Nicht nur Lügde - Kindesmissbrauch ist erschreckend weit verbreitet

Alarmierende Statistik : Nicht nur Lügde – Kindesmissbrauch ist erschreckend weit verbreitet

BKA-Chef Holger Münch verlangt die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung. Denn jede fünfte Kinderporno-Ermittlung muss wegen fehlender Daten eingestellt werden. Im Mai trafen die Fahnder auf einen besonders tragischen Fall.

Wenn jeden dritten Tag in Deutschland ein Kind unter sechs Jahren getötet wird und pro Tag 40 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch werden, dann kann auch ein Polizeiprofi wie BKA-Präsident Holger Münch bei der Vorlage der jüngsten Jahresstatistik nur von „erschreckenden Zahlen“ sprechen. Die Realität ist noch viel schlimmer: Denn die Zahlen decken nur die angezeigten Taten ab. Da sich die meisten aber im persönlichen und familiären Umfeld abspielen, werden die wenigsten angezeigt. Kinderschutzexperten mahnen dringend Konsequenzen an.

So verweist Kindheits-Forscherin Prof. Kathinka Beckmann darauf, dass die Zuständigkeiten für den Kinderschutz vor allem auf den Schultern der Städte und Gemeinden ruhen. In den Jugendämtern fehlten aber Tausende von Stellen. Zudem werde oftmals nicht das Notwendige, sondern das Finanzierbare gemacht. Rainer Becker, der Chef der Deutschen Kinderhilfe, rief die Eltern dazu auf, die Kinder vorbeugend zu erziehen. „Wichtig ist, dass die Kinder lernen: Sie haben ein Recht darauf, Nein zu sagen.“

Der Regierungsbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, appellierte vor allem an die Bundesländer, für einen ausreichend finanziellen Rahmen zu sorgen und Landesmissbrauchsbeauftragte zu berufen. Angesichts der Überforderung von Jugendämtern sei es nicht auszuschließen, dass der Kindesmissbrauch verbreiteter sei als angenommen, wenn er, wie in Lügde sogar über Jahre hinweg unter den Augen eines ganzen Dorfes stattfinde. In dem Ort im Weserbergland waren über 40 Kinder auf einem Campingplatz über Jahre missbraucht und dabei gefilmt worden.

Deutschlandweit kamen im vergangenen Jahr 136 Kinder gewaltsam zu Tode. 4129 ermittelten die Behörden wegen Misshandlung von Kindern. Um 14 Prozent auf 7449 stiegen im vergangenen Jahr die Fälle von Herstellung, Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie. Hauptsächlich aus den USA kämen Hinweise, nachdem dort bei den Providern die Pflicht zur Anzeige eingeführt worden war. Münch verlangte diese Vorkehrung auch in Deutschland. „Dafür brauchen wir auch Uploadfilter“, meinte der BKA-Chef. Damit ließe sich verhindern, dass kinderpornografische Videos wieder und wieder ins Netz gestellt würden.

Angesichts von 4000 Verfahren wegen Kinderpornografie, die wegen Fehlens der Vorratsdatenspeicherung eingestellt werden mussten, sprach sich Münch nachdrücklich für die Wiedereinführung einer zehnwöchigen Speicherfrist aus. In jedem fünften Fall sei die IP-Adresse der einzige Ansatzpunkt für Ermittlungen. Viele Provider seien dazu übergegangen, überhaupt keine Metadaten mehr zu speichern, seit die Regelung in Deutschland ausgesetzt ist. Im Mai sei nach Hinweisen in den USA binnen vier Tagen der Ort der Kinderporno-Herstellung erkannt und der Täter ermittelt worden. Weil die Opfer Altnarben gehabt hätten, seien die Ermittler darauf gestoßen, dass sie dem Täter vor einem Jahr schon einmal auf der Spur waren, ihn aber wegen der fehlenden Vorratsdaten nicht hätten finden können. Mit Speichervorschrift hätte er also nicht erneut die Kinder missbrauchen können.

FDP-Fraktionsvize Katja Suding zeigte sich betroffen von den neuen Zahlen zur Gewalt gegen Kinder. Politik und Gesellschaft seien trotz aller Anstrengungen noch nicht in der Lage, Kinder ausreichend zu schützen. „Da müssen wir viel besser werden“, sagte Suding und verlangte, die Kinder- und Jugendhilfe besser auszustatten und die Jugendämter personell zu stärken. Die Grünen-Fraktionsvize Katja Dörner sprach sich dafür aus, dringend Lücken in der Prävention und der Strafverfolgung zu schließen.  „Darüber hinaus muss auch geprüft werden, ob der Straftatbestand des Cybergroomings erweitert werden soll“, sagte Dörner unserer Redaktion. Unter diesem Begriff wird das Anbahnen von Kontakten zwischen potenziellen Tätern und Kindern über das Internet verstanden.

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