Oskar Lafontaine bei Maischberger „Ich will nicht mehr in der ersten Reihe stehen“

Düsseldorf · Sandra Maischbergers Zuschauer sind klare Fans: Der ehemalige SPD- und Linken-Parteichef Oskar Lafontaine spricht über Gerhard Schröder, Russland und Sarah Wagenknechts neue Partei.

 Sandra Maischberger im Gespräch mit dem ehemaligen Finanzminister Oskar Lafontaine.

Sandra Maischberger im Gespräch mit dem ehemaligen Finanzminister Oskar Lafontaine.

Foto: Screenshot ARD

Oskar Lafontaine hatte am Abend ganz deutlich hörbar einen Fanclub im ARD-Studio von Sandra Maischberger. Applaus begleitet den Auftritt des ehemaligen SPD- und Linksparteichefs, beklatscht werden viele seiner Statements. Irgendwann scheint die Begeisterung sogar Maischberger etwas zu viel zu werden. Als sie erwähnt, dass der Ex-Politiker im September 80 Jahre alt wurde, wird erneut eifrig geklatscht und die Moderatorin kommentiert leicht pikiert: „Ah, es gibt hier auch Applaus für Geburtstage.”

Zuvor durfte Oskar Lafontaine seine Meinung zur Rede von Olaf Scholz am Vormittag äußern, der “ersten wirkliche großen” Regierungserklärung des Bundeskanzlers nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wie Maischberger sie nannte. Ob er denn die Meinung von Friedrich Merz (CDU) teile, den Maischberger mit dem Satz zitierte „sogar unter Schröder sei Deutschland besser regiert worden”, will sie von Lafontaine wissen und der zögert keine Sekunde. „In jedem Fall” sei Gerhard Schröder der bessere Kanzler gewesen. Der habe ja unter anderem auch erkannt, „dass eine Industrienation billige Energie braucht”. Die, so Lafontaines Ratschlag, solle Deutschland nicht über Umwege, sondern lieber direkt aus Russland beziehen.

Nach mehr als 25 Jahren Funkstille – „Wir hatten schon fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr miteinander gesprochen” – Kostenpflichtiger Inhalt näherten sich die beiden Politiker zuletzt wieder an. Im Mai trafen sie sich laut einem „Stern“-Bericht in Lafontaines Haus im Saarland. „Wir haben uns dann darauf verständigt, wo wir kontroverse Themen haben, das klammern wir aus“, sagt Lafontaine am Abend. Das seien Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Ob sich die beiden denn auch über Russland unterhalten hätten, will Maischberger wissen, und der ehemalige Linkenchef winkt erst ab: “Nein, auch über Wein und Essen und Literatur.”

Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder - eine legendäre Männerfeindschaft​
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Foto: dpa/Peer Grimm

Dann führt er doch aus, außenpolitisch hätten die einstigen Kumpel und langjährigen Feinde nicht nur über Russland, „sondern über die gesamte Strategie, die Deutschland einschlagen müsste” gesprochen. „Deutschland hat eine Schlüsselaufgabe, wir müssen endlich zu einer eigenständigen europäischen Politik finden”, fordert Lafontaine. “Wir können nicht immer nur den Amis hinterherlaufen.”

Lafontaine war nach dem rot-grünen Wahlsieg 1998 unter Kanzler Schröder Finanzminister und weiterhin SPD-Parteichef. Anfang 1999 legte er alle Ämter nieder. Nach 2005 wechselte er zur Linkspartei. Jetzt unterstützt Lafontaine die Gründung einer neuen Partei seiner Ehefrau Sarah Wagenknecht, will dort aber nicht aktiv werden.

„Mit 80 Jahren will ich nicht mehr in der ersten Reihe stehen”, sagt er. Zugleich unterstütze er deren Ziele. Das gelte sowohl für die der Migration gegenüber kritische Linie von Wagenknecht, als auch für ihre Einstellung zu Russland, ohne deren Rohstoffe „der Industriestaat Deutschland auf Dauer nicht überleben” könne. Zudem sei es an der Zeit, „dass man wieder erkennt, dass man auch im Interesse des Friedens und im Interesse der Ukraine wieder gute Beziehungen zu Russland braucht”. Das sei für ihn „nicht AfD-nah, sondern ein Gebot der außenpolitischen Vernunft.”
Nach Lafontaine sprach Maischberger mit Joachim Gauck, einem weiteren Senior der deutschen Politik. Interessanter wäre vermutlich gewesen, hätten die beiden nicht einzelne Statements abgegeben, sondern ihre unterschiedlichen Positionen miteinander diskutieren dürfen.

(juju)
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