Was die Presse zum Lindner-Rücktritt sagt: "Nicht nur Lindner ist gescheitert"

Was die Presse zum Lindner-Rücktritt sagt : "Nicht nur Lindner ist gescheitert"

Es war ein turbulenter Tag für die FDP dieser Mittwoch. Völlig überraschend trat Generalsekretär Christian Lindner zurück, nur kurz darauf wurde mit Patrick Döring ein Nachfolger präsentiert. Doch recht schnell kam die Frage auf, ob mit Lindner der Richtige gegangen ist. Die Presse jedenfalls ist sich zum großen Teil einig: Der Niedergang der Liberalen ist eingeleitet.

Aufbruchstimmung, das ist es, was die FDP am Mittwoch nach dem Rücktritt des Generalsekretärs verkaufen wollte. Das begann bei Lindner selbst, der von einer "neuen Dynamik" sprach. Und es ging weiter mit seinem Nachfolger Döring, der zurzeit ein Interview nach dem anderen gibt und sich zuversichtlich äußert, dass die FDP nun gemeinsam aus der Krise herauskommt.

Im ZDF-Morgenmagazin forderte er eine Ende der Personaldebatten und dass die FDP "jetzt inhaltlich offensiv die Fahne neu aufrichtet". Die FDP müsse beweisen, dass liberale Politik "unverzichtbar" sei. Dies werde ihr gelingen, wenn alle "an einem Strang ziehen".

Es ist nicht das erste Mal, dass solche Parolen vonseiten der Liberalen ausgegeben werden. Ähnlich klang es auch schon nach dem Rücktritt des damaligen Parteichefs Guido Westerwelle. Und so ist die Resonanz auf die erneute Aufbruchstimmung der FDP im deutschen Blätterwald auch eher ernüchternd.

"Partei in einer Existenzkrise

Viele Zeitungen sehen die Partei auf einem absteigenden Ast und sehen die "Boy Group" um Lindner, Parteichef Rösler und Gesundheitsminister Daniel Bahr als gescheitert an. Und manch einer fragt auch, wozu es der Liberalen überhaupt noch bedarf. So schreibt etwa die "Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Nicht nur Lindner ist gescheitert. Sein Rücktritt, mit dem er sogar enge Parteifreunde überraschte, ist Ausdruck einer Führungskrise, deren Ausgang noch ungewiss ist."

Direkter wird das "Flensburger Tageblatt", das schreibt: "Wer nach dem überraschenden Rücktritt von FDP-Generalsekretär Christian Lindner von einer Führungskrise spricht, verharmlost die Lage. Die Partei befindet sich in einer Existenzkrise. Um ein neues Führungsteam aufzubauen und neue Glaubwürdigkeit zu gewinnen, bräuchte die FDP Zeit."

Ähnlich sieht es auch die "Mitteldeutsche Zeitung". Sie kommentiert den Abgang Lindners mit den Worten: "ie FDP ist in einem so desolaten Zustand, dass ihre Zukunft als politische Kraft in Deutschland spätestens nach der nächsten Bundestagswahl höchst fraglich ist. Zu Recht."

Ob nun Lindner zurückgetreten ist, weil er das "sinkende Schiff" verlassen wollte oder ob er - wie es die SPD ausdrückte - ein "Bauernopfer" aufgrund des Streits um den FDP-Mitgliederentscheid zum Euro-Rettungsschirm ist, darüber sind sich die Zeitungen in ihren Meinungsspalten allerdings nicht einig.

"Röslers letzte Chance"

Große Einigkeit herrscht dagegen in Sachen Parteichef Rösler. Viele Zeitungen sehen seine Position nach dem Rücktritt Lindners und der schnellen Nachfolgelösung mit einem engen Vertrauten nicht etwa gestärkt, sondern geschwächt. Und sie fragen sich, wie lange er überhaupt noch das Steuer bei den Liberalen in der Hand haben wird.

So schreibt die "Braunschweiger Zeitung": "Rösler wird aus der Wir-senken-Steuern-Partei keine ernstzunehmende politische Kraft mit hinreichend breit formierter Programmatik mehr formen. Es fehlt ihm an Autorität, Standpunkt, Augenmaß."

Der General-Anzeiger aus Bonn bemerkt: "Lindners Rückzug ist schon Röslers letzte Chance. Er hat sich schnell einen Getreuen gesucht, der den Platz des Generalsekretärs einnehmen darf. Aber damit allein wird er den Abwärtstrend nicht stoppen."

Und die "Süwest Presse" hat ebenfalls einen deutlichen Standpunkt zum Vorsitzenden der Liberalen. Dort heißt es: "Jetzt muss Parteichef Philipp Rösler den Karren aus dem Dreck ziehen. Es tröstet nur wenig, dass er ihn mit dorthin gesteuert hat. Zunehmend stellt sich die Frage, ob er der richtige Vorsitzende im Überlebenskampf der Partei ist. Wobei sich die Alternativen in Grenzen halten. Ob das krisenerprobte Schlachtross Rainer Brüderle das Blatt wenden könnte, ist höchst fraglich."

Die Frage, wie lange sich Rösler noch in seiner Position halten kann, wird die Republik sicher auch noch in den nächsten Wochen beschäftigen. Dass endlich wieder über Inhalte statt über Personal geredet wird, wird eine Aufgabe des neuen Generals Döring sein. Und nicht nur die Medien, sondern auch die Wähler werden gespannt zuschauen, wie er das umsetzen will.

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(das)