Jährlich Millionen Gäste aus Deutschland Niederlande – das sind die Pläne für den Tourismus

Berlin · Knapp sechs Millionen Deutsche besuchten die Niederlande im Jahr 2022. Weil Amsterdam am Massentourismus verzweifelt, zeigt der Trend in Richtung Provinz und Campingplatz. Das Königreich präsentiert auf der Reisemesse ITB seine Geheimtipps.

 Amsterdam ächzt seit Jahren unter den Touristenmassen.

Amsterdam ächzt seit Jahren unter den Touristenmassen.

Foto: dpa/Koen Van Weel

Grölende Betrunkene in den Straßen, blühender Drogenhandel entlang der Grachten und dichtes Gedrängel auf den Einkaufsboulevards — Amsterdam ächzt seit Jahren unter dem Massentourismus. Anwohner klagen, dass die Stadt mancherorts einem Freilichtmuseum gleicht, das zwar ein buntes Durcheinander, aber nur wenig Lebensqualität zu bieten hat. Wenig verwunderlich also, dass der Niederlande-Stand auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin mit keinem Foto, Flyer oder Slogan für die Hauptstadt wirbt.

Die Botschaft lautet: Die Niederlande haben mehr zu bieten. „Die Corona-Pandemie hat vielen Menschen die Augen geöffnet: Es gibt wunderschöne Landstriche auch abseits der niederländischen Metropolen“, sagt Barbara Driessen vom Niederländischen Büro für Tourismus und Convention (NBTC) in Köln. Etwa die Provinzen Drenthe, Groningen oder Overijssel im Norden und Osten des Königreiches seien echte Geheimtipps, und „einen Katzensprung von Deutschland entfernt“, so Driessen.

Längst würde es nämlich nicht mehr nur um das sogenannte „Old Dutch“ mit seinen Grachten, Kanälen oder Windmühlen gehen. Stattdessen würde das „New Dutch“ an Beliebtheit gewinnen. Dazu zählt etwa Rotterdam, wo nach dem Zweiten Weltkrieg Wolkenkratzer die Grachtenidylle verdrängt haben. Auch die Studentenstadt Groningen oder die frühere Industriemetropole Eindhoven hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. „Eindhoven wird für immer eng mit der Firma Philips verbunden sein. Aber dort hat man es geschafft, in die Moderne aufzubrechen, trendy und grüner zu werden“, sagt Driessen.

Der Tourismus im Nachbarland wäre ohne Gäste aus der Bundesrepublik übrigens kaum denkbar. Im Jahr 2019 besuchten knapp 6,2 Millionen Deutsche die Niederlande. Und die Corona-Delle hat man hinter sich gelassen: Im vergangenen Jahr waren es fast wieder genauso viele Gäste, die Deutschen buchten 21,5 Millionen Übernachtungen im Nachbarland.

Die Tendenz zeigt in Richtung ländlicher Raum: So haben nach offiziellen Zahlen des niederländischen Statistikamtes etwa die Provinzen Flevoland und Zeeland an Beliebtheit gewonnen. „Und es gibt eine weitere Corona-Folge: Immer mehr Deutsche zieht es auf die Campingplätze in den Niederlanden. Immerhin war das Campen zwischenzeitlich die einzige Möglichkeit, zu reisen. Die Nähe zur Natur hat viele Menschen begeistert“, sagt Driessen. Die Gesamtzahl deutscher Camping-Urlauber lag 2022 um elf Prozent über dem Wert aus 2019.

Die Niederländer würden in den nächsten Jahren mit Blick auf nachhaltiges Urlauben vorangehen wollen, so Driessen. „Viele in der Branche beschäftigen sich mit der Frage, wie der Besuch in den Niederlanden so umweltverträglich und klimafreundlich wie möglich gestaltet werden kann“, sagt die Tourismus-Expertin. Immer mehr Hotels setzen auf Kreislaufwirtschaft, Restaurants auf vegetarisches Essen.

Zudem empfehle es sich, häufiger mit dem Zug die Grenze zu überqueren, so Driessen. Denn: Wenngleich auch die niederländische Bahn mit Personalknappheit zu kämpfen hat, gilt sie als vergleichsweise zuverlässig und pünktlich. Um Flugreisen zu vermeiden, wirbt das Niederländische Büro für Tourismus auf der ITB daher fast ausschließlich um Gäste aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Lange Anreisen tun schließlich in der Klimabilanz weh. Hinzu kommt, dass Den Haag das Fliegen mit einer Erhöhung der Flugticketsteuer zum Jahresbeginn drastisch verteuert hat.

Doch auch unweit der deutsch-niederländischen Grenze gibt es echte Geheimtipps. Nico de Mol bewirbt auf der ITB das „andere Holland“. Eine Region im Osten des Landes, zwischen Enschede, Giethoorn und Nimwegen, geprägt von Flüssen, Schlössern und weiten Landschaften. „Bei uns kann man abseits der Menschenmassen Erholung finden“, sagt de Mol. Ohne Fahrrad aber komme man kaum aus. „Das Radfahren hat bei uns einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Radfahrer sind klar vom Autoverkehr getrennt, und man kann entspannt entlang eines Knotenpunktsystems fahren“, sagt der Niederlande-Vertreter.

Mehr als 37.000 Kilometer Radwege gibt es insgesamt in dem Beneluxstaat. Sie führen durch den Nationalpark Veluwe bei Arnheim, entlang der malerischen Hansestädte Nimwegen, Zutphen und Deventer, oder zum Königspalast „Het Loo“ bei Apeldoorn. Das Schloss aus dem 17. Jahrhundert eröffnet im Frühjahr neu. Erstmals bekommen Besucher dann auch die unterirdische Erweiterung zu sehen. Und klar ist: In den symmetrischen Gärten rund um den Palast des Hauses Oranien-Nassau herrscht bemerkenswerte Ruhe, es ist ein wahres Idyll. Keine Spur vom Amsterdamer Touristen-Chaos.