „Es braucht keine Alternative für Deutschland“. Klingbeil übt auch Kritik am politischen Gegner Union. „Die wollen den Rasen kaputt treten“, sagt Klingbeil. Merz und Söder seien beleidigt, dass sie die letzte Bundestagswahl verloren hätten. „Das ist verantwortungslos, was diese Opposition macht.“ Die beiden Parteichefs der Union sollten aufhören, „beleidigte Leberwurst“ zu sein und stattdessen Politik machen, fordert der SPD-Politiker. Er wirft der Union vor, mit ihrem Nein zu einer Reform der Schuldenbremse eine veraltete Wirtschaftspolitik zu verfolgen. Ein wenig Selbstkritik übt er auch: Das mit der Ampel-Regierung, räumt er ein, das sei nicht immer so einfach.

Grüne: Das betont auch Grünen-Chef Omid Nouripour in Landshut. Auch ihn nerven die Streitereien. Dass er jedoch überhaupt im rappelvollen Saal reden kann, ist insofern wichtig, als Co-Chefin Ricarda Lang in Baden-Württemberg nicht zum Reden kommt. Die Grünen müssen eine Kundgebung in Biberach wegen heftiger Proteste von Landwirten absagen. Die Polizei spricht von „aggressiven Protestaktionen“, bei denen mehrere Polizisten leicht verletzt worden seien. Auch in Landshut protestieren die Bauern vor dem Bernlochnersaal. „Lug und Trug“ steht auf den Plakaten, es riecht nach Gülle. Doch die Menschen im Saal spenden stehend Applaus, als Nouripour seine Rede mit einer eindringlichen Warnung vor der AfD beendet. „Die AfD ist der sicherste Garant gegen den Frieden“, warnt er. Da klatschen auch die anwesenden Landwirte.

FDP: In Dingolfing wollen die Liberalen die schlechten Umfragen dieser Tage vergessen. Hier bringt sich die Spitzenkandidatin der FDP für die Europawahl, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, schon mal in Wahlkampfstimmung. „Eine Dreierkombi, auch privat, ist nicht gut. Es ist echt anstrengend“, sagt sie lachend mit Blick auf die Streitereien in der Ampel-Regierung. Doch sie hält auch ein flammendes Plädoyer für die Grundsätze der Liberalen. Ohne „Frieden und Freiheit“ sei alles nichts. Bürgerrechte dürften auch in schwierigen Zeiten niemals aufgegeben werden. Die Zuhörer danken ihr die aufmunternden Worte.

14.02.2024, Bayern, Passau: Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern und CSU-Chef, hält zu Beginn des politischen Aschermittwoch der CSU einen Bierkrug in der Hand. Lange wurde der politische Aschermittwoch überwiegend mit der CSU in Verbindung gebracht. Im Laufe der Jahre kopierten sämtliche Parteien das Format. Foto: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

14.02.2024, Bayern, Passau: Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern und CSU-Chef, hält zu Beginn des politischen Aschermittwoch der CSU einen Bierkrug in der Hand. Lange wurde der politische Aschermittwoch überwiegend mit der CSU in Verbindung gebracht. Im Laufe der Jahre kopierten sämtliche Parteien das Format. Foto: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: Peter Kneffel/dpa

BSW: Die Chefin der neusten Partei im Land, Sahra Wagenknecht, macht in Passau Krieg und Frieden zum Schwerpunkt ihrer Rede – und den „Wilden Mann“. „Man wird nämlich in der Nacht davor im Hotel ‚Wilder Mann‘ untergebracht.“ Gelächter im Publikum. Sie sei vor zehn Jahren da gewesen und angesichts vieler „Genderkämpfe“ gespannt gewesen, ob es noch so heiße. Der „Wilde Mann“ bildet auch die Überleitung zum Rest der Ansprache: Die Frage von Krieg und Frieden habe sie dazu gebracht, „eine Lösung für das Rätsel zu finden, warum es den wilden Mann noch gibt“. Seit die Frage der Kriegstüchtigkeit Deutschlands aufgekommen sei, „sind wilde Männer plötzlich wieder richtig hoch im Kurs“. Eine halbe Stunde zieht sie die Rolle Deutschlands als wichtiger Unterstützer der Ukraine im Verteidigungskampf gegen Russland ins Lächerliche, wirft den Regierungsparteien eine Politik der internationalen Eskalation vor und eine allzu große Nähe zu Rüstungskonzernen. Die Mehrheit im Saal klatscht, aber wenig euphorisch. Rhetoriktrainer Michael Ehlers fasst die BSW-Premiere so zusammen: „Die kühle, vernünftige Sahra Wagenknecht funktioniert in Talkshows einfach um ein Vielfaches besser.“ Aber dass man am politischen Aschermittwoch vorkommen sollte – das hat Wagenknecht erkannt.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort