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Neuer Regierungsflieger: Zu Besuch an Bord der neuen Regierungsmaschine

Besuch an Bord : 15+04 - das neue „fliegende Kanzleramt“ mit der kühlen Nase

Ein Airbus A 321-200 ist der neue Jet der Bundesregierung. Das „fliegende Kanzleramt“ hat gerade seinen Dienst aufgenommen: Vizekanzler Olaf Scholz flog damit nach Brüssel. Ein Exklusiv-Bericht von Bord.

Goldene Wasserhähne, Badewanne und Seidenbettwäsche? Nein, die findet man im nagelneuen Regierungsjet nicht. Die Inneneinrichtung des Airbus A 321-200, der sich von außen nur wenig unterscheidet von einem ganz normalen Passagierflugzeug, ist eher schlicht gehalten. Als Pauschaltourist kann man indes nur träumen von der Beinfreiheit auch auf den hinteren Sitzen, dem sogenannten Delegationsbereich, der für die Begleitung der Politprominenz vorgesehen ist. Ebenso unscheinbar ist die Kennung der neuen deutschen „Airforce One“: 15 + 04 statt etwa 01 + 01, was für den Flugzeugtyp und dessen geplante Anzahl in der deutschen Luftwaffe steht.

Der Neue, der morgens um halb acht auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln-Wahn parkt, hat eine frostig glitzernde Nase. Wasserdampf steigt über dem Cockpit auf, in dem bereits die Piloten die Instrumente checken. Es ist bitterkalt, eine Enteisung wird deshalb gleich notwendig sein und ein Spezialfahrzeug den blütenweißen Jet mit den schwarz-rot-goldenen Streifen auf dem Rumpf tief in die orangefarbene Entfroster-Flüssigkeit tauchen.

Kühles Ambiente an Bord: In diesem Bereich nehmen Spitzenpolitiker im Airbus A 321-200 Platz. Foto: Bundeswehr / Jane Schmidt/Jane Schmidt

Ein Tankwagen pumpt gerade 13 Tonnen Kerosin in das Flugzeug, drinnen steht man als Gast nur im Weg: die Besatzung, Abfertigungspersonal, Techniker und Caterer wuseln um das Cockpit und in den Gängen herum. Die Vorbereitung hat bereits anderthalb Stunden vorher begonnen: Die Piloten holen den Wetterbericht ein und und fertigen den Flug ab, die Flugbegleiter informieren sich über ihren Gast, sein Flugziel und die Beladung.

Der „Neue“ bei der Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums wirft seinen Schatten kurz vor der Landung auf einen Acker. Foto: Helmut Michelis

Die Crew ist diesmal mit 13 Köpfen zahlreicher als üblich, weil der Flug von Köln nach Berlin zugleich zum Training von Piloten und Flugbegleitern genutzt wird. Der Neuzugang ist zehn Meter länger als die anderen Maschinen der sogenannten A-320-Familie und damit etwas schwerfälliger und sein Aufsetzverhalten auf der Landebahn anders, berichtet einer der Piloten. „Aber das haben wir ausgiebig geübt, bevor wir jetzt den Bundespräsidenten, die Kanzlerin, ihre Kabinettsmitglieder oder ausländische Staatsgäste an Bord nehmen.“

Vizekanzler Olaf Scholz steigt in Berlin dazu

„Wir haben zwei Türen und damit zwei Notausgänge mehr als in unserem kleineren A 319“, ergänzt Stabsfeldwebel Sven Schnabel und packt Essenstabletts in Alu-Fächer. Für Vizekanzler Olaf Scholz, der gleich in Berlin-Tegel nach Brüssel zusteigen wird, ist nur eine Laugenbrezel als Verpflegung vorgesehen, was dann doch wieder an den Luftfahrt-Massentourismus erinnert. Doch Scholz, so die Erklärung, habe ausdrücklich kein Frühstück bestellt. Vorsichthalber soll ihm und seinen zwölf Begleitern aber eine Obstschale gereicht werden.

