Japan-Expertin Annette Schad-Seifert „Japanische Kinder lernen einfach sehr, sehr viel“

Interview | Düsseldorf · Japan besetzt bei der Pisa-Leistungserhebung lauter Spitzenplätze. Was an japanischen Schulen anders läuft und welcher Faktor jenseits der Schule ein wichtiger Antrieb für japanische Schülerinnen und Schüler ist.

 Deutschland hat bei der Leistungserhebung Pisa deutlich schlechter abgeschnitten als Japan.

Deutschland hat bei der Leistungserhebung Pisa deutlich schlechter abgeschnitten als Japan.

Foto: dpa/Jens Büttner

Japanische Schülerinnen und Schüler schneiden bei Pisa wesentlich besser ab als deutsche. Was läuft an japanischen Schulen anders?

Schad-Seifert In Japan gibt es sechs Jahre Grundschule, drei Jahre Mittel- und drei Jahre Oberschule. Danach lernen 80 Prozent der Schülerschaft noch weiter an einer Universität oder einem College. Obwohl die Schulpflicht schon mit der Mittelschule endet, bemühen sich alle, den Bildungsgang mindestens bis zu einem Bachelor-Abschluss voranzutreiben. Es gibt in der Breite der Gesellschaft einen großen Ehrgeiz, Bildung zu erlangen.

Woher kommt die Motivation?

Schad-Seifert Das liegt vor allem am Arbeitsmarkt und gilt auch für andere asiatische Länder, etwa für Südkorea. Wenn junge Leute nicht mindestens einen Bachelor-Abschluss haben, bekommen sie keinen attraktiven Arbeitsplatz. In welchem Fach sie diesen Grad erlangen, ist gar nicht so wichtig. Aber diesen Abschluss muss man mindestens erreichen, um sich bei einer angesehenen Firma bewerben zu können. Und in welche Firma man einsteigt, prägt das gesamte spätere Leben. Denn in Japan gibt es einen stark strukturierten Arbeitsmarkt mit Großunternehmen, die gute Gehälter zahlen und Wohlfahrtsleistungen bieten, und kleineren Betrieben, die das alles nicht anbieten. Anders als in den USA oder Europa ist dieser Arbeitsmarkt aber nicht offen, man wechselt nicht von Unternehmen zu Unternehmen und bahnt sich so einen Aufstieg. In Japan ist der Arbeitsmarkt geschlossen. Man muss also nach dem Bildungsabschluss eine Punktlandung hinbekommen. Man weiß schon als Mittelschüler, wenn ich zu Mitsubishi, Toyota oder Canon will, dann muss ich in den schulischen Leistungsprüfungen in Mathe eine bestimmte Punktzahl erreichen. Deswegen haben Eltern von Anfang an ein hohes Interesse daran, dass ihre Kinder mit guten Ergebnissen durch das Schulsystem gehen.

Ab welchem Alter wird Leistung in japanischen Schulen gemessen?

Schad-Seifert Es gibt diesen Mythos, dass es schon an japanischen Kindergärten Eintrittsprüfungen gäbe. Das stimmt vielleicht bei ganz wenigen Elite-Kindergärten, nicht in der Breite. Aber alle Kinder in Japan besuchen einen Kindergarten, da gibt es nur wenige Ausnahmen. Die Eintrittprüfungen beginnen ab der Oberschule. Das Lernen dafür hat einen enormen Stellenwert. Alle Energien in den Familien sind darauf gerichtet. Auch die Lehrer nehmen diese Prüfungen enorm wichtig, es gibt Schulrankings. Alle wissen, wenn sie auf bestimmte Schulen gehen, haben sich auch Karriereaussichten, das ist ein harter Wettbewerb. Und das hat alles damit zu tun, dass die Flexibilität später auf dem Arbeitsmarkt gering ist, man muss sich seine Karriereaussichten also schon als Schüler verschaffen.

Wie sieht es aus mit der gesellschaftlichen Durchmischung an den Schulen?

