Neue Ereignisse des Erinnerns an den Holocaust schaffen

Kommentar zum Holocaust-Gedenken : Ereignisse des Erinnerns schaffen

In einem stark gewandelten Umfeld braucht es einen neuen emotionalen Ansatz für die Erinnerung an den Holocaust. Das ist ein Auftrag für die Kreativität von Filmemachern und Drehbuchautoren. Im Bundestag lieferte ein Mann ein Muster dafür.

Zu Recht hat Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble beim Holocaust-Gedenken im Bundestag auf die nachhaltige Wirkung der Hollywood-Holocaust-Serie erinnert. Die vier Folgen über die Geschichte der Familie Weiß in Nazi-Deutschland erschütterten 1979 die Bevölkerung, schufen ein völlig neues Bewusstsein für die schreckliche Vergangenheit und bereiteten den Boden unter anderem für den Stopp der Verjährungsfristen für Mord und Völkermord.

Nur weniges hat die Zuschauer ähnlich elektrisiert, und doch dauerte es vierzig (!) Jahre, bis das Publikum jetzt die erste Wiederholung sehen konnte. Gemessen an der jungen Zielgruppe der TV-Anstalten hatten gleich mehrere Generationen nicht die Chance, sich wie ihre Väter und Großväter emotional dem zu nähern, was vor 1979 so gerne verdrängt worden war.

Natürlich gab es immer wieder hervorragende Dokumentationen, brillante Spielfilme und ergreifende Reportagen. Aber die aktuelle Generation wächst auf in einem Umfeld, in dem die Zeitzeugen aussterben, in dem auf Demonstrationen der Hitlergruß gezeigt und Nazi-Parolen gegrölt werden, in dem mit dem Begriff „Denkmal der Schande“ gespielt wird, um das Holocaust-Gedenken zu relativieren und eine „erinnerungspolitischen 180-Grad-Wende“ einzuleiten. Das sind nicht mehr nur Anfänge, denen sich die Republik als Lehre aus dem Nationalsozialismus immer erwehren wollte. Das ist der Beleg, schon wieder mittendrin zu sein.

Spürbar vorbei sind die Zeiten, in denen sich die politischen Lager nur nicht darauf einigen konnten, ob die Deutschen gegenüber ihrer Nazi-Vergangenheit eine „Kollektivschuld“ oder eine „Kollektivscham“ empfinden sollten. Und Vergangenheit scheint in wachsenden Kreisen der Bevölkerung auch die Bewertung des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu sein, der 40 Jahre nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 dieses Datum als „Tag der Befreiung“ charakterisierte. Tatsächlich bereiten sich Parteien auf die Europawahlen mit nationalen bis nationalistischen Parolen vor.

Die 1979 in Deutschland nicht gezeigten letzten Minuten der amerikanischen „Holocaust“-Serie setzen bei den wenigen Überlebenden an und lassen auf ein besseres Zusammenleben ohne ein Vergessen der schrecklichen Verbrechen hoffen. Vierzig Jahre später braucht es einen solchen Ansatz in besonderem Maße. Saul Friedländers bewegende Rede im Bundestag mit der Perspektive der damaligen Gesellschaft, der Täter und der Opfer sollte Anlass und Muster für Fernsehanstalten und Filmproduktionen sein, die besten Drehbuchautoren und Regisseure darauf anzusetzen, ein neues Ereignis des kollektiven Erinnerns zu schaffen. Die neue Jugend hat es in diesem Umfeld so nötig wie keine seit 1979.

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