Neue Studie belegt schwaches Gesundheitswissen von Alten und Kranken

Gefährliche Missverständnisse : Patienten verstehen Ärzte oft nicht

Ältere und chronisch Kranke wissen erschreckend wenig über eine gesunde Lebensführung. Das soll sich ändern: Können ehrenamtliche Gesundheitsbegleiter das Problem lösen?

Das Wissen um medizinische Zusammenhänge und Hilfsangebote ist ausgerechnet bei älteren Menschen und bei Menschen mit chronischen Erkrankungen schwach ausgeprägt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie des Instituts für Gerontologie an der Technischen Universität (TU) Dortmund, die unserer Redaktion vorliegt.

Die Forscher haben im westfälischen Bocholt 3000 Bürger im Alter von mindestens 45 Jahren befragt. Demnach wissen 87,6 Prozent der älteren Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Rheuma relativ wenig über ihre Krankheit und den richtigen Umgang damit im Alltag.

Fast die Hälfte (44,3 Prozent) hat Schwierigkeiten, Informationen über Hilfsangebote bei psychischen Problemen zu finden. Rund 41 Prozent fällt es schwer, zu beurteilen, wie sich die Wohnumgebung auf die eigene Gesundheit auswirkt, also zum Beispiel nächtlicher Verkehrslärm. Knapp ein Drittel der Befragten kann auch mit ärztlichen Informationen wenig anfangen. Wenn sie sich auf der Grundlage eines Arztgespräches die Vor- und Nachteile verschiedener Behandlungsmöglichkeiten bewusst machen sollen , ist das für 32,2 Prozent der Befragten „schwierig“.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagt dazu: „Wenn es für die Patientin oder den Patienten um die Entscheidung über eine medizinische Behandlung geht, steht das Gespräch mit dem behandelnden Arzt im Mittelpunkt.“ Er teilt die Kritik der Studie an den Arztgesprächen jedoch nicht: „Mein Eindruck ist, dass der Dialog zwischen Patient und Arzt oder auch mit anderen Gesundheitsprofessionen in der Regel gut funktioniert.“

Projektleiterin Andrea Kuhlmann hält dagegen: „Das Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Gesundheitsinformationen ist für die hier befragten Älteren und chronisch Kranken ein großes Problem.“ Auch jenseits von Bocholt: „Chronisch Kranke und ältere Menschen haben in ganz NRW eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz“, so die Wissenschaftlerin. Die Betroffenen hätten ein deutlich höheres Gesundheitsrisiko.

Auf dem Land trifft die eingeschränkte Gesundheitskompetenz der chronisch Kranken und Alten zudem auf einen strukturellen Landarzt-Mangel. Auch die Krankenhäuser sind dort schlechter erreichbar. Nach neue Zahlen des statistischen Landesamtes erreichen in den Städten des Landes 72 Prozent der Einwohner binnen zehn Minuten ein Krankenhaus und außerhalb nur für 56 Prozent. Kuhlmann: „Gerade dort, wo es wenig Ärzte und Gesundheitsangebote gibt, ist die Fähigkeit, die Gesundheit in die eigene Hand zu nehmen, natürlich besonders wichtig.“

In einem zweiten Schritt will das Institut für Gerontologie deshalb erforschen, wie die Gesundheitskompetenz auf dem Land verbessert werden kann. In einem Bocholter Gesundheitszentrum überprüfen die Forscher die Wirksamkeit von Maßnahmen wie einem regelmäßigen Gesundheitsstammtisch, Kursangeboten für Fitness im Alter oder für autogenes Training. Ehrenamtliche Gesundheitsbegleiter durchlaufen eine 60-stündige Ausbildung, um chronisch Kranken mit Tipps und kleinen Handreichungen den Weg in ein gesünderes Leben zu ebnen.

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