Schad-Seifert Es gibt einen hohen Anteil von Privatschulen schon ab den Mittelschulen. Nur ein Drittel der Universitäten ist staatlich. Außerdem können die Schülerinnen und Schüler die Eintrittsprüfungen nur schaffen, wenn sie privat finanzierte Zusatzschulen besuchen, so genannte Jukus. Das sind kleine private Institute, manchmal nur ein Zimmer groß, in denen die Kinder bis in die Abendstunden lernen. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn man abends durch Tokyo spaziert, dass man dann an einer Juku vorbeikommt, davor ein Haufen Mountainbikes, und da sitzen Kinder bis 22 Uhr und lernen. Ich denke, das ist der Hauptgrund dafür, dass Japan zu diesen Pisa-Ergebnissen kommt. Japanische Kinder lernen einfach sehr, sehr viel. Die gehen nicht auf den Spielplatz, die gehen in die Zusatzschule.

Können sich das denn alle Familien leisten?

Schad-Seifert Gute Leistungen in der Schule haben in Japan einen sehr hohen Stellenwert. Selbst Familien, die nicht zur Mittelschicht gehören, legen Geld zurück oder nehmen sogar einen Kredit auf. Dazu muss man auch wissen, dass Japaner im Schnitt weniger Steuern zahlen als Deutsche. Dafür legen sie privat für die Bildung ihrer Kinder viel zurück. Das steht an erster Stelle. So ist es auch in Südkorea, in China. Natürlich spüren auch diese Länder die wirtschaftliche Krise, das sorgt für eine Polarisierung zwischen Familien, die sich Bildung noch leisten können und denen, die nichts mehr zurücklegen können. Vielleicht wird sich das in den nächsten Jahren auch bei Pisa zeigen, aber im Moment ist der Bildungsgrad noch sehr hoch.

Wie gehen die Kinder und die Familien mit dem Leistungsdruck um?

Schad-Seifert Der Leistungsdruck ist in der japanischen Gesellschaft insgesamt enorm hoch. Es gibt Jugendliche, die sich verweigern, es gibt Schulabbrecher, auch Suizide, aber insgesamt wird der Druck akzeptiert. Sicher auch, weil es den Gedanken gibt, als Gruppe etwas leisten zu wollen. Nach meinem Eindruck macht es zugleich aber mehr Spaß, in eine japanische Schule zu gehen. Es gibt mehr Anreize, man kann Preise gewinnen, wenn man etwas besonders gut kann, es gibt viele Sport-Festivals, Gemeinschaftsaktionen, ständig wird irgendetwas einstudiert, das die Kinder vormachen können. Das hat auch gute Auswirkungen auf Leistungen in Fächern wie Mathe.

Wie ist das Ansehen von Lehrenden in der japanischen Gesellschaft? Und wie das Gehalt?

Schad-Seifert Lehrende egal in welcher Schulform haben ein hohes Ansehen, ihr Gehalt liegt eher unter dem vergleichbarer Positionen in Deutschland. Japanische Lehrerinnen und Lehrer haben einen hohen Bildungsauftrag, entsprechenden Status, aber sie müssen auch abliefern. Eltern und Gremien an den Schulen beobachten, ob die Lehrenden ihre Schüler motivieren können, ob sie Gemeinschaftsaktivitäten anbieten und ob am Ende die Ergebnisse stimmen.

Der Migrationsanteil in Japan ist geringer als in Deutschland. Spielt das auch eine Rolle?

Schad-Seifert Der Migrationsanteil liegt in Japan offiziell nur bei 2,8 Prozent. Die Schülerschaft ist also eine vergleichsweise homogenere Gruppe, und Lehrende können darauf bauen, dass es in den Familien keine Sprachbarrieren gibt. Die größten Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund in Japan sind Chinesen oder Südkoreaner. Sie haben keine allzu großen Probleme beim Spracherwerb und kommen aus Kulturen, in denen Bildung einen ähnlichen Stellenwert besitzt. Wer als Ausländer nach Japan geht, muss bereit sein, sich in diese homogene Gesellschaft einzupassen. Und dazu gehört der schulische Wettbewerb.

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