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Norbert Blüm: Ex-Politiker berichtet von Lähmung nach Blutvergiftung

Norbert Blüm nach Sepsis gelähmt : „Mein Rollstuhl ist ein strenger Lehrmeister“

Norbert Blüm ist nach schwerer Krankheit gelähmt. Über seinen Zustand berichtet er nun selbst – schonungslos, ehrlich, berührend.

„Ich bin an Armen und Beinen gelähmt. Basta! Der Rollstuhl ist der Standort, von dem aus ich die Welt jetzt betrachte.“ So beginnt die wohl persönlichste Positionsbestimmung, die Norbert Blüm je öffentlich gemacht hat. „Was bedeutet mein Unglück?“ – dieser zentralen Frage spürt der frühere Arbeits- und Sozialminister, der nach einer Blutvergiftung die Kontrolle über seinen Körper verlor, in einem Gastbeitrag für die „Zeit“ nach. Und die Antworten, die der 84-Jährige sich abringt, sind schonungslos, überraschend, berührend.

Wie „ein Dieb in der Nacht“ sei das Unheil in sein Leben eingebrochen, schreibt der CDU-Politiker, der das Krankenhaus gerade verlassen konnte – nach fast einjährigem Aufenthalt. „Ich fühle mich wie eine Marionette, der sie die Fäden gezogen haben. Und so höre ich meinen Körper ab auf der Suche nach den alten Gewohnheiten.“ Das Erwachen in einem anderen Körper, der tastende Versuch, die neue Lage zu erfassen, der beklemmende Wechsel der Perspektive – all dies glaubt man schon einmal gelesen zu haben, und dann fällt es einem ein: in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, in der sich der Held, Gregor Samsa, plötzlich in einer ähnlich hilflosen Situation wiederfindet. Doch was der jetzt von der Schulter ab bewegungsunfähige Blüm seiner Frau vom Krankenbett aus diktierte, ist keine Fiktion. „Mit Unbehagen denke ich schon an kommende Zeiten, wo ich das ganze Ausmaß des Dilemmas erkennen muss.“

Norbert „Nobbi“ Blüm ist vielen als der Gemütsmensch im Kabinett Kohl in Erinnerung, einer, der keine Scheu empfand, politische Positionen durch persönliche Erfahrungen zu unterstreichen, ein Vertreter der alten Bonner Republik, geprägt von Krieg und Wiederaufbau, ein überzeugter Demokrat und Christ. 16 Jahre lang diente er Helmut Kohl als Minister, bis zuletzt unerschütterlich überzeugt: Die Rente ist sicher. Blüm verbog sich auch später nicht, als er dem Kanzler der Einheit in der Spendenaffäre die Gefolgschaft verweigerte. Die Freundschaft zerbrach. „Lieber Helmut, wir beide nähern uns dem Finale. Es wird Zeit, Ballast, der uns bedrückt, abzuwerfen“, schrieb er dem langjährigen Weggefährten zwei Jahre vor dessen Tod. Kohl antwortete nie.

 Im Rollstuhl unternimmt Blüm nun einen vielleicht letzten wichtigen Versuch der Versöhnung – mit dem eigenen Schicksal. Der umtriebige Politiker, der noch 2016 im griechischen Flüchtlingslager Idomeni aus Solidarität eine Nacht im Zelt verbrachte, erweckt nicht den Eindruck, als wolle er kapitulieren. Wenig Lamento, viel nüchterne Erkenntnis – auch solche mit Gewinn, trotz des dramatischen Verlusts. „Ich habe ein intensives öffentliches Leben geführt, zeitweise als Rummelboxer der Politik. Am Ende jedoch gerate ich in geradezu mönchische Verhältnisse. Ich vermute, dass sie nicht weniger spannend sind als das alte öffentliche Getriebe.“

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Jetzt, im wachen Zustand, so Blüm, begreife er, welches Glück Normalität sei: „Die normalen Verhältnisse bieten ein Potenzial an Lust, das wir erst zu schätzen wissen, wenn wir es verloren haben. Wenn ich meiner Hand den Befehl gebe, sich zur Faust zu ballen, ballt sie sich, und während ich den Triumph genieße, dass die Fingerspitzen den Handballen berühren, so dass die Faust geschlossen ist, stelle ich mit Schrecken fest, dass die tatsächliche Hand sich kein Jota bewegt hat.“

Auch Anderes erscheint nun in neuem Licht: „Die Wiedervereinigung erlebte ich als einmaliges historisches Ereignis, von dem ich meinte, dass es die herkömmliche Geschichte beendete. Jetzt dämmert mir: Sie war eher nur ein Brückenpfeiler zwischen der Vergangenheit und den Umwälzungen der Zukunft.“ Menschen in Ost und West hätten sich damals mit viel Idealismus engagiert. „Wir haben den Enthusiasmus nicht genutzt. Jetzt sind wir wieder im alten Trott.“

Noch einmal sendet Norbert Blüm mit seinem Bekenntnis Botschaften aus, die viele betreffen. Ein Vermächtnis aus seinem Rollstuhl, den der prominente Patient als „strengen Lehrmeister“ zu respektieren gelernt hat. „Wir sind“, schreibt Blüm, „was wir aus uns machen, und sonst nichts.“