Experte ist sicher: "Ohne Klüngel funktioniert Demokratie nicht"

Experte ist sicher: "Ohne Klüngel funktioniert Demokratie nicht"

Köln (RPO). Die Geschichte der Demokratie ist auch eine Geschichte von Affären, Vetternwirtschaft und undurchsichtigen Geschäften. Völlig normal. Meint zumindest der Politologe Frank Überall. Am Beispiel Kölns versucht er in einem Buch zu illustrieren, dass Demokratie ohne Klüngel gar nicht funktionieren kann.

Auch bei Affären wie dem umstrittenen Bau der Kölner Messehallen oder dem Schwarzgeldgeschäft um den Kölner Müllofen war stets die Rede vom "Kölschen Klüngel". In seinem Buch "Der Klüngel in der politischen Kultur Kölns" (Bouvier, 19,90 Euro) wehrt sich der Kölner Journalist und Politologe gegen eine Gleichsetzung von Klüngel mit Korruption. "Ohne positiven Klüngel ist Demokratie nicht praktisch machbar", sagt Überall.

Der Journalist beschreibt Klüngel als eine "Haltung". Diese beginne mit einer "situativen Kooperation", die es ermöglicht, einen Partner zu schätzen und einzuschätzen. "Das kann schon mit einem ausgegebenen Bier in der Kneipe beginnen", erläutert Überall. Aus dieser unverbindlichen und uneigennützigen Begegnung können Netzwerke entstehen, von denen dann alle Beteiligte profitierten: "Netzwerke schaffen ist heute 'in', klüngeln gilt hingegen als verwerflich", sagt Überall.

Allerdings drohe Klüngel durchaus in die Korruption abzugleiten: "Er kann willkommenes 'Gleitmittel' sein, das Prozesse erleichtert, aber auch zum kriminellen 'Schmiermittel' werden." Wobei das nicht nur in der Politik, sondern im nahezu jedem gesellschaftlichen Bereich und im zwischenmenschlichen Umgang möglich sei.

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Um zu verhindern, dass Klüngel in moralische oder strafrechtliche Verwerflichkeit abgleite, müssten die "Klüngelrunden" ihre Ergebnisse der öffentlichen Debatte stellen, fordert Überall: "Diese Transparenz ist ganz entscheidend, damit Klüngel im positiven Sinne funktioniert."

Anhand zahlreicher Beispiele entwickelt Überall einen "Klüngel-Code", der exemplarisch den Abläufe des in Köln sprichwörtlichen "Man kennt sich, man hilft sich" schildert, wobei der Autor vermutet, dass ähnliche Prozesse auch in anderen Städten möglich und wahrscheinlich sind.

Als Kölner ärgere es ihn schon, dass seine Stadt mitunter einseitig mit den Schattenseiten des Klüngel in Verbindung gebracht werden, räumt Überall ein: "Andererseits staunen dann wieder viele Auswärtige, was in Köln alles erreicht werden kann - nicht zuletzt eben wegen des positiven Klüngels."

(afp)
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