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Interview mit Michael Vesper: „Olympia hat schon viel bewirkt”

Interview mit Michael Vesper : „Olympia hat schon viel bewirkt”

(RP). Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), über die Probleme der Athleten, sich zur chinesischen Politik zu äußern, über Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Erfolgsaussichten für Peking.

Herr Generaldirektor Vesper, wie politisch darf der Sport sein?

Vesper Der Sport ist jedenfalls nicht unpolitisch, er findet im politischen Raum statt. Mein erster offizieller Termin, nachdem ich im Oktober 2006 DOSB-Generaldirektor wurde, war der Antrittsbesuch bei dem damaligen Vorsitzenden der Ministerpräsidentenkonferenz. Das war ein gewisser Herr Rüttgers, und der empfing mich genau in dem Raum, in dem ich früher jahrelang solche Gespräche geführt hatte, eben nur von der anderen Seite.

Im Umgang mit der Tibet-Frage scheinen sich die Sportler knapp 100 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking politisch schwer zu tun.

Vesper Nein, wir reden ja seit langem über das Thema. Ich sehe die Debatte im Vorfeld der Spiele durchaus als Chance. Allerdings wäre es unredlich, dem Sport als Hausaufgabe aufzutragen, die Probleme zu lösen, die die Politik bislang nicht lösen konnte oder nicht gelöst hat. Da ist der Sport überfordert.

Aber da kann die Alternative dann ja kaum Schweigen sein, oder?

Vesper Nein. Wir schweigen ja auch keineswegs. Schon im Mai 2007 haben wir eine glasklare Erklärung zur Menschenrechtslage in China veröffentlicht. Ja, wir sind den Menschenrechten verpflichtet. Aber wir sind nicht die Instanz, die sie politisch durchsetzen könnte.

Aber umgekehrt wird schon ein Schuh draus. China wird seine Medienmaschinerie nutzen, um die Spiele für sich zu instrumentalisieren. Es wäre ­ denken Sie nur an 1936 in Berlin ­ nicht das erste Mal, dass Olympia dem Regime nutzt.

Vesper Jede Stadt und jedes Land, wo die Spiele stattfinden, versucht, daraus einen Nutzen zu ziehen. Das ist nicht neu. Heute bemühen sich Menschenrechtsaktivisten in China und Exil-Tibeter recht erfolgreich darum, auf seit Jahrzehnten bestehende Probleme hinzuweisen, die die Weltöffentlichkeit bislang leider wenig beachtet hat. Dass das gelingt, liegt allein daran, dass die Spiele vor der Tür stehen. Vor gut einem halben Jahr fand in China die Fußball-WM der Frauen statt: Die Menschenrechte und Tibet wurden damals nicht thematisiert.

War es dennoch ein Fehler, dass die Spiele im Jahr 2001 nach Peking vergeben wurden?

Vesper Nein. Ohne die Spiele wäre das Tibetproblem weiter in der Nische. Dann würden sich alle immer noch für China ausschließlich als aufstrebende Wirtschaftsmacht interessieren.

Dafür fühlen sich aber viele Ihrer Sportler nun überfordert, weil sie den politischen Konflikt aushalten oder doch dazu Stellung beziehen müssen.

Vesper Ich kann die Sportler verstehen. Unsere Mannschaft, das sind über 450 Sportler, ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Da gibt es politisch Interessierte und weniger Interessierte. Ich finde, es ist das gute Recht eines Sportlers zu erklären, er wolle zu diesen Themen nichts sagen. Wer das tut, signalisiert damit keineswegs sein Einverständnis mit chinesischen Menschenrechtsverletzungen.

Sie setzen auf eine Art Wandel durch Einmischung?

Vesper Die Erfahrung zeigt, dass nur so bruchloser Wandel möglich ist ­ jedenfalls nicht durch Abschottung. Die Olympischen Spiele von Peking haben schon heute viel bewirkt, und sie werden unterm Strich letztlich zu einer Öffnung des Landes führen, da bin ich mir sicher.

Gibt es denn nach diesem Vorlauf überhaupt noch eine Chance auf fröhliche Spiele wie in Sydney?

Vesper Das weiß man erst hinterher. Nach meiner Einschätzung werden diese Spiele immer mit der Frage der Menschenrechte verbunden werden. Die Chinesen bemühen sich, gute Gastgeber zu sein. Dass ein Land wie China, dem Klimaschutz bislang ein Fremdwort war, sich nun zu diesem Thema bekennt, das sind positive Entwicklungen. Entscheidend wird sein, ob dies alles mit der Schlussfeier gekappt wird oder weitergeht. Ich bin da im Prinzip zuversichtlich.

Wie bewertet der Sport die Ankündigung von Bundeskanzlerin Merkel, nicht zu den Spielen zu reisen?

Vesper Sowohl die Bundeskanzlerin als auch Bundespräsident Horst Kohler haben uns schon sehr frühzeitig mitgeteilt, dass diesmal ein Besuch aus Gründen der Terminplanung leider nicht möglich sei.

Was kann den in diesen 16 Tagen so viel wichtiger sein als Olympia?

Vesper Das dürfen Sie nicht mich fragen. Frau Merkel und Herr Köhler haben das gewiss genau abgewogen. Unsere Athleten hätten sich sicherlich gefreut, wenn sie von ihrem Staatsoberhaupt oder ihrer Regierungschefin angefeuert worden wären.

Welche sportlichen Ziele geben Sie als Chef de Mission für Peking aus?

Vesper Wir wollen aus der Talsohle heraus. Athen 2004 war der Tiefpunkt. Von jetzt an soll es wieder aufwärts gehen. Das kann man natürlich nur langfristig planen. Unser neues Steuerungsmodell zielt deshalb auf London 2012 ab. Wir streben eine Aufwärtsbewegung an: vom Ausgangspunkt 2008 dann Steigerungen 2012 und 2016.

Sie halten sich mit Medaillenprognosen zurück. Warum?

Vesper Meine Vorgänger nannten häufig eine Zahl. Darauf lege ich mich bewusst nicht fest, und es wird auch nicht von mir verlangt. Es hat erfreulicherweise ein Umdenken in der öffentlichen Wahrnehmung gegeben. Uns geht es darum, besser abzuschneiden als in Athen.

Gibt es eine Veranstaltung, auf die Sie sich besonders freuen?

Vesper Klar. Als alter Tischtennisspieler freue ich mich besonders auf die Tischtenniswettbewerbe, zumal das in China ein Volkssport ist. Ich bin gespannt auf die Stimmung in der Halle. Und wir haben da durchaus Medaillenchancen.

Hier geht es zur Infostrecke: Bisherige Olympia-Boykotte