Pflegetag: Gröhe verspricht der Pflegebranche Verbesserungen

Erster Deutsche Pflegetag : Gröhe verspricht der Pflegebranche Verbesserungen

Weniger Bürokratie - mehr Zeit für die zu Pflegenden: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat den Pflegekräften in Deutschland umfassende Verbesserungen in Aussicht gestellt.

Mit zügigen Reformschritten will die Bundesregierung höhere Leistungen und mehr Betreuung für Millionen Pflegebedürftige in Deutschland schaffen. Bessere Bedingungen soll es für die Pfleger geben. Verbesserungen in der Pflege seien ein Schwerpunkt der Regierung, kündigte Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zur Eröffnung des Deutschen Pflegetags am Donnerstag in Berlin an.

"Wir wollen am 1. 1. 2015 Leistungsverbesserungen bereits in Kraft treten lassen", sagte er im rbb-Inforadio. Der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus, mahnte: "Der Druck des Handelns ist gigantisch groß."

In einem weiteren, noch größeren Reformschritt werde der Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definiert, versicherte Gröhe. Bereits seit Jahren liegen Vorschläge vor, wie auf diese Weise die immer zahlreicheren Demenzkranken besser in der Pflegeversicherung berücksichtigt werden können. "Mit diesen beiden Schritten wird das Leistungsvolumen der Pflegeversicherung um 20 Prozent, also um ein Fünftel gesteigert", so Gröhe.

Pflegebeitragssatz muss steigen

Der Pflegebeitragssatz von 2,05 Prozent (Kinderlose: 2,3 Prozent) soll zum Jahresbeginn 2015 um 0,3 Punkte steigen. 0,2 Punkte sollen später dazukommen. Gröhe erläuterte, die sechs Milliarden Euro Mehreinnahmen jährlich dienten den kurzfristigen Verbesserungen, der Bildung einer Kapitalrücklage für die Zukunft sowie der Bezahlung des neuen Pflegebegriffs. "Am Schluss dieses Prozesses muss eine klare Verbesserung für alle Betroffenen stehen."

In knapp eineinhalb Jahrzehnten werde die Zahl der Pflegebedürftigen um rund eine Million auf 3,5 Millionen Menschen anwachsen. Deswegen seien auch eine Stärkung der pflegenden Angehörigen und mehr Fachkräfte nötig. Die Koalition wolle die Chancen der Angehörigen zur Auszeit vom Beruf stärken. Die Pflege-Ausbildung solle reformiert werden, sie solle kostenlos sein.

Auch in der Krankenpflege wüchsen die Anforderungen. Deshalb sollten die Länder ihren Pflichten bei der Klinikfinanzierung mehr nachkommen, so dass diese auch mehr ins Personal investieren könnten.
"Ich erwarte, dass sie dieser Verantwortung nachkommen."

Städte und Kommunen, der Deutsche Pflegerat und die AOK forderten in einem dramatischen Aufruf, Pflege ins Zentrum politischer und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit zu rücken. Westerfellhaus rief zu einem "Nationalen Aktionsplan Pflege" auf. Zehntausende zusätzliche Pflegekräfte würden in den nächsten Jahren gebraucht.

"Jede Pflegereform muss im Ansatz verpuffen, wenn nicht an erster Stelle die Probleme der Pflegenden selbst in den Fokus gerückt werden", mahnte Westerfellhaus. "Ich kann es nicht verstehen, warum eine Arbeitsleistung mit Metallen, mit Kraftfahrzeugen höher vergütet wird als die Arbeit mit Menschen."

AOK-Chef Jürgen Graalmann mahnte, es dürfte nicht noch einmal passieren, dass politischen Ankündigungen keine Taten folgten. "Wir sind uns einig, dass das Thema Pflege als Top-Thema auf die politische Agenda gehört."

Der Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, räumte ein, die Kommunen seien organisatorisch und finanziell noch nicht auf den steigenden Pflegebedarf vorbereitet. Es brauche eine angepasste Stadtplanung, mehr Ehrenamt für Pflege, zusätzliche Mehrgenerationenhäuser.

Auf dem erstmals stattfindenden Pflegetag in Berlin werden noch bis Sonntag aktuelle Tendenzen der Branche diskutiert. Die SPD-Gesundheitsexpertin Hilde Mattheis sagte: "Die Zeit drängt." Eine umfassende Pflegereform müsse schnellstmöglich umgesetzt werden.

Der Arbeitgeberverband Pflege sprach sich in Frankfurt für eine stärkere Anwerbung von Pflegekräften aus Nicht-EU-Staaten aus. Nur so könne einem drohenden Fachkräftemangel entgegengewirkt werden. Der Verband stellte ein Projekt vor, bei dem bis Ende des Jahres 150 chinesische Pfleger in deutsche Heime geholt werden sollen.

Zahlen und Fakten

Die Ausgaben für Gesundheit lagen in Deutschland im Jahr 2011 bei insgesamt 293,8 Milliarden Euro. Das waren 11,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Ende 2011 waren laut Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 952.000 Personen in der Altenpflege beschäftigt, davon rund 31 Prozent (291.000) bei ambulanten Pflegediensten und 69 Prozent (661.000) in Pflegeheimen.

