"Pegida ist aus Angst vor sozialem Abstieg geboren"

Sozialpsychologischer Erklärungsversuch : "Pegida ist aus Angst vor sozialem Abstieg geboren"

Der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick sieht die Anti-Islam-Bewegung "Pegida" als Anzeichen für ein stärkeres Auseinanderdriften der alten und neuen Bundesländer. So sei zu erklären, warum am Montagabend rund 15.000 Anhänger in Dresden protestierten, in Kassel dagegen keine 100.

Das sagte der Professor im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Zick ist Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, das vor allem das Zusammenwachsen Deutschlands nach der Wiedervereinigung in Langzeitstudien untersucht hat.

Die Zustimmung sei besonders stark bei Menschen, die Angst hätten, etwas zu verlieren. "Die eigene Abstiegsangst macht einem Probleme, also redet man lieber über die Überfremdungsangst durch Andere. Das ist ein psychologischer Mechanismus. Schon bin ich die Abstiegsangst los und habe die Hoffnung, doch noch mitzukommen. Und dieser Mechanismus ist im Osten stärker verbreitet als im Westen, weil die Leute tatsächlich etwas verloren haben, nach der Wende."

Am Montag gibt in unserem Haus ein Expertenforum zu Pegida. Haben Sie Fragen, Zweifel oder Anmerkungen? Wir bringen Leser und Experten zusammen. Ihre Fragen schicken Sie uns bitte per Email an aktionen@rheinische-post.de oder auf Facebook. Bitte nennen Sie dabei auch Ihren Namen.

Die Menschen in den neuen Bundesländern hätten einen drastischen gesellschaftlichen Wandel hautnah erlebt, sagte Zick. Die DDR selbst habe sich nie als multikulturell verstanden. Im Westen dagegen habe man dieses Selbstverständnis langsam und mühsam entwickelt. "Und gegen diese Idee, dass eine vielfältige Gesellschaft zu uns gehört, wendet sich die Bewegung ja am allermeisten."

In Dresden haben 8,2 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Dies sei ein idealer Nährboden für Vorurteile und Rassismus. Denn die Menschen in Ostdeutschland könnten kaum eigene Erfahrungen mit Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund machen.

So sei es möglich, den Islam trotz seiner vielfältigen Ausprägungen zu verallgemeinern. Ein differenziertes, rationales Urteil sei dann nicht mehr möglich, aber eben auch nicht gewünscht. "Die Gruppe, von der man sich abgrenzt, ist überbordend groß und vollkommen undifferenziert und das erleichtert natürlich Bedrohungsszenarien", sagte Zick.

Es gehe den Demonstranten gar nicht darum, von Gesellschaft und Politik verstanden zu werden. Es sei auch nicht ihr Ziel, konkrete Forderungen umzusetzen. Pegida grenze sich von allen ab, Wissenschaft, Medien, Politik, das schaffe Zusammenhalt: "Man schottet sich nach innen ab und macht den Außenfeind riesig groß", sagte der Sozialpsychologe.

Hier geht es zur Infostrecke: Fragen und Antworten zu "Pegida"

(lnw)
Mehr von RP ONLINE