Nach Skandal um Manipulationen: Organspender dringend gesucht

Nach Skandal um Manipulationen : Organspender dringend gesucht

Wie soll nach dem Skandal um Wartelisten-Manipulationen die Spendenbereitschaft erhöht werden? Große Erwartungen setzt NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens in den bundesweiten Aktionstag am 1. Juni in Essen.

Vor fast elf Jahren bekam Egbert Trowe eine neue Leber. Er fühle sich wohl und hoffe, noch viele schöne Jahre erleben zu dürfen, sagte der 63-Jährige vor Pressevertretern in Düsseldorf. Trowe gehört dem Vorstand des "Vereins Lebertransplantierte Deutschland" an und blickt erwartungsvoll auf den kommenden Samstag. Am 1. Juni wird in Essen unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) die zentrale Veranstaltung zum bundesweiten "Tag der Organspende" stattfinden. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und Rudi Völler, Sportdirektor von Bayer Leverkusen, werden Grußworte sprechen.

Zum Volksfest auf dem Willy-Brandt-Platz in der Ruhr-Stadt werden sich aber auch Menschen einfinden, die ihr Leben einer Organtransplantation verdanken. Trowe möchte, dass im Verlauf der Veranstaltung jeder von ihnen kurz ein Schild mit der Anzahl der "geschenkten Jahre" hochhält. Bei ihm selbst sind es zehn, doch seinem Verein gehören auch Mitglieder an, die bereits vor mehr als 20 Jahren eine Spenderleber eingepflanzt bekamen und seither gesundheitlich wohlauf sind.

Zahl der Spenden ist gesunken

Dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und eine Vielzahl von Organisationen wie die "Stiftung fürs Leben" und der Bundesverband der Organtransplantierten in diesem Jahr dem "Tag der Organspende" ganz besondere Bedeutung beimessen, überrascht nicht. Seit den zurückliegenden Transplantationsskandalen ist die Zahl der Organspenden deutlich gesunken. Jetzt soll die Kurve wieder nach oben gehen.

Im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass in süddeutschen Kliniken Krankenakten manipuliert worden waren, um bestimmte Patienten bei der Organverpflanzung zu bevorzugen. Ob und wie viel Geld dafür von den Patienten gezahlt wurde, prüfen die Staatsanwälte. Fakt ist: Organhandel ist in Deutschland verboten.

Die Berichte über mögliche kriminelle Machenschaften an Kliniken haben jedenfalls die Spendenbereitschaft drastisch gebremst. Im ersten Quartal dieses Jahres sank die Zahl der Spender gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18 Prozent, wie Rainer Hess, Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), berichtet. Das bedeutet den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Von Januar bis April konnten bundesweit nur noch 301 Organverpflanzungen vorgenommen werden; im selben Zeitraum des Vorjahres waren es noch 368. Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) kennt die ernüchternden Zahlen für NRW: Wurden von Januar bis April 2012 noch 96 Transplantationen durchgeführt, so waren es im selben Zeitraum dieses Jahres lediglich 71.

Die Folgen dieses Rückgangs: Kranke Menschen, die ein fremdes Organ benötigen, müssen sich deutlich länger gedulden. Die Wartezeit ist bei einer Nierentransplantation von 65 Monaten im Jahr 2012 auf inzwischen 74 Monate gestiegen. Auf eine Lunge muss fünf Monate (bisher vier) gewartet werden, auf eine Leber sechs Monate (drei) und auf eine Bauchspeicheldrüse (Pankreas) 24 Monate (22). Lediglich bei einer Herztransplantation beträgt die Wartezeit unverändert sieben Monate.

Nur jeder dritte Patient erhält ein Spenderorgan

Wie groß die Not ist, zeigt eine andere Zahl: Bundesweit warten derzeit rund 12 000 kranke Menschen auf ein neues Organ (in NRW sind es 3900), doch nur jedem dritten Patienten auf der Warteliste kann Rainer Hess zufolge mit einem Spenderorgan geholfen werden. Täglich, so Steffens, sterben in Deutschland drei Schwerkranke, die vergeblich auf ein lebensrettendes Organ gewartet hätten.

Der einzige Ausweg: Es müssen sich wieder mehr Menschen entschließen, Organspender zu werden. Doch dabei gilt es, zwei Hürden zu überwinden. Zum einen muss wieder Vertrauen darin herrschen, dass bei der Organübertragung alles mit rechten Dingen zugeht. Deswegen hofft Barbara Steffens, dass bald die rechtlichen Bedingungen für die bundesweite Einführung von fälschungssicheren (elektronischen) Krankenakten für Transplantationspatienten geschaffen werden. In NRW, so stellt sie zugleich klar, seien keine Fälle von derartigen Manipulationen bei der Organvergabe bekannt geworden.

Die größere Hürde für die Spendenbereitschaft dürfte allerdings die Angst der Menschen sein, sie könnten vorschnell für tot erklärt werden. Die DSO hält solche Bedenken für unbegründet. Erst nach der Feststellung des Hirntods durch zwei erfahrene Ärzte, die nicht an der Transplantation beteiligt seien, komme es zur Entnahme von Organen, wenn der Betreffende dies so entschieden habe.

Keine Altersbeschränkung

Welche Organe entnommen werden dürfen, kann jeder auf dem Spenderausweis selbst bestimmen. Maximal können sieben Organe gespendet werden. Übrigens: Entgegen weit verbreiteter Meinung gibt es nach Angaben der DSO keine Altersbeschränkung. Entscheidend sei allein der Zustand des zur Verfügung gestellten Organs.

Fast 27 Millionen Spenderausweise sind bislang bundesweit von Behörden und Krankenkassen ausgegeben worden, doch wie viele Menschen tragen ihn — vollständig ausgefüllt und unterschrieben — bei sich? Die NRW-Gesundheitsministerin hätte es lieber gehabt, wenn die Bürger verpflichtet worden wären, verbindlich zu erklären, ob sie als Spender infrage kommen oder nicht (oder sich nicht dazu äußern wollen). Doch dafür gab es keine Mehrheit.

Steffens setzt jetzt darauf, dass auch mit der freiwilligen Lösung die Zahl der Spender wieder steigt. Auch sie wird am nächsten Samstag auf dem bundesweiten Aktionstag (www.fuers-leben.de) kräftig dafür werben. Den Auftakt der ganztägigen Veranstaltung bildet ein ökumenischer Gottesdienst im Dom zu Essen unter dem Motto: "Heile du mich Herr, so bin ich heil."

(RP/jco)