Philosoph Holger Zaborowski zum Spiegel-Rücktritt „Öffentliche Entschuldigungen sind schwieriger geworden“

Interview | Erfurt · Kaum eine öffentliche Entschuldigung in den vergangenen Jahren wurde nicht anschließend „zerpflückt“. Zurecht? Haben sich die Maßstäbe verschoben? Oder sind es nur medial überhitzte Debatten?

 Anne Spiegel (Bündnis 90/die Grünen), Bundesfamilienministerin hat ihren vierwöchigen Familienurlaub nach der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer als Fehler bezeichnet.

Anne Spiegel (Bündnis 90/die Grünen), Bundesfamilienministerin hat ihren vierwöchigen Familienurlaub nach der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer als Fehler bezeichnet.

Foto: dpa/Annette Riedl

Die Entschuldigung von Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) am Sonntagabend für ihr Verhalten während der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 stieß auf viel Kritik. Der Druck stieg, ihr Rücktritt folgte tags darauf. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) fragte am Dienstag bei dem an der katholischen Fakultät der Uni Erfurt lehrenden Philosophen Holger Zaborowski nach.

Herr Professor Zaborowski, ist es heutzutage schwieriger geworden, sich öffentlich zu entschuldigen?

Zaborowski: Ja, das ist schwieriger geworden. Das hat damit zu tun, dass sich die Mediensituation durch die Soziale Medien und das Internet enorm verändert hat. Das führt auch zu Verzerrungen und Zuspitzungen, bei denen man zu Recht fragen kann: Ist da das rechte Maß noch gegeben? Heute entsteht schnell ein „shit storm“, während man früher langsamer und oft auch ausgewogener geurteilt hat. Insofern ist für alle, die in der Öffentlichkeit stehen, ihre Tätigkeit herausfordernder geworden. Im konkreten Fall der Ministerin Spiegel hätte man ihr vielleicht angesichts der schwierigen privaten Situation mit mehr Verständnis begegnen können. Solche Reaktionen gab es hier und da, aber am Ende dominierte eine andere Perspektive. Was sicher mit dem sehr unglücklichen Krisenmanagement von Frau Spiegel - sowohl unmittelbar nach der Flutkatastrophe im Ahrtal als auch in der späteren medialen und politischen Krise - zu tun hat.

Wann scheitern heute Entschuldigungen?

Zaborowski: Entschuldigungen sollten nicht zu phrasenhaft oder zu kühl und rational, aber auch nicht zu emotional sein. Und: Eine Entschuldigung darf nicht als Mittel des politischen Kalküls eingesetzt oder instrumentalisiert werden - als letzte Möglichkeit, um den eigenen Kopf noch zu retten. Wir haben ja in den vergangenen Jahren viele Fälle in Politik, Wirtschaft und Kirche gehabt, wo sich der Eindruck aufdrängte: Nur wenn's nicht mehr anders geht, werden Fehler eingeräumt. Das ist eine schlechte Grundlage dafür, dass die Entschuldigung auch angenommen wird.

Braucht es eine neue Entschuldigungskultur?

Zaborowski: Angesichts vieler misslungener Entschuldigungen benötigen wir sicherlich einen neuen Umgang mit Schuld und Entschuldigungen. Allerdings haben sich die Kriterien gelungener Entschuldigungen im Vergleich zu früher nicht wesentlich geändert. Wichtigster Punkt ist, dass die Entschuldigung ernst gemeint ist. Sie sollte aus dem Herzen heraus kommen. Sie sollte zeitnah und aus eigener Initiative geschehen. Es geht darum, Fehler wirklich einzugestehen und gleichzeitig deutlich zu machen: Ich möchte einen ehrlichen Neuanfang machen.

Es kommt auch darauf an, konkrete Signale zu setzen, wie ein Neuanfang möglich ist und wie der Umgang mit der eigenen Schuld aussieht. Hier reichen nicht nur Worte. Taten sind gefordert. Das setzt voraus, dass man diejenigen, bei denen man sich entschuldigt, anhört und anerkennt, welche Fragen oder gerechtfertigte Erwartungen es auf ihrer Seite gibt. Und es ist auch wichtig, dass das, was man getan hat, überhaupt entschuldbar ist.

Kann es auch sein, dass die Fehlertoleranz in der Gesellschaft gesunken ist? Im vergangenen Jahr hob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine erst unmittelbar zuvor aus Pandemiegründen beschlossene Ausweitung der Osterruhe wieder auf und entschuldigte sich. Sie sagte damals, es sei ihr Fehler gewesen, der Fehler müsse auch als solcher „benannt und korrigiert werden“. Also im Prinzip hat sie beim Entschuldigen alles richtig gemacht - wurde aber dennoch scharf kritisiert.

Zaborowski: In der Tat gibt es Anzeichen dafür, dass die Öffentlichkeit hier manchmal überreagiert und wenig Verständnis zeigt, wo dies eigentlich geboten wäre. Das müssen wir uns selbstkritisch vor Augen führen. Gerade wer große Verantwortung trägt, macht auch Fehler. In einer Krisensituation ist das natürlich besonders oft der Fall, zumal dann häufig auch schnell Entscheidungen gefällt werden müssen. Ja, es gibt eine öffentliche Ungeduld, wenn Politikerinnen oder Politiker Fehler machen. Aber eine aufgeklärte Öffentlichkeit hat auch ein Recht zu erfahren, was bei einem Fehler genau passiert ist und wer dafür verantwortlich ist.

Was folgt daraus?

Zaborowski: Ich sehe es als einen Fortschritt, dass wir von Politikerinnen und Politikern eine bestimmte Form des Verhaltens oder bestimmte Standards verlangen und eindeutiges Fehlverhalten nicht tolerieren. Das ist kein Moralismus. Wer sich nicht an diese Erwartungen hält, muss dann auch die Konsequenzen tragen. Das kann die Konsequenz sein, sich zu entschuldigen und klare Signale der Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld zu senden, oder die Entscheidung, zurückzutreten, damit das Amt nicht weiter beschädigt wird.

Sich entschuldigen ist das eine, Verantwortung übernehmen ist das andere. Wie eng darf man das aneinander binden? Mitunter wird eine Entschuldigung verlangt und quasi automatisch ein Rücktritt erwartet.

Zaborowski: Ich habe den Eindruck, die Rücktrittsforderung steht dann nicht im Raum, wenn die Kriterien für eine gelungene Entschuldigung erfüllt sind. Bei Ministerin Spiegel war das nicht der Fall. Zum einen ist sie nur stückchenweise mit der Wahrheit herausgerückt. Zum anderen misslang angesichts eines insgesamt doch beträchtlichen Fehlverhaltens ihre Entschuldigung. Da war der Rücktritt nur konsequent - um weiteren Schaden von ihrem Amt, aber auch von ihr selbst als Person abzuwenden. Wenn man sagen könnte, dass dieser Rücktritt aus wirklich eigenem Antrieb geschehen ist, hätte er unseren Respekt verdient. Aber das ist, soweit ich sehe, nicht der Fall.

(chal/kna)
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