Der gebürtige Stuttgarter Schnabel hat im Hotelfach gelernt und in mehreren großen Hotels gearbeitet. Es sei immer sein Traum gewesen, zur Flugbereitschaft zu kommen. Nun ist er seit 28 Jahren dabei. Es werde niemals langweilig, etwas Schöneres könne er sich nicht vorstellen, sagt er, während die Morgensonne durch das Fenster in die Galley, den kleinen Küchenbereich, blinzelt. Schnabel schult die Flugbegleiter um Hauptfeldwebel Johanna Braun in dem neuen Jet, der in dieser Version erstmals bei der Luftwaffe zum Einsatz kommt und darum etliche noch uneingeübte Handgriffe erfordert.

Der Begriff „neu“ ist indes relativ: Zur Kostenersparnis ist die ehemalige „Neustadt an der Weinstraße“ von der Lufthansa gekauft und generalüberholt worden. Die Beschaffung kostete inklusive großem Ersatzteilpaket, VIP- und Kommunikationsausstattung sowie zwei Treibstoff- und Wassertanks rund 90 Millionen Euro. Der neue Jet soll in wenigen Monaten zusätzlich noch ein Laserwaffen-System zur Abwehr von Raketen erhalten, ein Thema, bei dem die Besatzung bewusst einsilbig wird. Ganz so geheim ist die millionenteure Technik allerdings grundsätzlich nicht. Sie ist bereits in anderen Flugzeugen der Regierungsflotte eingebaut, um unter anderem Terroristen mit tragbaren Flugabwehrwaffen keine Chance zu geben.

„Das fliegende Kanzleramt“

Besonders wichtig ist in diesem „fliegenden Kanzleramt“ eben das, was man auf den ersten Blick nicht sieht: So befindet sich in einem zwei mal drei Meter großen Abteil namens „Private Office“ für die Spitzenpolitiker eine der abhörsicheren Telefon- und Verschlüsselungsanlagen an Bord. „Hier bitte keine Fotos“, mahnt einer der Begleiter. Spektakulär ist der Anblick ohnehin nicht: ein Ausziehbett, zwei Sessel, ein ausklappbarer Tisch, dahinter ein Waschraum. Farblich dominiert das Hellgrau der Ledersitze, der Wandverkleidung und des Teppichbodens, unterbrochen vom Dunkelbraun des Holzimitats der Möbel. Andere Staatschefs fliegen gewiss luxuriöser.

Die meisten Politiker, die an Bord kämen, hätten keine Zeit für das Entertainment-System, auf dem wie im Ferienflieger diverse Filme wie die Familiensaga „Adlon“ eingespielt sind. „Sie arbeiten weiter und haben auch kein Interesse an den edlen Tropfen, die wir für alle Fälle bereithalten.“ Das hält auch Scholz so, der in Berlin-Tegel an Bord kommt. Der Finanzminister muss sich nicht umgewöhnen und ist sich deshalb vielleicht gar nicht bewusst, dass er erstmals in diesem Flugzeug sitzt. Denn die Bemalung des Rumpfes und die Innenausstattung gleichen denen der anderen Jets der Regierungsflotte.

Reiseabbruch über der Nordsee-Küste, Pannen-Stopp irgendwo in Afrika, erst am Mittwoch strandete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Addis Abeba wegen eines Defekts am Regierungsflieger „Theodor Heuss“ – die „Fluglinie der Bundesregierung“ ist in den letzten Wochen heftig in die Kritik geraten.

Hier mehr über den Pannenflug von Bundespräsident FrankWalter Steinmeier nachlesen

Das empört die Angehörigen der Flugbereitschaft, die durch ihre prominenten Passagiere deutlich mehr im Fokus stehen als eine zivile Fluggesellschaft. Sie hätten im Vergleich doch deutlich weniger technische Zwischenfälle und Ausfälle und bedienten zudem keine langjährigen regelmäßigen Verbindungen zu Flughäfen, auf denen jeweils auch eine eigene Infrastruktur aufgebaut worden sei.

