Politiker nehmen Fifa ins Visier Im Bundestag herrscht Fußballfrust

Exklusiv | Berlin · Fußballfieber will im Bundestag nicht aufkommen. Die WM in Katar und das Vorgehen der Fifa sorgen stattdessen für viel Ärger. Manch einer fährt sogar schwere Geschütze auf gegen den Weltverband. Der sei ein „korrupter Haufen“, sagt etwa die Linke.

 Kapitän Manuel Neuer. Den Start der DFB-Elf gegen Japan bei der WM in Katar wollen Politiker nicht gucken. Im Visier ist die Fifa.

Kapitän Manuel Neuer. Den Start der DFB-Elf gegen Japan bei der WM in Katar wollen Politiker nicht gucken. Im Visier ist die Fifa.

Foto: dpa/Christian Charisius

Es gab Fußballweltmeisterschaften, da wurde im Parlamentsbetrieb geschickt dafür gesorgt, dass Abgeordnete und ihre Mitarbeiter die Spiele der Nationalmannschaft gucken konnten – etwa durch die Verschiebung wichtiger Abstimmungen und Debatten. Selbst die Fraktionssäle wurden geöffnet, um gemeinsam vor den Bildschirmen das Match zu schauen. Diese Zeiten sind vorbei. Von Fußballfieber anlässlich der WM in Katar ist im Bundestag nicht viel zu spüren, eher von Fußballfrust. Der Ärger über die Fifa ist groß. Für manch einen ist das Fass jetzt sogar übergelaufen.

Zum Beispiel für Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD). Nachdem die Fifa das Tragen der „One Love“-Kapitänsbinde untersagt hat, will sie nun die WM in Katar boykottieren. Bas sagte unserer Redaktion: „Ich werde während dieser WM kein Spiel mehr schauen.“ Als Fußballfan habe sie bei früheren Turnieren die Spiele der Nationalmannschaft immer geguckt. Sie habe auch diesmal einschalten wollen, „sofern terminlich möglich. Trotz aller Kritik an dieser surrealen Winter-WM in Katar“, ergänzte Bas. „Mit dem Verbot der One-Love-Binde als Zeichen gegen Ausgrenzung von LGBTQ-Menschen, Rassismus und Antisemitismus tritt die FIFA ihre eigenen Werte mit Füßen“, begründete sie ihre gegenteilige Entscheidung.

An diesem Mittwoch startet die Truppe von Trainer Hansi Flick in das Turnier, sie tritt gegen Japan an. Auch Kapitän Manuel Neuer ist von dem Verbot des Tragens der Binde betroffen, denn der DFB hat nach der Fifa-Entscheidung einen Rückzieher gemacht, was ihm wiederum viel Kritik eingebracht hat. Anders als bei früheren WM-Spielen will der Bundestag für die DFB-Elf seine Abläufe nicht ändern. Ein Sprecher sagte auf Nachfrage: „In der Vergangenheit endete eine Sitzung des Bundestages bei spannenden Begegnungen der deutschen Mannschaft gelegentlich schon so rechtzeitig, dass man die Entscheidung nicht verpasste. Für diese WM sind solche Planungen bislang nicht bekannt.“ Sowohl bei SPD als auch bei der Union heißt es, gemeinsames Schauen sei offiziell nicht geplant. „Ich werde nicht meine Arbeit unterbrechen, um Fußball zu sehen“, so Unions-Parlamentsgeschäftsführer Thorsten Frei (CDU). Wenn die Deutschen in Katar kicken, stehen die Etats des Auswärtigen Amtes und des Verteidigungsressorts auf der Tagesordnung.

Nun wird sogar der Rauswurf von Fifa-Präsident Gianni Infantino gefordert: „Präsident Infantino gehört abgelöst“, so SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese zu unserer Redaktion. Der Fußball sei nicht unpolitisch und er stehe für Werte. „Die FIFA selbst aber schon lange nicht mehr“, betonte der SPD-Mann. Die Entscheidung der FIFA, bei der Fußball-WM das Tragen der „One Love“-Kapitänsbinde zu untersagen, „mag zwar den Statuten entsprechen, ist aber trotzdem ein Zeichen gegen Offenheit und Toleranz“, so Wiese. „Es ist sehr bedauerlich, dass diese Auseinandersetzung wieder einmal auf dem Rücken der Sportler ausgetragen wird.“

Auch die Linke drischt kräftig auf den Fußballverband ein: „Die Fifa ist ein korrupter und elitärer Haufen, der kaum noch etwas mit den Belangen des Sports und wirklich nichts mehr mit den Fußballfans zu tun hat“, so Fraktionschefin Amira Mohamed Ali. Nun müssten klare Konsequenzen gezogen werden. Damit künftige Vergaben nicht mehr „allein aus Geldinteressen von Fifa-Funktionären erfolgen und Werte des Sports, wie Freiheit und Gleichheit einfach ignoriert werden“. Für den Fußball und seine Fans sei es daher besser, wenn sich die Verbände der Länder zusammentäten und der Fifa einen Kriterienkatalog für WM-Vergaben vorlegen und zur Abstimmung stellen würden, schlug die Linke vor. „Es würde dem DFB gut zu Gesicht stehen, in der Frage eines Kriterienkatalogs die Initiative zu ergreifen, damit die WM 2030, über die 2024 entschieden werden soll, nicht zum nächsten Skandal wird.“

(has)
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