Neuer Ärztechef fordert nationale Arzneimittelreserve

Gesundheitspolitik : Ärztechef fordert nationale Arzneimittelreserve

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, verlangt von der Bundesregierung Maßnahmen gegen die grassierende Medikamentenknappheit. Auch Apotheker beklagen Engpässe bei wichtigen Arzneien, etwa Antibiotika, Blutdruckmitteln, Impfstoffen und Krebsmitteln.

Ärzte und Apotheker schlagen Alarm, weil die Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen, auch lebenserhaltenden Medikamenten wie Antibiotika, Blutdrucksenkern und Impfstoffen zunehmen. „Für relevante Medikamente sollte man eine nationale Arzneimittel-Reserve aufbauen, um die Versorgung der Bevölkerung jederzeit gewährleisten zu können“, forderte Ärztepräsident Klaus Reinhardt angesichts der zunehmenden Arzneimittelknappheit. „Welche Medikamente die Allgemeinheit in welchem Umfang vorhalten sollte, das könnten zum Beispiel Krankenversicherungen, Ärzte, Politik und Pharmaindustrie gemeinsam festlegen“, sagte der neue Chef der Bundesärztekammer unserer Redaktion.

Angesichts der alternden Bevölkerung in Deutschland ist die Nachfrage nach Medikamenten generell deutlich gestiegen. Zudem nimmt die Nachfrage aber auch weltweit zu, insbesondere auf den bevölkerungsreichen Kontinenten Asien und Südamerika, die gerade funktionierende Gesundheitssysteme aufbauen und den Herstellern lukrative Absatzmärkte versprechen. Zudem konzentriert sich das weltweite Angebot bei wichtigen Medikamenten oft auf wenige Hersteller. Fällt einer von ihnen aus, können andere die Leerstelle oft nicht schnell genug ausfüllen.

„Das Problem ist in der Tat groß. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder Engpässe in relevantem Ausmaß erlebt“, sagte Ärztepräsident Reinhardt. „Im Juli lagen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 226 Meldungen für eingeschränkte Verfügbarkeit oder für einen Lieferengpass vor“, sagte der Mediziner aus Bielefeld. „Engpässe gibt es zum Beispiel bei antibiotischen Substanzen und bei Bluthochdruckpräparaten, bei denen es vielfach Qualitätsprobleme gibt, weil sie außerhalb Europas unter völlig anderen Standards als unseren hergestellt werden. Probleme mit der Verfügbarkeit gibt es auch immer wieder bei Impfstoffen.“

„Die Arzneimittelknappheit nimmt stark zu. Jeder Apotheker hat täglich weit über 100 Fehlpositionen. Wir müssen jede Woche zusätzlich sechs Arbeitsstunden dafür aufwenden, die fehlenden Medikamente irgendwo zu besorgen. Es fehlen Ibuprofen, Antibiotika, Beta-Blocker, Impfstoffe – das geht durch die gesamte Medikamenten-Palette“, sagte auch der Chef des Apothekerverbandes in Nordrhein-Westfalen, Thomas Preis.

Eine nationale Reserve für wichtige Arzneimittel wird von der Ärzteschaft seit Jahren gefordert. Wegen der grassierenden Arzneimittelknappheit „hat der Vorstand eine nationale Arzneimittelreserve gefordert, in der für sechs Wochen der Bedarf für die wichtigsten Arzneimittel vorgehalten wird“, teilte zuletzt der baden-württembergische Kassenärztliche Verband im Dezember mit. „Wir haben kein Verständnis, dass es in einem der höchst entwickelten Staaten der Welt nicht möglich ist, ausreichend Impfstoff und Arzneimittel zur Verfügung zu stellen. Wir wollen gar nicht daran denken, was passiert, wenn wir einmal eine plötzliche Epi­demie haben. Hier besteht unbedingt dringender Handlungsbedarf“, sagte derer Chef Norbert Metke.

Eine nationale Arzneimittelreserve müsste der Staat aufbauen, da sich private Unternehmen dazu kaum verpflichten ließen. Eine staatliche Reserve mit Impfstoffen für 20 Prozent der Bevölkerung für Impfstoffe gegen die Schweinegrippe war erstmals 2009/2010 angelegt worden. Die Furcht vor einer Pandemie hatte sich damals jedoch als unbegründet erwiesen, die Regierung blieb daraufhin auf den Impfstoffen sitzen.

NRW-Apothekerchef Preis hält eine staatliche Reserve für kaum umsetzbar, da es immer wieder zu Engpässen bei verschiedenen Medikamenten komme. „Apotheken tragen heute schon erheblich dazu bei, dass Arzneimittel in ausreichender Menge vorhanden sind“, sagte Preis. „Per Gesetz sind sie und der pharmazeutische Großhandel verpflichtet, jeweils einen zweiwöchigen Bedarf der täglich benötigten Medikamente vorrätig zu halten. Somit ist dadurch bereits ein vierwöchiger Vorrat geschaffen.“ Leider gebe es eine vergleichbare Regelung bei den Arzneimittelherstellern nicht. „Hier wäre bei versorgungsrelevanten Medikamenten zumindest im ersten Schritt mehr Transparenz über Produktionskapazitäten und Lieferengpässe nötig. Hersteller müssten auch verpflichtet werden, ihre Produktionsstandorte von Asien zurück nach Europa zu verlegen“, sagte Preis.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, verwies auf neue gesetzliche Regelungen. So könne etwa das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte künftig schneller handeln, wenn Lieferengpässe bei einem Medikament drohten. „Sollten diese Regelungen nicht ausreichen, um Arzneimittelengpässe zu verhindern, werden wir im Deutschen Bundestag weitere Lösungen diskutieren“, sagte die CDU-Politikerin Maag.

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