„Wir erfahren nur kurzfristig, welche Ziele demnächst anstehen. Wir fliegen zu jedem Flugplatz der Welt, dessen Landebahn lang und breit genug ist“, sagt Oberstabsfeldwebel Günter Straub, während die Maschine um 8.40 Uhr zur Startbahn rollt. „Deshalb sind zusätzlich ein Mechaniker und ein Elektroniker an Bord, bei manchen Einsätzen in entlegene Gebiete auch ein Arzt. Und unten im Laderaum fliegt ein Ersatzteilpaket mit, darunter ein Reserverad für das Fahrgestell.“

Flugplanung - eine ganz besondere Herausforderung

Die individuelle Flugplanung sei eine Herausforderung, denn nur die Reisen des Bundespräsidenten seien in der Regel langfristig planbar. Oft kämen Sonderwünsche der Parlamentarier aufgrund der aktuellen politischen Lage hinzu. „Aber eine deutsche Regierungsmaschine darf zum Beispiel nicht direkt vom Libanon ins benachbarte Israel fliegen, sondern muss dazu einen größeren Umweg machen. Und manche Überfluggenehmigungen in Afrika lassen bis zu einem Monat auf sich warten. Da muss auch manchmal der diplomatische Weg bemüht werden, damit es schneller geht.“

Das Flugzeug kann bis zu 82 Passagiere befördern, davon 12 im VIP- und 70 im Delegationsbereich, und hat eine Reichweite von 5000 Kilometern. Auch wenn es für Reisen der Bundesregierung beschafft worden ist, kann es notfalls im militärischen Einsatz verwendet werden: Die Kabine ist so konzipiert, dass die Sitze des Delegationsbereichs ausgebaut werden können und sich der Platz in eine fliegende Krankentransportstation mit intensivmedizinischen Betreuungsmöglichkeiten und zusätzlicher Sauerstoff- und separater Stromversorgung umrüsten lässt.

Die Flugbereitschaft ist deutlich kleiner als die bekannten zivilen Luftfahrgesellschaften. Deshalb entwickle sich zwischen manchen häufig reisenden Kabinettsmitgliedern und der Crew ein persönlicher Kontakt. „Man kennt sich. Da erkundigt sich zum Beispiel ein Minister auch einmal danach, wie es dem Kind einer Flugbegleiterin geht, das doch krank gewesen sei“, sagt Straub. Der Kontakt mit den Prominenten mache den Reiz des Berufs auf, meint eine Soldatin und zählt gemeinsam mit einem älteren Kameraden auf, wen sie schon alles betreut hat: den Papst, die britische Königin oder jüngst den französischen Präsidenten Emmanuelle Macron, der auf Einladung des Auswärtigen Amtes mitgeflogen sei. Details zu ihren Passagieren verraten sie allerdings nicht, das sei Ehrensache.

Um 10.50 Uhr hebt der Regierungsjet in Tegel ab, eine Stunde später landet die 15 + 04 pünktlich in Brüssel und parkt zwischen anderen Regierungsflugzeugen aus Russland, Ungarn, Spanien und Großbritannien ein. Der Rückflug direkt nach Köln – Olaf Scholz wird später zurückreisen - dauert nur etwas mehr als eine halbe Stunde, danach findet noch eine Abschlussbesprechung statt. Afghanistan werde eines seiner nächsten Reiseziele sein, verrät ein Flugbegleiter.

Als die 15 + 04 in Köln landet, rollt gerade ein Airbus-Tanker der Luftwaffe zum Start. Ob weiß für die Regierungsflotte oder grau für den militärischen Einsatz – alle 14 Jets der Flugbereitschaft sind noch in Köln-Wahn stationiert und müssen nach Tegel fliegen, um dort ihre VIP-Fluggäste aufzunehmen. Ein Umzug nach Berlin ist deshalb geplant, hängt aber von der Fertigstellung des neuen Flughafens ab. Das, so wird vermutet, könnte also noch viele Jahre dauern.