Bis zum Jahr 2050 wird sich nach Berechnungen des Forschungszentrums Generationenverträge (FZG) der Universität Freiburg die Zahl der Pflegefälle insgesamt verdoppeln auf etwa 4,4 Millionen Fälle im Jahr 2050.

Nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes werden im Jahr 2025 voraussichtlich etwa 112.000 Pflegerinnen und Pfleger in Vollzeitanstellung fehlen, um den Bedarf an professioneller Alten- und Krankenpflege in Deutschland decken zu können.

Im Jahr 2011 gab es insgesamt 2,5 Millionen Pflegebedürftige im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Davon wurden 1,76 Millionen oder 70 Prozent zu Hause und 743.000 oder 30 Prozent vollstationär in Heimen versorgt. Von den zu Hause betreuten Pflegebedürftigen wurden 1,18 Millionen ausschließlich von Angehörigen gepflegt. 576.000 erhielten auch Unterstützung durch ambulante Pflegedienste.

Frauen mehr betroffen

Die Mehrheit der Pflegebedürftigen (65 Prozent) waren Frauen. 83 Prozent der Pflegebedürftigen waren 65 Jahre und älter; 85 Jahre und älter waren 36 Prozent.

Im Vergleich zu 1999 ist die Anzahl der in Heimen vollstationär Versorgten um 32 Prozent (180.000) gestiegen, bei den ambulanten Pflegediensten um 38,8 Prozent (161.000 Pflegebedürftige).

Mit zunehmendem Alter sind Menschen in der Regel eher pflegebedürftig. Während bei den 70- bis unter 75-Jährigen nur jeder Zwanzigste (fünf Prozent) pflegebedürftig war, wurde für die ab 90-Jährigen mit 58 Prozent die höchste Pflegequote ermittelt. Auffallend ist, dass Frauen ab dem achtzigsten Lebensjahr eher pflegebedürftig sind als Männer dieser Altersgruppen. So beträgt beispielsweise bei den 85- bis unter 90-jährigen Frauen die Pflegequote 42 Prozent, bei den Männern gleichen Alters hingegen nur 29 Prozent.

In Deutschland gab es im Jahr 2011 rund 12.300 ambulante Pflegedienste. Davon befanden sich 63 Prozent oder 7800 in privater und 36 Prozent in freigemeinnütziger (kirchlicher) Trägerschaft. Von den 291.000 Beschäftigten waren 88 Prozent weiblich. Die Zahl der ambulanten Dienste stieg im Vergleich zu 2009 um 2,7 Prozent oder 300 Einrichtungen; die Zahl der ambulant Versorgten nahm um 3,8 Prozent oder 21.000 zu. Die Personalzahl stieg im gleichen Zeitraum um 8,1 Prozent oder 22.000 Beschäftigte.

Zugleich gab es 2011 rund 12.400 Pflegeheime. Die Mehrzahl der Heime (54 Prozent oder 6.700) befand sich in freigemeinnütziger Trägerschaft. Der Anteil der privaten Einrichtungen betrug 40 Prozent.

In der deutlichen Mehrheit (94 Prozent) der Heime wurden überwiegend ältere Menschen versorgt; in 2 Prozent vor allem behinderte Menschen. Bei drei Prozent der Heime stand die gerontopsychiatrische beziehungsweise die Versorgung psychisch Kranker im Mittelpunkt. Bei einem Prozent der Heime wurden überwiegend Schwerkranke oder Sterbende versorgt.

Von den 661.000 Beschäftigten in den Heimen arbeitete ein Drittel (32 Prozent) Vollzeit - ein etwas höherer Anteil als im ambulanten Bereich. Teilzeitkräfte machten 61 Prozent der Beschäftigten aus.

Gegenüber 2009 war 2011 bei der stationären Versorgung insgesamt ein Wachstum zu verzeichnen: Die Zahl der Heime stieg um 6,2 Prozent oder rund 700 Einrichtungen; die Zahl der Heime mit vollstationärer Dauerpflege um 3,1 Prozent oder 300. Die Zahl der zugelassenen Plätze nahm insgesamt um 3,6 Prozent oder 31.000 Plätze zu.

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2012 in den 2017 deutschen Krankenhäusern rund 18,6 Millionen Patienten stationär behandelt. Das waren 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

In den 2045 deutschen Krankenhäusern gab es 2012 rund 501.000 Betten. Weiter abgenommen hat die Aufenthaltsdauer von Patienten: 2011 lag der Durchschnitt noch bei 7,7 Tagen, 2012 bei 7,6 Tagen.

Das Klinikpersonal wuchs bei den Ärzten um 2,7 Prozent auf knapp 143.000, das nichtärztliche Personal um 3,3 Prozent auf mehr als 709.000 Mitarbeiter. Darunter befanden sich 313.000 Pflegekräfte. Das ergibt in der Summe rund 852.000 sogenannte Vollkräfte.

(dpa/KNA)
Mehr von RP ONLINE