Immer mehr Menschen pflegebedürftig Pflegebeauftragte fordert neue Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Pflegekräften

Berlin · Künftig werden immer mehr Menschen pflegebedürftig sein. Experten warnen vor steigendem Bedarf an Arbeitskräften – und mahnen Reformen insbesondere zur Effizienzsteigerung im Berufsalltag an.

 Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch ein Seniorenheim. (Archiv)

Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch ein Seniorenheim. (Archiv)

Foto: dpa/Sina Schuldt

Die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Claudia Moll (SPD), hat vor einem enormen Pflegebedarf der sogenannten Babyboomer-Generation gewarnt und eine neue Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Pflegekräften gefordert. „Ich kann es nicht oft genug sagen: Wir werden nie wieder so viele Pflegekräfte haben wie jetzt, aber sicher mehr Menschen mit Pflegebedarf“, sagte Moll unserer Redaktion. „Die Generation der ,Babyboomer‘ geht in Rente. Ihre Arbeitskraft wird in allen Bereichen fehlen. Deshalb müssen wir in der Pflege und Betreuung neue Wege gehen“, sagte Moll.

Die SPD-Politikerin forderte dazu „eine völlig neue Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsfachberufen“. Dazu gehöre, dass der über allem stehende Arztvorbehalt reformiert werden müsse, „da insbesondere Pflegekräfte schon heute viel mehr selbst tun und entscheiden können, als sie dürfen“, so Moll. „Daher freue ich mich, dass die pflegerischen Kompetenzen demnächst in einem eigenen Gesetz endlich gestärkt werden.“ Oft brauche es aber keine professionelle Pflege, sondern niedrigschwellige Unterstützung im Alltag der Menschen. „Da sind wir alle als Gesellschaft gefordert und müssen ehrenamtliches Engagement viel stärker einbeziehen und ausbauen“, sagte Moll.

Die Präsidentin des Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), Christel Bienstein, wies auf einen enormen Personalbedarf hin, trotz eines Aufwuchses der Beschäftigtenzahlen. „Wir gehen aktuell davon aus, dass rund 200.000 Kolleginnen und Kollegen fehlen, die für eine qualitativ hochwertige Versorgung in der Langzeit- und Akutpflege nötig wären“, sagte Bienstein auf Anfrage. Die Situation werde sich noch verschärfen, da rund 500.000 Kolleginnen und Kollegen in den nächsten zehn Jahren in Rente gingen. „Diese Lücke können wir weder durch Ausbildungsinitiativen noch durch die Anwerbung ausländischer Pflegefachpersonen allein beheben, sondern es müssen grundlegende Reformen im Gesundheitswesen erfolgen, die eine Umverteilung von Aufgaben und Verantwortungsbereichen beinhalten“, sagte Bienstein.

Bei der Deutschen Stiftung Patientenschutz pocht man auf eine differenziertere Betrachtung der Lage. „Die eine Pflege gibt es nicht. Schließlich sind die Bedingungen in Krankenhäusern anders als in Pflegeheimen oder ambulanten Pflegediensten“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Es gebe große Differenzen bei der Entwicklung der Beschäftigtenzahlen in den einzelnen Sparten. „So stieg die Zahl der Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern in nur sechs Jahren um 16,3 Prozent. Im gleichen Zeitraum ging jedoch die Patientenzahl um 2,6 Millionen zurück. Wenn nicht einmal mehr 70 Prozent der Krankenhausbetten belegt sind, wird deutlich, dass das vorgehaltene Angebot nicht mehr stimmt“, sagte Brysch. In der Altenpflege zeige sich ein anderes Bild. „Hier stieg die Zahl der Beschäftigten nur um sechs Prozent, bei annähernd stabil bleibenden Bewohnerzahlen“, sagte Brysch. Teilzeitarbeit mache heute mehr als die Hälfte aus. „Dieser Trend kann gestoppt werden, wenn die Arbeits- und Urlaubszeiten endlich berechenbar werden“, forderte er. „Kurzfristige Anordnungen von Überstunden sind Gift für eine Vollzeitbeschäftigung“, sagte der Stiftungsvorstand. Er wies darauf hin, dass bereits 200.000 ausländische Staatsbürger in Deutschland in der Pflege tätig seien, davon 120.000 Personen aus nicht EU-Ländern. „Ein Flopp sind jedoch die staatlichen Maßnahmen, die Bund und Länder ergreifen. In zehn Jahren konnten nur 7.700 Neubeschäftigte gezählt werden“, sagte Brysch. „Es gilt hier nicht Millionen von Euros zu verbrennen, sondern die Behörden fit zu machen für die Anerkennung und Förderung von Berufsabschlüssen“, forderte der Chef der Stiftung Patientenschutz.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort